Breed & Feed

Kreislauf des Lebens im Grünen Zoo

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Fressen und gefressen werden gehört zum Leben in einem Zoo – und Löwen sind keine Vegetarier. Sie brauchen Fleisch. 

WUPPERTAL In Wuppertal wird auf eine naturnahe Tierhaltung gesetzt – auch bei der Fütterung. Die Strategie heißt „Breed & Feed“.

Von Lisa Grund

Der Grüne Zoo hat ehrgeizige Ziele: Er will Menschen für Tiere begeistern, aktiv Artenschutz betreiben und einen Beitrag zur Umweltbildung der Gesellschaft leisten. Er möchte den und Besuchern die unglaubliche Artenvielfalt der Tierwelt zeigen – dazu gehört auch die Haltung fleischfressender Raubtiere. Viele Menschen sind fasziniert von der Kraft und Ausdauer der Löwen, von der Neugier der Rothunde und dem Erfindungsreichtum der Seelöwen.

Auch Yak-Nachwuchs, der an keinen anderen Zoo vermittelt werden kann, wird im Wuppertaler Zoo geschlachtet und verfüttert.

Um diese und weitere Tierarten ihren Bedürfnissen entsprechend zu ernähren, denn dazu ist der Zoo per Tierschutzgesetz verpflichtet, kauft er pro Jahr rund 40 000 Kilogramm Fleisch ein. Kaninchen, Ratten, Mäuse, Küken, Rindfleisch und Fische sind essenzielle Bestandteile der Futterpläne vieler Arten, seien es Greifvögel, Pinguine, Schlangen, Erdmännchen, Leoparden oder Tiger. Viele Zoos haben hinter den Kulissen sogar eine eigene Futtertierzucht, um weniger tierische Futtermittel von extern einkaufen zu müssen. So kann sichergestellt werden, dass die Tiere nicht nur tiergerecht gehalten und bestens versorgt wurden, sondern auch die Tötung möglichst schnell und stressarm in der gewohnten Umgebung, ohne vorherigen Transport zu einem Schlachtbetrieb, durchgeführt wird. Im Grünen Zoo Wuppertal werden schon lange beispielsweise Fruchtfliegen und Heimchen als Futter für viele Amphibien, Reptilien und Vögel gezüchtet.

Gleichzeitig gibt es auch vor den Kulissen viele Tierarten im Grünen Zoo, die sich aktiv fortpflanzen und erfolgreich Jungtiere aufziehen – eine große Bereicherung im Leben dieser Tiere und eine wichtige Möglichkeit, das ganze Repertoire ihrer natürlichen Verhaltensweisen auszuleben. In der Natur besteht dann ein Kreislauf des Lebens. Manche Jungtiere werden von Raubtieren getötet, einzelne sterben eventuell an Krankheiten oder durch Ressourcenmangel, und einige überleben, um sich wiederum fortzupflanzen – und sie sichern so das Fortbestehen ihrer Art.

Im Zoo besteht keine Nahrungsknappheit, dort werden die Tiere geschützt und versorgt, dadurch ist der Prozentsatz der überlebenden Jungtiere viel höher: Die Population wächst. An erster Stelle steht dann immer die Vermittlung der Tiere in einen anderen Zoo. Vom europäischen Zooverband EAZA akkreditierte Zoos erfüllen umfangreiche Auflagen zur Tierhaltung und zur Sachkunde ihrer Mitarbeiter. Sie vertrauen sich gegenseitig ihre Tiere an, und können sich durch die vom Zooverband definierten Standards auf eine tiergerechte Haltung im anderen Betrieb verlassen.

Internationaler Zooverband unterstützt die Strategie

Steht kein geeigneter Platz zur Verfügung, können einzelne Jungtiere dann, eine Genehmigung der Veterinärbehörde vorausgesetzt, tierschutzgerecht getötet und an Raubtiere verfüttert werden, um ein zu schnelles Anwachsen der Population zu verhindern. „Breed & Feed“ heißt diese Strategie, die vom Zooverband EAZA unterstützt wird und auch im Grünen Zoo Wuppertal bei verschiedenen Tierarten zum normalen Management gehört.

