Kunst

Von der Geschichte gezeichnet

Zu Wuppertal gibt es zahlreiche Bezüge im Graphic Novel über Engels.
+
Zu Wuppertal gibt es zahlreiche Bezüge im Graphic Novel über Engels.

Graphic Novel zeigt das Leben Friedrich Engels´ von Schneeballschlacht in Barmen bis Lebensabend in London.

Von Daniel Neukirchen

Wuppertal. Ein verschneiter Januartag 1831 in Barmen: Ein Junge mit aufgewecktem Blick formt einen Schneeball. Eine Schlacht unter Gleichaltrigen bahnt sich an. Der kleine Fritz ruft: „Preußen gegen Ritter!“ Obwohl die anderen Kinder stärker und in der Überzahl sind, hat dieser Barmer Junge einen Plan und gewinnt die Schneeballschlacht. „Seift die Verlierer ein!“, sagt der siegesfrohe Fritz, als er einen Buben mit Schnee einreibt. Aus der Ferne blickt ein Geschäftsmann mit Zylinder und Gehstock streng auf das Geschehen. Es ist sein Vater, der ihn im nächsten Moment auch schon an den Ohren in die Kirche schleift. Er schimpft: „Schlimm genug, dass ein Engels bei so einer gottlosen Rauferei mitmischt! Und dann noch als Rädelsführer!“

Das Graphic Novel „Engels - Unternehmer & Revolutionär“ erzählt die Lebensgeschichte von Wuppertals bekanntestem Sohn in gezeichneten Episoden. Auf 154 Seiten splitten die Autoren und Illustratoren Christoph Heuer, Fabian W.W. Mauruschat und Uwe Garske die Figur Engels in ihre Facetten auf. Da ist Engels als Kind, als Ehemann, als Unternehmer, als Journalist, als Revolutionär, als alter Philosoph. Geordnet sind diese Lebensstationen nicht chronologisch, sondern thematisch in Kapitel wie „Revolution“ oder „Märkte“. So erlebt der Leser Engels’ Leben nicht wie eine Reise mit Anfang und Ende, sondern aufgefächert wie durch ein Kaleidoskop.

Der Comic schlägt auch die Brücke ins Hier und Jetzt

Liebevoll illustriert ist diese bruchstückhafte Geschichtsschau. Von den Fachwerkhäusern in einem frühindustriellen Elberfeld über das verschneite Exil in London bis hin zu einstürzenden Fabrikgebäuden im Bangladesch der Neuzeit. Ab und zu zeigt das Graphic Novel auch beeindruckende halb- oder ganzseitige Zeichnungen, wie etwa von den dampfenden Industrieschloten in Manchester, deren Rauch sich mit dem Bart des über der Szenerie schwebenden Erzählers Friedrich Engels verwebt.

Der Historien-Comic ist als Einführung ins Leben und Wirken des Wuppertaler Vordenkers durch die vielen Zeit- und Ortswechsel etwas sperrig, funktioniert aber ausgezeichnet für Leser, die sich in Engels Lebensweg schon gut zurechtfinden. So führen die Autoren aufschlussreiche Szenen vor, die teils in dieser Form wohl noch nie visualisiert worden sind. Da ist etwa die Beerdigung von Karl Marx 1883, bei der Friedrich Engels als Hauptredner spricht und anschließend mit der Tochter Eleanor Marx noch einen Spaziergang macht. Dann gibt es eine intime Szene, in der Engels mit einer Prostituierten in Manchester über die Ausbeutung der Frau spricht und diese in Rage ein Messer zückt. Und zum Schluss sitzt der alte bärtige Engels in seiner Bibliothek und schreibt in den letzten Monaten seines Lebens für die „Dialektik der Natur“ auf ein Blatt Papier: „Der Tod ist Auflösung des organischen Körpers, der nichts zurücklässt, als die chemischen Bestandsteile, die seine Substanz bildeten. Leben heißt Sterben.“ Dann geht das Licht aus und ein alter Mann bleibt im Dunkeln zurück. Durch den Comic wird Engels Geschichte anschaulich und tief menschlich.

Prolog und Epilog des Buchs schlagen die Brücke ins Hier und Jetzt. Entlassen wird der Leser mit dem Blick auf indische Teeplantagen, wo fast 25 Prozent der Pflückerinnen mangelernährt sind, in den Kongo, wo Kinder nach Kobalt und Coltan für die Produktion von Handy-Akkus suchen und zurück in den Westen, wo eine alte Frau in einer Mülltonne nach Pfandflaschen fischt. Im Vorwort des Buches schreibt Bernd Hinrichs: „Mehr denn je scheint also die Zeit gekommen, sich offen und ernsthaft mit Engels auseinanderzusetzen.“ Das Graphic Novel bietet zu diesem Zweck einen frischen Blickwinkel auf ein Lebenswerk, das schon von vielen Seiten ausgeleuchtet wurde.

Das Buch

Christoph Heuer, Fabian W.W. Mauruschat, Uwe Garske: „Engels – Unternehmer und Revolutionär“, 154 Seiten, Edition 52, 18 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Kleine Frau liebt ganz große Tiere
Kleine Frau liebt ganz große Tiere
Kleine Frau liebt ganz große Tiere
Wuppertal bekommt für 17 Tage einen Freizeitpark am Stadion am Zoo
Wuppertal bekommt für 17 Tage einen Freizeitpark am Stadion am Zoo
Wuppertal bekommt für 17 Tage einen Freizeitpark am Stadion am Zoo
Alte Glaserei sorgt für noch mehr Belebung
Alte Glaserei sorgt für noch mehr Belebung
Alte Glaserei sorgt für noch mehr Belebung
Wehrhahn-Anschlag: Experten kritisieren Ermittler
Wehrhahn-Anschlag: Experten kritisieren Ermittler
Wehrhahn-Anschlag: Experten kritisieren Ermittler

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare