Dresscode

Firmen nehmen Abstand von der Krawattenpflicht

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Frank Hensgens, Geschäftsführer von Indeed, ist so gut wie nie mit Krawatte zu sehen. 

In vielen Unternehmen in Düsseldorf hält ein Trend Einzug: Man kleidet sich gern lockerer. Selbst bei der Stadtsparkasse.

Von Alexander Esch und Christian Herrendorf

Düsseldorf. Top-Manager wie Daimler-Chef Dieter Zetsche oder Adidas-Boss Kasper Rorsted machen es vor — und genau genommen auch nach. Plötzlich sind sie bei Terminen mal in Jeans oder sogar Kapuzenpulli zu sehen. Damit sind sie Vorbild, gleichzeitig passen sie sich dem Zeitgeist an. Und der lässt sich auch in Düsseldorf mehr und mehr beobachten. Strenge Stil-Vorschriften gehören bei vielen Unternehmen der Vergangenheit an.

Bestes Beispiel ist die Stadtsparkasse. Während die US-Investmentbank Goldman Sachs erst vor wenigen Tagen ihren Dresscode ganz aufgab, verabschiedet sich jetzt die Stadtsparkasse Düsseldorf mit einem Stilguide für die Mitarbeiter von der Krawattenpflicht. Sie ist zumindest dann aufgehoben, wenn der Mitarbeiter keinen Kundenkontakt oder einen offiziellen Repräsentationstermin hat. „Da gibt es immer noch eine Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit, der wir entsprechen wollen“, sagt Sprecher Gerd Meyer.

In einer bunten Broschüre mit vielen Beispiel-Bildern zeigen Vorstand und Personalrat des Instituts auf, was für die Mitarbeiter geht — und was nicht. Fotos zeigen als No-Gos etwa Tätowierungen, Turnschuhe, Kapuzenpullover, löchrige Jeans, beschriftete T-Shirts und Sandalen. Trotzdem ist laut Sprecher Gerd Meyer nun eine größere Vielfalt bei der Kleidung möglich. So weist der Stilberater auch einen klassisch-legereren Look aus, etwa mit Pulli und Hemd.

Aufgeschriebene Stilguides sind die Ausnahme

Auch in anderen Unternehmen hält ein lockererer Kleidungsstil Einzug. Für die Arag sagt Sprecher Christian Danner, dass es auch beim Düsseldorfer Traditionsunternehmen einen Trend zu „Business Casual“ gebe, die Krawatte also öfter mal weggelassen werde. Einen Stilguide gebe es nicht, bei unangemessener Kleidung sei der direkte Vorsitzende aufgerufen, seinem Mitarbeiter Anweisung zu geben.

Auch bei HSBC Deutschland gibt es keinen Stilguide, sondern lediglich die Vorgabe für Mitarbeiter, „bankkonforme“ Kleidung zu tragen, wie Sprecher Robert Heusinger erklärt. Was dieser Begriff bedeute, habe sich im Laufe der Jahre „deutlich verändert“. So sei heute eine „Orientierung entlang der täglichen Aufgaben und Termine“ empfohlen. Selbst Top-Führungskräfte verzichteten beim Bankhaus immer öfter auf Krawatte und auch auf den Anzug sowie das Kostüm.

Noch größere Freiheit herrscht bei Vodafone, wo die Frage nach angemessener Kleidung vom Kundenberater selbst beantwortet werden müsse, wie Sprecherin Tanja Vogt sagt. Generell sei der modische Zeitgeist in der Mitarbeiterschaft sichtbar, die sich sportlicher und lockerer kleide.

Bei der Internet-Jobbörse Indeed, die ihren Deutschlandsitz im Belsenpark in Oberkassel hat, war es ein einschneidendes Erlebnis, das zu lockererer Kleidung führte. Bei einem Personalmanagement-Kongress hatten Geschäftsführer Frank Hensgens und sein Team einen Stand, an dem sie samt Krawatten auf ihre Gesprächspartner warteten. Nach 20 Minuten merkten sie, dass sie die Einzigen waren, die Krawatte trugen, und legten ab. Seitdem sind sie kaum noch mit Schlips unterwegs. Sakko und dunkle Jeans oder ähnliche Formen von Business Casual sind die Regel, Ausnahmen machen sie zum Beispiel bei einigen Kunden in Frankfurt. Und, wenn es richtig schick wird: Dann aber trägt Frank Hensgens gleich Smoking und Fliege.

DAS SAGT DER EXPERTE

EXPERTE Frank Berzbach unterrichtet Psychologie an der ecosign Akademie für Gestaltung und Kulturpädagogik an der Technischen Hochschule Köln. In seinem Buch „Formbewusstsein“ setzt er sich mit Form und Bedeutung von Kleidung auseinander.

Frank Berzbach

FIRMEN MIT STILGUIDE Was von Stilguides wie von der Düsseldorfer Stadtsparkasse zu halten ist? „Es gibt immer einen Dresscode, entweder einen heimlichen oder einen offenen. Ein vom Unternehmen vorgegebener Stilguide macht es für alle einfacher, weil man sich darauf berufen kann. Ohne Stilguide sind Mitarbeiter damit beschäftigt, ihre Vorgesetzten und Kollegen zu beobachten und sich anzupassen. Das ist aber manchmal schwierig, weil nicht jeder ein Gefühl für Situationsangemessenheit hat. Für Berufseinsteiger ist es eine Herausforderung. Wenn ein Unternehmen nachvollziehbare Regeln vorgibt, sind zudem alle besser gekleidet und erzeugen ein homogeneres Bild nach außen“, sagt Berzbach.

FIRMEN OHNE STILGUIDE Viele machen keine Vorschriften. Berzbach: „Wenn keine Regeln vorgegeben werden, bedeutet das nie, dass es keine gibt. Die Unternehmensführung legt dann mit der eigenen Kleidung die Messlatte auf eine bestimmte Höhe. Ohne Vorschriften müssten die Chefs eigentlich aushalten, dass jeder zur Arbeit kommt, wie er möchte. Das geht aber sehr selten gut. Übrigens gibt es auch in den Branchen, die bewusst locker sein wollen und Streetwear bevorzugen, einen Dresscode: Anzug und Krawatte sind tabu. Man gerät unter Druck, modisch und kreativ zu sein.“

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