Kohlfurth

Hochwasser: Familie und ihre Nachbarn wurden im Kajak gerettet

Ein Nachbar rettet ein älteres Ehepaar vor dem Hochwasser. Danach waren die Kinder der Matschulats an der Reihe. Foto: Matschulat
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Ein Nachbar rettet ein älteres Ehepaar vor dem Hochwasser. Danach waren die Kinder der Matschulats an der Reihe.

In der Kohlfurth entkamen die Matschulats dem Hochwasser spektakulär – Kritik an Wuppertals Oberbürgermeister.

Von Martin Lindner

Wuppertal. Als die Fluten in die Kohlfurth eindrangen, musste Familie Matschulat ihre drei Kinder mit einem Kajak des Nachbarn aus der Gefahrenzone bringen. Mutter und Vater haben sich, schwimmend und gehend, neben ihnen den Weg durch das Wasser gebahnt, das gegen 5 Uhr morgens schon auf Hüfthöhe angestiegen war. Auch ihren Hund, einen 60 Kilogramm schweren Leonberger, mussten sie mit sich ziehen.

Die Bilder dieses schrecklichen Tages wird Lena Matschulat ihr Leben lang nicht vergessen. Vor den Kindern haben die Nachbarn ein altes Ehepaar mit dem Kanu aus den Fluten gerettet. Sie dankt ihrem Nachbarn, dem Eigentümer des Kajaks, der geistesgegenwärtig gewesen war, die Hilfsaktion in Gang zu setzen. Wegen seines Rats haben Nachbarn, die auf ihn gehört haben, auch ihre Autos rechtzeitig wegfahren können. Doch Möbel, technische Geräte, Kleidung und unersetzliche Erinnerungsstücke wie Fotos wurden zerstört.

Auf der anderen Seite, auf dem Trockenen, sind die Menschen mit einem Shuttle-Bus zunächst in eine Notunterkunft gefahren worden. Mittlerweile lebt die Familie aufgeteilt in einem 40 Quadratmeter großen Appartement (1,5 Zimmer) und einem Wohnwagen, den ein Kunde des Ehemanns der Familie zur Verfügung stellt. Das Appartement in der Kohlfurth hatte die Familie noch vor Kurzem vermietet, doch der Mieter sei aus Angst vor anderthalb Wochen ausgezogen. Die älteste Tochter lebt nun in dem Wohnwagen, der Rest der Familie in der Mini-Wohnung.

„Wir wollen uns zu Hause sicher fühlen.“

Lena Matschulat denkt an die mögliche Rückkehr in der Zukunft

Familie Matschulat steht vor einem finanziellen Scherbenhaufen. Die Versicherung gegen Elementarschäden sei ihnen vor drei Jahren seitens des Versicherers gekündigt worden, als das Land, auf dem ihr Haus und auch die Häuser der Nachbarn standen, als Schwemmland deklariert wurde. Vom Staat sei bisher die Soforthilfe geflossen, auch habe es Unterstützung vonseiten der Diakonie und des Lions Clubs Wuppertal gegeben. Außerdem wurde der Familie über soziale Medien viel Unterstützung zuteil. Doch bisher sehr ruhig war ihrer Aussage nach der Wupperverband. „Es ist uns wichtig, dass sich der Wupperverband kümmert und sich überlegt, was geändert werden kann“, fordert Lena Matschulat. Es wäre ein Alptraum, sollte sich eine derartige Hochwasserkatastrophe noch einmal zutragen und ihre Kinder wieder auf dem Kajak übers Wasser paddeln müssen.

Die Familie Matschulat blickt trotz der Zerstörung in ihrem Haus optimistisch in die Zukunft.

Jedes Mal, wenn es heftiger regnet, laufe der Familie ein Schauer über den Rücken. Die Angst wohnt nun in den vier Wänden mit. „Wenn wir nach anderthalb Jahren, sollte es gut gehen, alles wieder aufgebaut haben, wollen wir uns zu Hause sicher fühlen“, sagt die 38-Jährige. „Wenn sich bis dahin aber nichts geändert hat, nutzt uns das nichts.“ Sie sieht jeden Tag mit eigenen Augen, was das Hochwasser mit den Menschen, gemacht hat, die alles in den Fluten verloren haben. Lena Matschulat ist klar, dass Änderungen nicht von heute auf morgen möglich sind, aber sie möchten erkennen, dass man handelt, sich für die Sicherheit eine Sirene oder Ähnliches überlegt. Einer Klage gegen den Wupperverband räumt sie wenig Chancen ein. Zum einen dauere ein solcher Prozess lange, die Erfolgsaussichten seien ungewiss. Wenige ihrer Nachbarn hätten jetzt auch noch die Kraft dazu, den juristischen Weg zu beschreiten. Dem Besuch von Oberbürgermeister Uwe Schneidewind kann sie wenig Positives abgewinnen. Er habe den Betroffenen mitgeteilt, dass es die Möglichkeit für zinslose Kredite gebe. „Aber wer soll denn jetzt einen Kredit aufnehmen?“, fragt sie ratlos.

Das Geld, um die Schulden zu tilgen, hätten viele Familien einfach nicht. „Den Besuch hätte sich der OB sparen können“, findet sie klare Worte. Dabei gehe es ihrer Familie noch gut, ihr Mann bleibe im Geschäft, bei anderen sehe die Sache ganz anders aus. In dem Örtchen, an dem sie in der Kohlfurth lebt, habe es eine alte Metzgerei gegeben. „Der Metzger hatte noch fünf Jahre bis zur Rente. Er kommt nicht mehr zurück.“ Seine Existenzgrundlage sei mit den Fluten untergegangen. Er ist einer von vielen in der Kohlfurth.

Susanne Fischer vom Wupperverband sagte, dass das Hochwasserereignis derzeit fachlich und gutachterlich aufgearbeitet werde. Mit den Erfahrungen, die gemacht wurden, werde man schauen, was verbessert werden müsse. Dabei fließe auch mit ein, sich mit Warnungen intensiver auseinanderzusetzen. Dass es Kritik von vielen Anwohnern gibt, die schnelle Antworten fordern, kann Fischer „ein Stück weit nachvollziehen“. Jedoch handele es sich um ein großes Einzugsgebiet, das der Wupperverband betreut. Mitarbeiter seien im Einsatz, das Ereignis zu analysieren.

IG Flutopfer

In der IG Flutopfer Kohlfurth sind 50 Haushalte zusammengeschlossen, die durch Rechtsanwalt Frank Adolphs vertreten werden. Adolphs vertritt zudem einen Kohlfurther, der Strafanzeige erstattet hat, weil er nicht rechtzeitig gewarnt worden sei.

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