Wuppertal Institut

Klima-Spatz kontrolliert die Raumluft

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Carolin Baedeker und Viktor Grinewitschus vom Wuppertal Institut mit einem der Klima-Spatzen. 

WUPPERTAL Das Wuppertal Institut hat einen ganz besonderen Vogel entwickelt. „Piaf“ soll dabei helfen, Energie zu sparen.

Von Eike Rüdebusch

Seit einer Woche sitzt ein Vogel auf meinem Bildschirm und beobachtet mich – oder vielmehr die Luft um mich herum. Er heißt Piaf, wie der Spatz auf Französisch, und ist aus dem Wuppertal Institut herübergeflogen.

Aktuell sitzt er auch im Bundesumweltministerium bei Ministerin Svenja Schulze und 20 ihrer Mitarbeiter, sowie im Land- und Amtsgericht Bonn. Er soll helfen, die Luftqualität in den Räumen zu verbessern – und die Energie-Effizienz zu optimieren. Das tut der Vogel, indem er leuchtet. In seinem Hals ist eine Lampe versteckt, die grün-weiß leuchtet, wenn alles okay ist.

Wenn der CO2-Gehalt der Luft oder die Luftfeuchtigkeit zu hoch ist, wechselt die Kehle des Spatzen die Farbe und wird rot – Zeit, um zu lüften. Wenn er bläulich leuchtet, zeigt er damit an, dass genug gelüftet wurde und das Fenster wieder geschlossen werden sollte.

Das Projekt kommt vom Wuppertal Institut und dem Europäischen Bildungszentrum der Wohnungswirtschaft und Immobilienwirtschaft (EBZ). Zusammen arbeiten beide Institutionen seit 2016 an dem Projekt.

Es geht darum, die Energieeffizienz in – vor allem öffentlichen – Gebäuden zu steigern. Carolin Baedeker, Projektleiterin und stellvertretende Leiterin der Abteilung Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren am Wuppertal Institut, erklärt, es gehe dabei um „den menschlichen Faktor“. Denn viele Gebäude seien mit Anlagen ausgestattet, die Luft und Klima steuern, aber der Mensch werde da eben nicht eingerechnet – dessen Bedürfnisse und individuelle Wohlfühlzonen.

Denn häufig laufen die Anlagen quasi zu gut. Viktor Grinewitschus, Professor für Energiefragen der Immobilienwirtschaft der EBZ, sagt, viele Anlagen liefen durch – Heizen und Lüften auf gleichem Niveau. Auch wenn niemand da ist. „Energie, die keiner will, zu Zeitpunkten, die keiner braucht.“ Da könne man nachsteuern.

„Wenn es nervt, fliegt der Vogel schneller raus, als wir uns das vorstellen können.“
Carolin Baedeker, Projektleiterin

Außerdem seien die eingestellten Werte oft nicht die, die für die Nutzer die angenehmsten sind. Wenn es zum Beispiel draußen warm werde, heizten viele Anlagen noch wie an kühleren Tagen. „Sie sind träge“, erklärt Baedeker. Das führe dazu, dass Mitarbeiter die Hitze weglüfteten. Also auch die Energie. Da liege Einsparpotenzial. Baedeker erklärt, es gehe um Nachhaltigkeit. Aber auch um Geld. Das Einsparpotenzial sieht sie bei mindestens 20 Prozent.

Piaf ist das, was früher die Kanarienvögel in den Zechen waren. Nur weniger bedrohlich. Niemand muss raus, wenn er rot blinkt. Aber diese Anleihe war die Idee der Düsseldorfer Designerin Christina Zimmer, die den Vogel gestaltet hat. Baedeker sieht Piaf als eine Art „Tachometer“, eine kleine Bremse, für das Lüften von Räumen. Die Anzeige für die objektive Qualität der Luft fehle eben häufig – und so verließen sich viele auf das subjektive Gefühl. Aber die Gefühle gehen stark auseinander.

Der Vogel ist seit 2016 im Land- und Amtsgericht Bonn. In den ersten Testphasen habe man viel gelernt. Etwa, dass die Leute, die den Vogel nutzen, auch Rückmeldung wollen. Und so wird in der aktuellen Heizperiode, in der der Vogel Gast in Berlin ist, eine Online- Daten-Plattform getestet. So können die Nutzer direkt sehen, wie die Werte sind.

PIAF

MESSSTATION Der Vogel „Piaf“ als Messstation für Kohlenstoffdioxid, Luftfeuchtigkeit und Temperatur ist ein wissenschaftliches Projekt. Er wird fortwährend weiterentwickelt. Die erste Version war in sieben Farben verfügbar, die kommende in fünf. Zu kaufen ist er (noch) nicht. Piaf wird nur in Verbindung mit dem Forschungsprojekt ausgegeben. Dass er Marktreife erlangt, will das Wuppertal Institut aber nicht ausschließen.

Dazu soll es zwei Mal täglich E-Mail-Abfragen geben, die etwa nach dem eigenen Empfinden, was Temperatur angeht, fragen. Baedeker sagt, das müsse mit Bedacht gemacht werden. „Wenn es nervt, fliegt der Vogel schneller raus, als wir uns das vorstellen können.“ Damit das nicht passiert, sind zwei Kommunikationsdesigner mit im Boot.

Was Baedeker und Grinewitschus erreichen wollen, ist ein Dialog über die Anlagennutzung in Gebäuden und eine „nutzerzentrierte Betriebsführung“. Der Mensch soll im Mittelpunkt stehen und mit dessen Wünschen im Fokus die Effizienz gesteigert werden.

Auch wollen sie, dass es einen konstanten Dialog gibt zwischen Gebäudenutzern und Anlagentechnik und dem Gebäudemanagement. Und zwar datenbasiert und transparent.

Baedeker sagt, dieser minimal-investive Bereich werde in den Klimazielen der Bundesregierung nicht erwähnt – von den Nutzern sei bei Gebäuden nicht die Rede. Doch darin liegen große Potenziale. Für Nachhaltigkeit, Finanzen und das Wohlbefinden im Büro.

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