Alte Friedhöfe

Gräber sollen zu Geschichte werden

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Werner Pollak und Erwin Gregor Gonsowski organisieren die Friedhofsaktionen in Masuren.

WUPPERTAL Wuppertaler richten in Masuren mit Bürgern vor Ort die Gräber der Vorfahren wieder her.

Von Katharina Rüth

Wenn sie ankommen, finden sie meist einfach nur noch Gestrüpp. „Man sieht die Gräber gar nicht mehr“, beschreibt es Werner Pollak (56). Zum Beispiel das Grab seiner Großeltern und die Gräber einer Schwester und eines Bruders, die im Kindesalter gestorben sind. Jahrzehntelang fühlte sich im katholischen Polen niemand für die Grabstätten der evangelischen Deutschen zuständig, die das Land verlassen haben.

Aber seit einigen Jahren können Werner Pollack und seine Mitstreiter gemeinsam mit den Anwohnern vor Ort die alten Friedhöfe wieder herrichten. Dabei freuen sie sich, dass inzwischen ein entspanntes Umgehen miteinander möglich ist.

13 Jahre war Werner Pollak alt, als er als Aussiedler nach Deutschland kam. Er ist in dem Dorf Liebenberg aufgewachsen, das heute Klon heißt. Das lag einst auf deutschem Gebiet: in Ostpreußen, das seit Ende des Zweiten Weltkriegs polnisch ist. Die verbliebenen 40 deutschen Familien hätten es unter den 80 polnischen Familien nicht leicht gehabt. Sie hätten die polnische Staatsbürgerschaft annehmen müssen, „aber wenn es Komplikationen gab, war man doch ,der Deutsche’“, erinnert sich Werner Pollak.

Die Menschen aus den Dörfern helfen bei der Arbeit

Daher sei es nicht verwunderlich, dass so gut wie alle deutschen Familien das Dorf verließen, als in den 70er Jahren die Verträge zwischen Deutschland und Polen die Ausreise der Aussiedler ermöglichten: „Nach einem halben Jahr waren 40 Familien weg.“ In selbstgezimmerte Holzkisten verpackten sie ihr Hab und Gut, mit dem Zug ging es in den Westen.

Werner Pollaks Familie landete in Wuppertal, weil hier schon eine Tante lebte. Einige Zeit lebten sie im Lager an der Bramdelle, dann am Zoo. Und er besuchte mehrere Jahre eine Förderklasse für Aussiedler auf dem Hesselnberg. Heute ist er Techniker und arbeitet bei der Stadt.

„Es bleibt doch die Heimat.“ Werner Pollak

UNTERSTÜTZUNG

AUSSIEDLER Nach Angaben der Zentrale für Politische Bildung sind seit 1950 mehr als 4,5 Millionen Menschen als Aussiedler nach Deutschland gekommen – aus Ländern wie Polen, Rumänen, Jugoslawien, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion.

KONTAKT Werner Pollak und Erwin Gregor Gonsowski freuen sich über Unterstützung – tatkräftige oder finanzielle. Wer helfen möchte, kann sich bei Werner Pollak unter Tel. (0177) 80 66 823 melden.

VEREIN Berichte und Fotos von der Friedhofsarbeit finden sich im Internet:

kreisgemeinschaft-ortelsburg.de/Dialog-Kreis

Und engagiert sich seit Jahren in dem Verein „Kreisgemeinschaft Ortelsburg e.V.“, in dem sich schon vor 70 Jahren Menschen aus der gleichen Umgebung zusammengetan haben, um die Erinnerung an die alte Heimat wachzuhalten, vor allem im „Dialogkreis“, der den Kontakt mit den Menschen vor Ort pflegt. Und bei einem Treffen entstand die Idee, sich der verwahrlosten evangelischen Friedhöfe anzunehmen. Der Bürgermeister der Gemeinde gab die Erlaubnis, rund 20 Menschen machten sich auf den Weg und entfernten im Laufe einer Woche Sträucher, schrubbten Grabsteine und schmückten die Gräber neu.

Erwin Gregor Gonsowski (60) erzählt, dass er beim Einkaufen im Dorf gefragt wurde, was sie denn tun. Da sei ihm bewusst geworden, dass sie die Dorfbewohner einbeziehen sollten. Bei der Aktion im nächsten Jahr hätten sie dann direkt den Dorfvorsteher angesprochen und zum Start ihrer Aktion in der Dorfschule ihre Idee vorgestellt. „Zwanzig bis dreißig Leute sind gekommen, es war richtig voll“, erinnert er sich. Viele Dorfbewohner hätten im Laufe der Woche geholfen. Zum Abschluss gab es eine Andacht.

So ist es inzwischen schon in mehreren Dörfern abgelaufen. Die örtlichen Zeitungen haben darüber berichtet, im Heimatdorf Montwitz von Erwin Gregor Gonsowski wurde sogar eine Tafel aufgestellt, die auf Deutsch und auf Polnisch an die Familien erinnert, deren Angehörige dort begraben sind.

Werner Pollak sagt: „In den 70er Jahren hätten wir nicht gedacht, dass das so möglich ist.“ Sie hätten eher erwartet, dass ein neu gebauter Zaun wieder abgerissen wird. „Es hat sich etwas geändert, die helfen uns wirklich.“ Und die Kinder würden heute in der Schule lernen, dass früher Deutsche dort gelebt haben. Erwin Gregor Gonsowski sagt: „Inzwischen gehen die Lehrer mit den Kindern auf die Friedhöfe, um dort eine Geschichtsstunde abzuhalten. Es ist schön, wenn an den Gräbern die Geschichte Thema wird.“ Werner Pollak hält seitdem wieder engeren Kontakt zu seinem Heimatdorf.

Auch wenn sich dort vieles verändert hat: „Es bleibt doch die Heimat.“ Unter anderem besucht er dort einstige Bekannte seiner Eltern. Er freut sich, dass die Tochter dieser Familie inzwischen nach den Gräbern seiner Familie sieht. Und hofft, dass sich noch mehr Menschen finden, die die alten Friedhöfe wieder herrichten.

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