Für Schallplatten-Fans

Ihr zweites Wohnzimmer ist voll mit „schwarzem Gold“

Eine Fundgrube nicht nur für Schallplatten-Fans: „Pop Art“ mit Astrid Broerse und ihrem Ehemann Manos Varthalitis.
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Eine Fundgrube nicht nur für Schallplatten-Fans: „Pop Art“ mit Astrid Broerse und ihrem Ehemann Manos Varthalitis.

Astrid Broerse betreibt seit 25 Jahren den Schallplattenladen „Pop Art“ in Elberfeld – Remscheiderin startete 1997, als der Vinyl-Absatz am Boden lag.

Von Andreas Weber

Remscheid. Wenn Astrid Broerse allein im Laden ist, kommt es vor, dass ahnungslose Kunden fragen: „Na, ist der Chef heute nicht da?“ Der Hausherr im Plattengeschäft „Pop Art“ ist freilich eine Frau. Die 54-Jährige zählt in einem von Männern geprägten Business immer noch zu den Ausnahmen. Seit 25 Jahren betreibt sie in Wuppertal mit Ehemann Manos Varthalitis (53) ein Geschäft, das viele in Astrids Umfeld anfangs für eine Totgeburt hielten.

1997 wagte die gebürtige Remscheiderin den Schritt in die Selbstständigkeit. In einer Zeit, in der die Vinyl-Industrie am Boden lag, verdrängt von der unaufhaltsam aufstrebenden CD. Ein Vierteljahrhundert später wird wieder respektvoll vom „schwarzen Gold“ gesprochen. Schallplatten haben die Sammlerherzen zurückerobert und sind nicht selten Wertanlagen. Zwar erreichte das Audio-Streaming 2021 einen Marktanteil von 68,3 Prozent, aber bei den physischen Tonträgern erlebt die Schallplatte seit 2010 eine phänomenale Renaissance.

118 Millionen Euro wurden vergangenes Jahr in Deutschland mit Vinyl-LPs umgesetzt, 12 Millionen waren es 2010. Der Marktanteil liegt bei nur sechs Prozent, aber das haptische wie authentische Schallplatten-Erlebnis erfährt in seiner Nische einen Mega-Boom, auch bei Jüngeren. Mittendrin ist Astrid Broerse, die in der Hochstraße 67 auf 120 Quadratmetern einen exquisit bestückten Laden führt, in dem Sammler sich bisweilen die komplette Geschäftszeit von 12 bis 18.30 Uhr verlieren. Schwerpunkt ist Vinyl – mit Second-Hand-Ware, aber auch jeder Menge Neuerscheinungen. Beide Räume sind knackevoll, wirken aber trotzdem geräumig und übersichtlich strukturiert. Am Schaufenster bleibt sogar eine Ecke für gelegentliche Live-Konzerte.

„Pop Art“ ist exzellent sortiert und breit aufgestellt. Neben Vinyl und CD verkaufen Astrid und Manos Musik- und Hörkassetten, gebrauchte Bücher, DVDs/Blue-Rays und Poster. Auch musikalisch gibt es fast keine Limits. Jazz, Punk, Metal, Elektronik, Hip-Hop, Rock, Pop und Klassik führt das Ehepaar im Sortiment. Eine gut sortierte Singles-Sektion ist dabei, mit Schlagern als festem Bestandteil. „Unser Konzept ist, dass wir fast alles anbieten“, überlegt Astrid. Gefragt nach privaten Vorlieben, nennt sie Depeche Mode oder alte Heroen wie Frank Zappa und Jimi Hendrix, Manos liebt Stereolab und die Berliner Indie-Rockband Mutter. Einig sind sich beide in ihrer Abneigung von Chris de Burgh, dessen Werke sie am liebsten in den Tiefen ihrer Ein-Euro-Grabbelkisten versenken.

Über 50 000 Tonträger zählt ihr Bestand. Neben dem Geschäft verteilt sich die Ware auf drei Lager an unterschiedlichen Orten. Zuwachs kommt ständig rein. Immer wieder kauft das Paar von privat auf oder erhält Scheiben geschenkt, weil die Besitzer einen Nachlass nicht in den Müll werfen wollen. Unter den kostenlos überlassenen Scheiben war ein exorbitant teures Exemplar von dem Elektronik-Trio Cluster, erinnert sich Astrid. Das rare „Zwei-Osterei“ aus dem Jahre 1971 wird bei Discogs für eine fast vierstellige Summe gehandelt, bei „Pop Art“ wechselte es deutlich günstiger den Besitzer.

Im Store kümmert sich Manos federführend um die Second-Hand-Ware, Astrid um die Neuerscheinungen. Musik ist ihr Leben, „Pop Art“ ihr zweites Wohnzimmer. Als wandelndes Rocklexikon ist Manos eloquenter Ratschlaggeber für die Stammkunden.

Astrid – unter Vinyl-Freunden wird geduzt – stammt vom Ueling in Ehringhausen. Nach dem Abitur am alten Leibniz-Gymnasium studierte sie Architektur in Dortmund. Ihr Diplom hielt sie mit 28 Jahren in den Händen, bog aber nach einer vergeblichen Bewerbung schnell in eine ganz andere Richtung ab. Während ihre Kommilitonen kellnerten oder in Architektenbüros Erfahrungen sammelten, verkaufte sie Schallplatten, um ihr Studium zu finanzieren.

Die erste Kohle verdiente sie bei einem Flohmarkt auf der Alleestraße. Mehrere Märkte an einem Wochenende waren fortan keine Seltenheit. Plattenbörsen gesellten sich hinzu. Bei einer lernte sie Manos kennen. Sie verkaufte, er war Kunde. Beide fanden sich nicht nur aufgrund ihrer Verbundenheit mit Max Goldt und der Band Foyer des Arts sympathisch. Aus der gemeinsamen Fan-Leidenschaft wurde ein Bund fürs Leben. 22 Jahre sind sie verheiratet, haben einen Sohn: Jannis.

1997 eröffnete Astrid in Unterbarmen ihr erstes Geschäft. 30 Quadratmeter wurden schnell zu klein, zwei Jahre später vergrößerte sie sich in der Grünsiegel-Einkaufspassage. Nach einem Inhaberwechsel erhielten sie und ihr Mann, der mittlerweile eingestiegen war, die Kündigung. Im Mirker Quartier in Elberfeld folgte der jetzige Standort. „Pop Art“, dessen Name Andy Warhol und Keith Haring huldigt, soll noch eine lange Zukunft haben. „Unser Ziel ist es, so lange zu machen, bis wir umfallen“, verspricht Astrid.

Die letzte Auszeit vor 18 Jahren

Pause: Ihre letzte Auszeit vom Geschäft nahmen sich Astrid und Manos vor 18 Jahren in der Heimat von Manos Vater, in Griechenland. Abgeschaltet wird nach Geschäftsschluss nicht. Vor Fernseher und Stereoanlage hört und bewertet das Ehepaar abends auf Youtube mit geschulten Ohren die Neuheiten, die später die Plattenständer füllen.

Kontakt: Geöffnet ist „Pop Art“ in der Hochstraße 67 in Wuppertal dienstags bis freitags von 12 bis 18.30 Uhr und samstags von 11 bis 16 Uhr; Tel.: (02 02) 89 89 80.

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