Geburtstag

Irmgard Schlickowey: Netteste Politesse Deutschlands ist 80 Jahre alt geworden

Irmgard „Irmchen“ Schlickowey feierte am Freitag ihren 80. Geburtstag. Hier verteilt sie aus Spaß ihrem Sohn ein Knöllchen. Foto:
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Irmgard „Irmchen“ Schlickowey feierte am Freitag ihren 80. Geburtstag. Hier verteilt sie aus Spaß ihrem Sohn ein Knöllchen.

Für sie war es immer das Wichtigste an ihrer Arbeit, die Menschlichkeit zu bewahren

Von Stephan Büllesbach

Hückeswagen. Vor dem Gesetz sind alle gleich – und vor Irmgard „Irmchen“ Schlickowey. Als Politesse machte die gebürtige Ostpreußin, die mit ihrer Familie 1956 über Niedersachsen nach Hückeswagen genommen war, keine Unterschiede. Das bekamen auch ihr damaliger Chef, Stadtdirektor Hans-Jürgen Pauck, und ihr Mann zu spüren. Als sie Letzterem ein Knöllchen wegen Falschparkens in der Stadt unter den Scheibenwischer seines Autos geklemmt hatte, hatte er die Überweisung bei ihrer Rückkehr von der Arbeit bereits ausgefüllt.

Irmgard Schlickowey in den 1990ern bei einem Empfang.

„Das war mir eine Genugtuung“, erzählt die Hückeswagenerin und muss dabei diebisch grinsen. Von Pauck gab es sogar eine „Belohnung“, sagt sie. „Er hatte mir gesagt: Mich erwischen sie so leicht nicht. Wenn aber doch, bekommen Sie einen Kasten Bier.“ So stand ein solcher 14 Tage später unter ihrem Schreibtisch, nachdem auch der Verwaltungschef falsch geparkt und von „Irmchen“ erwischt worden war. Noch heute schwärmt die Frau, die am gestrigen Freitag mit der Familie und Freunden ihren 80. Geburtstag gefeiert hat, von ihrem früheren Chef: „Hans-Jürgen Pauck war ein Kumpel und eine Respektsperson.“

Irmgard Schlickowey hat nie dem gängigen Klischee der unbarmherzigen, bösartigen Politesse entsprochen. Schon deshalb nicht, weil sie früh auf eine Uniform verzichtete. Im schicken Kostüm kam „Irmchen“ besser an: „Ich wollte als normale Bürgerin anerkannt werden, nicht als Amtsperson, die Macht ausübt.“ Ein weiterer Grund für ihre Beliebtheit war, dass sie mit ihren „Kunden“ immer pfleglich umging: Sie hatte sie erst einmal ihren Frust abladen lassen und ihnen dann den Sachverhalt erläutert. „Da waren die meisten wieder beruhigt.“ Und sie bezahlten.

Auch wenn sie die Vielzahl der Verbote anfangs abschreckte, bewarb sie sich für die Stelle. Später waren ihr die einzelnen Paragrafen der Straßenverkehrsordnung in Fleisch und Blut übergegangen. So hatten die Falschparker jedes Mal „schlechte Karten“, wenn sie mit „Irmchen“ diskutieren wollten. Dazu kamen ihr Charme und ihre Freundlichkeit, weswegen ihr kaum jemand böse war. Dennoch gab es einige negative Begegnungen. Ein Firmenboss wollte ihr verbieten, Falschparker im Bereich seines Unternehmens aufzuschreiben. Sogar bei der Stadtverwaltung hatte er sich beschwert. „Irmchen“ schrieb die Knöllchen trotzdem und hatte Rückendeckung aus dem Rathaus.

„Diese 19 Jahre waren die schönste Zeit meines Lebens.“

Irmgard Schlickowey

Ein Falschparker hatte auf dem Gehweg der Marktstraße bezahlt, den Strafzettel vor ihren Augen aber zerrissen und ihr ein paar unflätige Worte an den Kopf geworfen „Das hat ihn 15 Tagessätze à 50 Mark und die Anwaltsgebühren gekostet“, erinnert sie sich. Und dann war da noch die Mutter, die ihr Kind aus dem Kindergarten abholen wollte, dabei aber ihr Auto ins Halteverbot gestellt hatte. Das Knöllchen kommentierte sie mit den Worten: „Für diesen Job wäre ich mir viel zu schade.“

Doch solche Situationen waren die Ausnahme. Der Beruf der Politesse hat Irmgard Schlickowey großen Spaß gemacht: „Diese 19 Jahre waren die schönste Zeit meines Lebens.“ Zumal für sie bei ihrer Arbeit immer eines im Vordergrund gestanden hatte: „Man muss in diesem Job die Menschlichkeit bewahren.“ Das bemerkten auch die meisten ihrer „Delinquenten“, weswegen „Irmchen“ Schlickowey kaum ein Falschparker böse sein konnte.

Auch der Zusammenhalt in der Verwaltung hatte ihr viel gegeben. Als sie Ende 2001 im Alter von 60 Jahren und kurz nach der Geburt ihres Enkels Henri den Dienst quittierte, hatte das ganze Rathaus nicht nur ein Abschiedsfest für sie vorbereitet, sondern auch ein Fotoalbum mit Bildern und guten Wünschen erstellt. „Das nehme ich mir heute noch zur Hand und blättere darin herum“, sagt sie – und schlägt eine ganz besondere Seite auf. Zum Vorschein kommt die Kopie des Schreibens eines Düsseldorfers von August 1985. Die Politesse hatte ihm, statt eines Knöllchens unter den Scheibenwischer zu klemmen, einen kleinen Zettel hinterlassen mit dem Hinweis: „Sollten Sie noch einmal nach Hückeswagen kommen, denken Sie bitte daran, die Parkscheibe etwas sichtbarer auszulegen.“ So kannten „Irmchen“ viele. In seinem Brief an den Stadtdirektor bedankte er sich der Düsseldorfer überschwänglich für die „Nachhilfe“.

Ein paar Seiten weiter ist der Abschiedsbrief der Diakoniestation zu finden. „Auch den Mitarbeiterinnen musste ich leider hin und wieder einen Strafzettel verpassen, den sie selber bezahlen mussten“, bedauert Schlickowey noch heute. Doch das hat ihr offensichtlich niemand krummgenommen, im Gegenteil: „Hückeswagen kann stolz auf eine Politesse wie Sie sein“, hatten die Mitarbeiterinnen geschrieben – und ihr einen großen Blumenstrauß überreicht.

Das eine oder andere „Knöllchen“ hat auch „Irmchen“ erhalten. Etwa für einen Geschwindigkeitsverstoß, andere fürs Falschparken. So etwa in Wipperfürth: Beim Bedienen der Parkuhr auf dem Marktplatz hatte sie sich noch mit ihrem dortigen Kollegen unterhalten, und als sie später zum Auto zurückkehrte, hing ein Knöllchen am Auto. Drei Minuten hatte sie die Parkzeit überzogen. Etwas, dass es bei „Irmchen“ nie gegeben hatte. Stand bei ihr doch immer die Menschlichkeit über der Pflichterfüllung.

Beruf

Werdegang: Irmgard Schlickowey war zunächst Kunststopferin bei der „Bergischen Feintuch“, An der Schlossfabrik, später arbeitete sie zwölf Jahre bei ihrem Schwager in Radevormwald in einer Reinigung. 1983 wies sie die damalige Standesbeamtin Erika Wirth auf die Stelle bei der Stadtverwaltung hin.

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