Kriminalität

Frauenhaus: Mehr Engagement gegen Femizid

Theresa Heil (links) und Katrin Weber arbeiten im Wuppertaler Frauenhaus. Foto:
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Theresa Heil (links) und Katrin Weber arbeiten im Wuppertaler Frauenhaus.

Vor einem Jahr wurde eine Bewohnerin am Wupperufer von ihrem Mann getötet – solche Taten sollten anders gewertet werden.

Von Katharina Rüth

Wuppertal. Frauen zu töten, weil sie Frauen sind – das müsse „Femizid“ genannt werden, fordern Theresa Heil und Katrin Weber, Mitarbeiterinnen des Wuppertaler Frauenhauses. Ein Jahr nach der Tötung einer Frauenhausbewohnerin wollen die beiden Sozialpädagoginnen das Bewusstsein für solche Taten schärfen und fordern mehr Engagement, um sie zu verhindern.

Ein typischer Femizid sei die Tötung der Frau durch ihren Partner oder Ex-Partner. „Das passiert in Deutschland jeden dritten Tag“, sagt Katrin Weber. Einen solchen Fall haben die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses vor einem Jahr unmittelbar mitbekommen.

„Solche Tötungen sind kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines strukturellen Problems.“

Katrin Weber über Frauentötungen

Die junge Frau (27) war mit ihrem sechs Monate alten Kind ins Wuppertaler Frauenhaus geflüchtet. Ein Treffen mit ihrem Mann endete für sie tödlich: Am 12. April 2020, Ostersonntag, erstach der 43-Jährige sie am Wupperufer an der Hünefeldstraße. Das Landgericht verurteilte ihn im Dezember 2020 wegen Totschlags zu zehn Jahren Gefängnis.

„Solche Tötungen sind kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines strukturellen Problems“, betont Katrin Weber. Und sollten als solche erkannt werden. Leider würden solche Taten noch nicht ausreichend erfasst. Theresa Heil kritisiert, dass Femizide in der Berichterstattung häufig „Familien-Tragödie“ oder „Familien-Drama“ genannt werden. Dabei sei es klar, dass ein Mann seine Frau und eventuell weitere Familienmitglieder getötet habe.

Das habe auch nichts mit der Herkunft des Mannes zu tun, das gebe es in jedem Land und in jeder Schicht, betont Theresa Heil. Manche Männer erlebten eine Trennung als Macht- und Kontrollverlust und griffen „zum letzten Mittel“. Risikofaktoren für eine solche Gefahr seien: Wenn der Mann Drogen nehme, Waffen besitze, gewalttätig gegen die Frau ist, sie in der Schwangerschaft angreift, sie würgt.

„Viele denken, dass solche Taten spontan passieren“, sagt Theresa Heil. Aber sie seien geplant: Täter recherchierten im Internet, besorgten sich eine Waffe. Sie verweist dabei auch auf eine Untersuchung der britischen Kriminologin Jane Monckton Smith von 372 Frauentötungen. Die Forscherin hat ein Stufenmodell entwickelt, nach dem sich tödliche Beziehungen entwickeln – vom wachsenden Kontrollbedürfnis der Männer über den Entschluss, etwas gegen eine Trennungsdrohung zu tun, bis zur Tötung.

Die Frauenhausfrauen kritisieren auch, dass die Justiz das Problem noch nicht richtig angehe. Viele Täter würden nur wegen Totschlags verurteilt, weil dem Gericht Mordmerkmale wie Heimtücke oder niedrige Beweggründe fehlen. „Für mich sind Heimtücke und niedrige Beweggründe gegeben, wenn der Ehemann sich eine Waffe besorgt und seine Frau tötet“, betont Weber. Eine Beziehung zwischen Täter und Opfer dürfe nicht strafmildernd, sondern müsse strafschärfend gewertet werden.

Im Grunde, so Katrin Weber, müsse nur die Istanbul-Konvention konsequent umgesetzt werden, die gerade wegen des Austritts der Türkei in den Schlagzeilen ist. In dem Übereinkommen des Europarats von 2011 verpflichten sich die Vertragsstaaten, auf allen staatlichen Ebenen alles dafür zu tun, um Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen.

Es sei auch wichtig, Kinder früh an Themen wie Geschlechtergerechtigkeit, Rollenbilder und ungleiche Machtverteilung heranzuführen. Genauso wichtig sei es, Kindern, die häusliche Gewalt erfahren haben, frühzeitig zu helfen, damit sich die Gewalt nicht fortsetzt. Und mit gewalttätigen Männern zu arbeiten, um eine Verhaltensänderung zu erreichen.

Frauenhäuser: Hilfe in der Region

Plätze: Träger des Wuppertaler Frauenhauses ist der Verein Frauen helfen Frauen e.V. Es hat Platz für elf Frauen mit bis zu zwölf Kindern. Die Frauen bleiben von einer Woche bis zu einem dreiviertel Jahr, im Durchschnitt sind es etwa drei Monate.

Pandemie: Die Plätze waren auch während der Pandemie immer belegt. Neue Bewohnerinnen müssen negativ getestet sein, ein- bis zweimal pro Woche werden alle Bewohnerinnen und Mitarbeiterinnen getestet. Eine infizierte Bewohnerin konnte vorübergehend in einer Extra-Wohnung wohnen. 2020 habe es mehr Anfragen als sonst per Mail gegeben, so Theresa Heil. Möglicherweise weil die Frauen nicht telefonieren wollen, wenn ihr Partner in der Nähe ist.

Hilfe: Schutz und Unterkunft erhalten Frauen und Kinder im Frauenhaus, Telefon 0202/71 14 26. Beratung zum Thema häusliche Gewalt und Stalking gibt es in der Beratungsstelle des Vereins Frauen helfen Frauen e.V., Telefon 0202/31 88 55. 24 Stunden und in vielen Sprachen gibt es Unterstützung beim bundesweiten Hilfetelefon gegen Gewalt unter 08000 - 116 016.

www.frauenhaus-wuppertal.de

Remscheid: Das Frauenhaus Remscheid ist erreichbar unter Tel. 02191/997016 oder per Mail an frauenhaus@skf-remscheid.de

Solingen: Kontakt zum Solinger Frauenhaus für Hilfesuchende unter Tel. 0212/54500 oder frauenhaus-sg@t-online.de.

Belegung: Auf einer NRW-weiten Karte können Hilfesuchende auf einen Blick sehen, in welchem Frauenhaus noch ein Platz frei ist. Derzeit sind fast alle Einrichtungen voll belegt. Hilfesuchende können dennoch Kontakt aufnehmen.

https://www.frauen-info-netz.de/

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