Energiemarkt

Welche Folgen hätte ein Gas-Preisdeckel?

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Für viele Bürger wird der Gaspreis aktuell eine enorme Belastung. Was sollte die Politik tun? Die Forschermeinung dazu von Prof. Fallgatter. (Symbolfoto)

Warum ein niedrigerer Preis für Gas und Strom keine Lösung unserer aktuellen Probleme darstellt und welche Folgen ein Preisdeckel für Gas haben könnte? Der Wuppertaler Professor Michael J. Fallgatter erklärt es.

Wuppertal. Gaspreisdeckel, Energiepauschale, Gasumlage - es vergeht seit Monaten kein Tag, an dem nicht über die Energieversorgung Deutschlands debattiert wird. Immer geht es ums Geld.

Prof. Michael Fallgatter (57) von der Bergischen Universität Wuppertal erklärt, warum ein niedriger Preis für Gas und Strom keine Lösung der Probleme darstellt und welche Folgen ein Preisdeckel für Gas haben könnte.

Preisschwankungen zwischen 7,13 Euro und 600 Euro

Herr Prof. Fallgatter, die Energiepreise scheinen verrückt zu spielen, sie kennen nur noch eine Richtung: aufwärts. Können Sie das einmal erklären?

Prof . Michael Fallgatter: Der Strommarkt ist das Thema. Das ist ein ganz extremer Markt. Die Schwankung der Preise ist faszinierend. Um 8 Uhr heute Morgen hat die Megawattstunde rund 300 Euro gekostet, um 14 Uhr lag der Preis bei 150 Euro und jetzt, gegen 19 Uhr zeichnet sich ab, dass sie am Abend 400 Euro kosten wird. Am 17. September hat die Megawattstunde statt 400, 300 oder 150 Euro 7,13 Euro gekostet. Das war ein Samstag um 14 Uhr. Der Höchststand war am Donnerstag, 22. September, 19 Uhr, mit 600 Euro.

Prof. Dr. Michael Fallgatter, Universität Wuppertal

Prof. Dr. Michael J. Fallgatter

Er lehrt seit 2004 Betriebswirtschaft an der Bergischen Universität Wuppertal.

Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften von 2008-2012 und 2012-2016.

Kuratoriumsmitglied der Walbusch-Wissenschaftsstiftung (seit 2016).

Forschungsschwerpunkte: Unternehmenserfolg, Organisationen zwischen Dynamik und Effizienz, Führung in Wachstumsunternehmen, Corporate Governance, Vergütungssysteme, Management als verhaltenswissenschaftliche Disziplin.

Wie kommt es zu diesen extremen Schwankungen?

Fallgatter: Man könnte jetzt sagen, der Strommarkt funktioniert nicht. Aber er funktioniert sogar hervorragend. Alle Ökonomen sagen das, denn er organisiert Knappheit auf eine effiziente Weise.

Was bedeutet das?

Fallgatter: Dafür muss man sich mit der technischen Besonderheit dieses Marktes beschäftigen. Er ist anders. Wenn Sie beispielsweise eine Abwasserleitung haben, muss diese Leitung permanent mit maximaler und minimaler Abwassermenge umgehen können. Da ist die Schwankung egal.

Beim Strommarkt hingegen müssen immer 50 Herz gehalten werden, die Schwankung darf nur 0,4 Prozent betragen. Das heißt, wenn viel nachgefragt wird, morgens oder abends, wenn viele Menschen zu Hause sind, dann muss nachgeschossen werden.

Das ist ein ganz besonderer Markt.

Prof. Fallgatter erklärt die Funktionsweise des Energiemarktes

Dann kommen letztlich die Gaskraftwerke ins Spiel. Die springen in diesen Momenten an und produzieren den Strom, der benötigt wird. Dann wird minutengenau gehandelt, um die 50 Herz aufrecht zu erhalten. Das ist ein ganz besonderer Markt.

Aber offensichtlich auch ein teurer. Lässt sich das nicht anders organisieren?

Fallgatter: Ich glaube, das kann man nicht anders machen. Die Erzeuger bekommen eine Grundpauschale und fahren ihre Produktion auf Nachfrage hoch. Daher kommt auf dem Großhandelsmarkt die Schwankung von 7,13 bis 600 Euro oder sogar noch mehr zustande.

Und das hat nur damit zu tun, dass aus Gas Strom gemacht wird?

Fallgatter: Ja, das hat nur damit zu tun. Es geht immer um die variablen Kosten. Die Sonne beispielsweise kostet nicht mehr Geld, wenn sie scheint. Bei Kohle und auch Gas ist das anders, da hängt der Preis von Angebot und Nachfrage ab.

Preise sind der einzig funktionierende Knappheitsindikator.

Prof. Fallgatter

Nun rufen viele nach dem Staat, der eingreifen und den Markt regulieren soll.

Fallgatter: Da gibt es unterschiedliche Ansichten. Generell ist es schwierig, in Märkte einzugreifen. Ich bin da skeptisch, auch wenn ich glaube, dass der Staat hier etwas machen sollte. Aber Preise sollten wir Preise sein lassen. Preise sind der einzig funktionierende Knappheitsindikator. Er ist ein Imperativ an uns alle, unser Handeln danach auszurichten. Wenn der Preis nicht hoch ist, ändern wir unser Handeln nicht oder zumindest nicht in dem erforderlichen Maße.