Pinguine ernähren sich von Fischen. Die Fütterung der Vögel gehört zu den Höhepunkten eines Zoo-Besuchs.

„Breed“ bedeutet „züchten“: Statt durch Kastrationen oder hormonelle Verhütungsmittel die Zucht zu unterbinden, können die Elterntiere Fortpflanzung und Jungtieraufzucht vollumfänglich erleben. Bei manchen Arten verlassen die Jungtiere dann natürlicherweise in einem bestimmten Alter die Gruppe, was für die Elterntiere ein normaler Ablauf ist. Bei anderen Arten gehört der Verlust einzelner Gruppenmitglieder in der Natur zum Alltag. „Feed“ bedeutet „fressen“ oder „füttern“: Für die Raubtiere sind frisch getötete Zootiere einerseits ein qualitativ sehr hochwertiges Futtermittel, denn nur bedarfsgerecht ernährte und sachkundig gehaltene Tiere haben ihrerseits als Futter einen hohen Nährwert. Andererseits regt ein noch warmer Tierkörper mit Haut, Haaren und speziellen Gerüchen die Sinne an und ist für das Raubtier eine besondere Bereicherung des Alltags.

Ob Nutz- oder Wildtier: Es sei nicht gerechtfertigt, einen ethischen Unterschied zwischen dem Leben einer Ratte aus der Futtertierzucht und dem Leben eines Präriehundes aus dem Zoo zu machen. Beides sind Nagetiere, die in das Futterspektrum vieler fleischfressender Tierarten passen. Auch das Leben einer Kuh ist ethisch nicht weniger wert als das Leben eines Hirsches. Die Haltungsbedingungen sind bei den eigenen Tieren sogar viel besser überprüfbar – für den Zoo und den Besucher.

Stressfaktor ist bei Zoo-Tieren viel kleiner

Während eine Kuh aus konventioneller Tierhaltung in der Regel auf einen Transporter verladen und zu einem Schlachtbetrieb gefahren wird, dort im Stall zunächst warten muss und dann schließlich in einem Zwangsstand betäubt wird, ist der Stressfaktor bei den Zoo-Tieren viel kleiner. So bekam ein Yak-Jungtier, das letztes Jahr geboren wurde und an keinen anderen EAZA-Zoo vermittelt werden konnte, jeden Morgen an einer bestimmten Stelle im Gehege eine Extra-Portion Futter, während die Elterntiere noch im Stall waren. Zuverlässig und entspannt vollzog es diese Routine jeden Tag. An einem Morgen wurde es dabei jagdlich erschossen, ohne dass es vorher auch nur annähernd gestresst gewesen wäre.

Nach einer eingehenden tierärztlichen Begutachtung und der Zerlegung des Tierkörpers wurden das Fleisch und einzelne Organe an die Raubtiere verfüttert. Dafür konnte in dieser Woche die Bestellung von Rinderhälften aus dem Schlachthof reduziert werden. Wenn nächstes Jahr bei den Yaks ein weiteres Jungtier geboren wird, werde wieder die Abgabe an einen EAZA-Zoo angestrebt. Sollte dies jedoch nicht zustande kommen, komme ein Töten und Verfüttern durchaus nochmals in Frage.

Auch die Afrikanischen Zwergziegen im Juniorzoo bekommen jedes Jahr Jungtiere. Je nach Gruppengröße werden männliche Ziegenböcke dann in einem bestimmten Alter aus der Gruppe genommen und von erfahrenem Personal kurz festgehalten, per Bolzenschuss betäubt und durch Blutentzug direkt getötet. Auch die Meerschweinchen in der neuen Haltung neben den Kängurus dürfen sich vermehren, so dass bei zu großer Gruppengröße Jungtiere entnommen, getötet und verfüttert werden können.

