Mit Knüppeln auf den Hinterkopf

WUPPERTAL Opfer erzählen, wie sie von Neonazis über Monate bedroht oder krankenhausreif geprügelt wurden. Namen wurden geändert.

Der junge Mann, der Nicole B. mit einem Knüppel bewusstlos geprügelt haben soll, sitzt am Fenster in der 2. Etage und grinst in die Menschenmenge. Es ist der 9. November, über 2000 Menschen ziehen über die Kaiserstraße in Wuppertal-Vohwinkel, um ein Zeichen gegen die rechte Szene ihrer Stadt zu setzen.

Neonazis haben sich an offenen Fenstern in einer Wohnung versammelt, darunter auch jener junge Mann. Sie rufen nationalsozialistische Parolen in die Menge, verhöhnen Gruppen, die in wütenden Sprechchören „Nazis raus!“ rufen. Während Demonstranten mit Kerzen an brennende Synagogen im Dritten Reich erinnern, verspotten die Neonazis mit Teelichtern auf den Fensterbänken die Opfer.

Die Szene tritt selbstsicher auf. Etwa zehn junge Männer und Frauen zeigen sich demonstrativ. Zwei Transparente einer Neonazi-Online-Plattform hängen vor der Hausfassade, an der unten Sicherheitskräfte stehen.

2010 drohten Neonazis mit Knüppeln, Ende September schlugen sie zu

25 bis 35 Personen zählt die Polizei zum harten Kern der Stadtteil-Szene. Im Februar sprach sie noch von 15. Sorge bereitet die wachsende Brutalität: Über Monate hatten Neonazis eine Familie mit drei Kindern bis vor die eigene Haustür derart eingeschüchtert, dass sie im Herbst 2010 ihren Heimatort verlassen hatte. Drohungen erfolgten verbal und mit Knüppeln. Eine Anzeige wegen Neonazi-Aufklebern sei ohne Folgen geblieben, sagt die Mutter.

Knüppel kamen dann Ende September in einem anderen Fall zum Einsatz. Nicole B. (damals 20 Jahre) war mit anderen jungen Leuten nachts über den Trödelmarkt in Vohwinkel gezogen. Dann kam es laut Polizei zu „Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen des rechten und linken Spektrums“.

15 Tatverdächtige aus der rechten Szene nahm die Polizei fest (ST berichtete) – davon fünf Frauen zwischen 16 und 24 Jahren aus Wuppertal und Dortmund. Von zehn männlichen Beschuldigten zwischen 16 und 35 Jahren kamen fünf aus Wuppertal, je eine Person aus Düsseldorf, Viersen, Mönchengladbach, Hamm und Bitburg.

„Er hätte nicht aufgehört, zuzuschlagen.“

Nicole über den Täter, der mit einem Knüppel auf ihren Kopf einschlug

Die Opfer empfinden den Begriff „Auseinandersetzung“ als Verharmlosung. Nicole B.: „Es war ein bewaffneter Überfall.“ Vor einer Imbiss-Bude sei es zum Wortgefecht zwischen vier Neonazis und ihrem Freund gekommen. Ihr alternativer Kleidungsstil hätte ausgereicht, um ins Feind-Schema zu passen. Dem Freund wurde ins Gesicht geschlagen. „Dann wurde mir schwarz vor Augen“, sagt Nicole B. Zeugen berichten, dass der Neonazi-Aktivist Matthias D. aus Hamm mit einem Knüppel auf den Kopf der zierlichen Frau einschlug – auch, als sie bewusstlos am Boden lag. Laut Presseberichten war er im April zu einer einjährigen Jugendhaftstrafe ohne Bewährung verurteilt worden, weil er eine 22-jährige Studentin bedroht und mit Pfefferspray verletzt hatte. Er war in Berufung gegangen und ist auf freiem Fuß.

Nicole B. und drei weitere Opfer wurden im Krankenhaus behandelt, darunter Thomas S. (27). Der Student gibt an, von hinten mit einem Knüppel „ohne Vorwarnung“ niedergeschlagen worden zu sein. Folge: Platzwunde und Gehirnerschütterung. Nicole B. litt unter einer Platzwunde mit Verdacht auf Schädelbruch und innere Blutungen.

Die vier Opfer erstatteten nach eigenen Angaben Anzeige. Nicole B. hofft, dass Matthias D. wegen „versuchten Totschlags“ verurteilt wird. Jemand habe sie zum Schutz in den Imbiss gezogen. „Ich bin mir sicher: Er hätte nicht aufgehört zuzuschlagen.“ lm

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