Die einzig vernünftige Idee ist, diejenigen mit Energiepauschalen zu unterstützen, die nachweislich der Hilfe benötigen und den Preis zu belassen, wo er ist.

Prof. Michael Fallgatter

Wenn er aber zu hoch ist, gehen Privathaushalte und Unternehmen in die Knie.

Fallgatter: Wir können diese Verwerfungen natürlich nicht ignorieren. Da muss eine Stützung erfolgen. Die einzig vernünftige Idee ist, diejenigen mit Energiepauschalen zu unterstützen, die nachweislich der Hilfe benötigen und den Preis zu belassen, wo er ist.

In diesem Zusammenhang ist nun auch von einem Gaspreisdeckel die Rede. Wie ist das zu verstehen?

Fallgatter: Das hört sich immer gut an und wird gerade in der EU debattiert. Aber die deckeln gar nicht den Preis, die wollen Übergewinne besteuern und dann verteilen. Das ist etwas anderes. Da bleibt der Gaspreis hoch.

Und worin liegt dann der Sinn?

Fallgatter: Die Befürworter des in Europa diskutierten Gaspreisdeckels wollen bei denen Gewinne abschöpfen, die von der Knappheit gerade profitieren, Betreiber von Photovoltaikanlangen zum Beispiel.


Ist das eine gute Idee?

Fallgatter: Puristen würden jetzt sagen, lasst die Finger vom Markt. Solche Gewinne gehören dazu und erzeugen einen erheblichen Anreiz, in die erneuerbare Energien zu investieren.

Bei den absurd hohen Preisen, die wir heute haben, gibt es meiner Meinung nach schon Luft, um Zufallsgewinne durch Steuern abzuschöpfen.

Prof. Fallgatter

Wie bewerten Sie das?

Fallgatter: Ich sehe das an dieser Stelle ein bisschen anders. Betreiber von Wind-, Photovoltaik- und Kernkraftwerken haben für die Planung und den Bau ihrer Werke mit einem Preis kalkuliert, der weit entfernt war von den aktuellen Grenzkosten eines Gaskraftwerkes. Bei den absurd hohen Preisen, die wir heute haben, gibt es meiner Meinung nach schon Luft, um Zufallsgewinne durch Steuern abzuschöpfen und als Subventionen wieder in den Markt einfließen zu lassen.

Bei den Subventionen haben wir aber eine Situation, dass Energiekostenzuschüsse jeder bekommt. Ist das nicht falsch? Muss da nicht zielgenauer gearbeitet werden.

Fallgatter: Auf jeden Fall. Da bin ich sofort dabei. Es ist nur die Frage, wie macht man das? Man kann an die Mehrwertsteuer gehen, man kann mit Pauschalen agieren.

Man könnte aber auch die Bemessungsgrenzen bei der Lohn- und Einkommensteuer ändern.

Fallgatter: Das ist dann immer gleich auch eine juristische Frage. Das ist sehr komplex und schwierig. Da wäre bestimmt jeder Politiker sofort dabei. Aber die Gefahr ist, dass irgendeiner klagt. Das dauert zu lang. Deswegen wird es kurzfristig die Gießkanne sein.

Befriedigend ist das nicht.

Fallgatter: Ja, das ist immer schwierig. Was ich aber besonders schwierig finde ist die Frage, ob die Bürger trotz der Energiepauschalen den höheren Preis akzeptieren.

Und von so einer Stimmung profitieren dann extremistische Kräfte.

Prof. Fallgatter über seine Sorge

Wie meinen Sie das?

Fallgatter: Ich frage mich, ob der Anreiz noch da ist, Energie zu sparen, wenn die Mehrkosten vom Staat ausgeglichen werden. Meine zusätzliche Sorge ist, dass trotz der finanziellen Unterstützung bei den hohen Preisen der Eindruck entstehen könnte, dass wir in einer sozialen Schieflage leben.

Und von so einer Stimmung profitieren dann extremistische Kräfte. Ich glaube, dass deshalb jetzt auch viel über Preisdeckel geredet wird, obwohl das ökonomisch und von der Steuerungswirkung her nachrangig ist.

Wer über Preisdeckel spricht, der ist auf dem Weg in eine Kriegswirtschaft.

Prof. Fallgatter zitiert Lion Hirth

Was kann man dagegen tun?

Fallgatter: Kommunikation. Wir haben ein Angebotsproblem. Und dieses Problem lässt sich effizient nur über den Preis steuern. Nun reden alle über den Gaspreisdeckel, obwohl das völlig falsch ist.

Worin besteht aus Ihrer Sicht das Risiko dieses Deckels?

Fallgatter: Der Energie-Ökonom Lion Hirth von der Hertie School Berlin sagt das so: Wer über Preisdeckel spricht, der ist auf dem Weg in eine Kriegswirtschaft. Das klingt vielleicht ein bisschen überzogen, ist aber nicht ganz falsch.

Mit dem Preisdeckel steigt die Nachfrage nach Gas, während die verfügbare Menge an Gas konstant bleibt. Dann besteht die Gefahr entscheiden zu müssen, wer Gas bekommt und wer nicht. Soweit darf es nicht kommen. Und das geht nur über einen hohen Preis.

Lesen Sie auch: Stadtwerke-Berater gibt Tipps, wo man Energie sparen kann

Auch interessant: Eine andere Seite der Diskussion - Wissenschaftler fordert Gaspreisdeckel

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