Auch mancher Hund braucht Spezialfutter

Für einige Besucher ist das leicht nachzuvollziehen. Für die eigenen Lebensmittel nimmt man, zumindest wenn man nicht vegetarisch lebt, schließlich auch die Tötung von Tieren in Kauf. Nur das Spektrum der dafür genutzten Tierarten ist seit Jahrhunderten kulturell festgelegt oder sogar ganz individuell verschieden. Ob man Pferdefleisch, Straußenfleisch oder Froschschenkel isst, bleibt häufig eine emotionale Entscheidung, keine rationale. Manch einer kennt auch einen Hund mit Futtermittelallergie, der Spezialfutter mit Känguru- oder Rentierfleisch bekommt.

Für einen Löwen oder Leoparden gehören Antilopen, Zebras oder Hirsche zum normalen Beutespektrum. Der Grüne Zoo will Umweltbildung betreiben und dazu gehört es auch, die Menschen über Kreisläufe in der Natur zu informieren und die Entfremdung von der Natur zu überwinden. Der Tierkörper eines getöteten Milu-Jungtieres wird im Zoo nicht extra zerlegt und gehäutet werden, damit möglichst kein Besucher mehr erkennen kann, worum es sich handelt. Auf diversen Führungen und Veranstaltungen wird die Thematik offen kommuniziert, alle Fragen sind willkommen.

Und nicht nur die beiden Ziele Umweltbildung und artgerechte Tierernährung werden bei „Breed & Feed“ umgesetzt – auch dem Artenschutz kommt das Konzept zu Gute. In der Natur gilt: Survival of the fittest! Nur die kräftigsten Jungtiere überleben und können ihre Gene später weitergeben. Durch die gute Versorgungssituation im Zoo geht dieser Selektionsmechanismus ein Stück weit verloren, dort haben auch schwächere, kleinere Jungtiere eine Überlebenschance. Für den Erhalt einer gesunden Population sind solche Tiere allerdings nicht geeignet.

Verhütung beeinträchtigt genetische Vielfalt der Population

GRÜNER ZOO WUPPERTAL

ÖFFNUNGSZEITEN Der Grüne Zoo Wuppertal ist ganzjährig geöffnet – im Winter täglich von 8.30 bis 17 Uhr (an Silvester bis 12 Uhr).

TIERHÄUSER Die Tierhäuser schließen im Winter etwa 15 Minuten vor Gartenschluss (16.45 Uhr).

AQUARIUM Das Aquarium schließt im Winter etwa 30 Minuten vor Gartenschluss (16.30 Uhr).

Wird die Zucht durch Verhütungsmaßnahmen eingeschränkt, hat man weniger Auswahl für die nächste Generation. Beim Management von bedrohten Arten müssen die Koordinatoren der europäischen Zuchtbücher dann mit den wenigen Individuen auskommen, die verfügbar sind. Unerwartete Verluste, zum Beispiel durch Krankheiten, können schlechter aufgefangen werden und die genetische Vielfalt der Population erheblich beeinträchtigen. Mit der Strategie „Breed & Feed“ können in jeder Generation die besten und stärksten Tiere für die weitere Zucht ausgewählt werden. Andere Tiere können, sofern kein geeigneter Platz in einem EAZA-Zoo zur Verfügung steht, als Futtertiere dienen und haben damit ebenfalls einen hohen Nutzen für den Zoo als Gesamtkonstrukt. So ist es auf den zweiten Blick also keinesfalls ein Widerspruch, dass auch Individuen bedrohter Arten zur Verfütterung getötet werden können.

Der Grüne Zoo Wuppertal steht für eine ganzheitliche Betrachtung des Zootierbestands und der Tierwelt allgemein, ein Einzeltier kann nicht losgelöst von allen anderen Umständen beurteilt werden. Natürlich haben die Tierpflegerinnen und Tierpfleger zu all ihren Schützlingen eine Verbindung, und auch Besucherinnen und Besucher fühlen sich verschiedenen Tieren nahe. Wenn es aber um das Management des Tierbestands geht, müssen in einem wissenschaftlich geleiteten Betrieb die großen Zusammenhänge über den persönlichen Emotionen stehen.

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