Forschung

Wie Entspannung bei Krankheiten helfen kann

Autogenes Training und HRV-Biofeedback sind Übungssache. Unser Autor Daniel Neukirchen testete beides. Foto: Andreas Fischer
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Autogenes Training und HRV-Biofeedback sind Übungssache. Unser Autor Daniel Neukirchen testete beides.

Uni Wuppertal forscht zu psychosomatischen Beschwerden.

Von Daniel Neukirchen

Wuppertal. Alles in Ordnung. Es gibt Menschen, die können diesen Satz von ihrem Arzt nicht mehr hören. Sie haben beispielsweise chronische Kopfschmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden, doch rein körperlich ist mit ihnen alles in Ordnung. Ihre Krankheit ist psychosomatisch. 40 Menschen mit solchen Beschwerden haben bereits an der Bergischen Uni an einer derzeit laufenden Studie teilgenommen, die untersucht, ob der Einfluss von zwei sogenannten Selbstregulationsverfahren eine Verbesserung ihrer anhaltenden körperlichen Beschwerden bewirken kann.

Bei den Techniken, dem Autogenen Training und dem HRV-Biofeedback, geht es darum, dass die Teilnehmer lernen, sich gezielt zu entspannen. Wie das funktioniert? Unser Autor Daniel Neukirchen traf die psychologische Psychotherapeutin Laura Klewinghaus und testete die „Selbstregulationsverfahren“.

Bei der Biofeedback-Behandlung messen EKG und Atemgurt die Herzrate und die Atmung der Teilnehmer. Auf einem Monitor zeichnet eine blaue Linie unentwegt Atemkurven, eine rote Linie stellt die Herzrate dar. Ziel der Übung ist es nun, die beiden Linien, die im Alltag starken Schwankungen unterliegen, bewusst zu synchronisieren.

Das funktioniert durch ein bewusstes, langsames Atmen. Auf dem Monitor ist auch eine Idealkurve zu sehen. „Versuchen Sie Ihre Atmung hieran anzupassen“, sagt Klewinghaus. Dazu muss die Testperson bewusst langsamer atmen, sechs Atemzüge die Minute. „Normal sind circa zehn bis 20“, weiß die wissenschaftliche Mitarbeiterin.

Für den Probanden ist das bewusste Atmen erst einmal ungewohnt und erfordert etwas Übung. Fast wie in einem Computerspiel gilt es, die scheinbar willkürlichen Linien auf dem Bildschirm unter Kontrolle zu bekommen. Nur eben nicht mit dem Joystick, sondern mit der eigenen Atmung.

Klewinghaus gibt ein paar Tipps an die Hand: Etwa das Ausatmen durch die gespitzten Lippen, um den Vorgang in die Länge zu ziehen, oder auch das Atmen mit dem Bauch statt mit der gewölbten Brust. Nach kurzer Übung macht die blaue Atemlinie mit und wie von Zauberhand passt sich auch das Herz plötzlich an.

Diese Art der Entspannung erfordert für den Ungeübten allerdings Konzentration. Jede kleine Ablenkung lässt Herz und Atmung wieder unkontrolliert freien Lauf. Zu Hause lässt sich diese Übung auch mit einer App wiederholen, die den Takt vorgibt, auf den sich Lunge und Herz einigen sollen. Für das Autogene Training benötigen die Teilnehmer überhaupt keine technischen Hilfsmittel. Ans Ziel kommt man ausschließlich durch die Kraft von Suggestion und Vorstellungskraft. Mit geschlossenen Augen gilt es, sich selbst in einen Zustand großer Entspannung zu versetzen.

Fortgeschrittene können sich selbst Wärme suggerieren

Für Einsteiger ist die „Schwere-Übung“ geeignet. Laura Klewinghaus wiederholt im ruhigen Ton immer wieder den Satz „Mein rechter Arm ist ganz schwer.“ Dasselbe tun die Probanden, allerdings ohne zu sprechen, nur gedanklich. Nun ist Vorstellungskraft gefragt. Wer sich nur fest genug vorstellt, wie schwere Gewichte an den Extremitäten ziehen, der merkt irgendwann einen ersten Erfolg, wenn der Arm langsam nach unten sackt.

Die Selbsthypnose ist keine Wunderformel, sondern eine Entspannungsübung, die etwas Training verlangt. Wer gut ist, kann sich selbst etwa Wärme suggerieren sowie Herzschlag und Atmung bewusst beobachten. Klewinghaus sagt: „Die meisten Teilnehmer haben uns bislang ein gutes Feedback gegeben.“ Häufig sei gerade die Zielgruppe mit chronischen Beschwerden nicht in der Lage, sich einfach so zu entspannen. „Diese Menschen beschäftigt ihr Leiden sehr und sie verfallen schnell ins Grübeln.“ Sie finden häufig auch zu Hause auf der Couch oder nachts im Bett keine Entspannung.

Die Techniken aus der Studie können ihnen aber genau dabei helfen, durch Konzentration die Kontrolle über ihren Körper zurückzugewinnen. Die Hälfte der Studien-Gruppe übt das HRV-Biofeedback, die andere Hälfte das Autogene Training. Einige wenige Menschen seien für die Techniken nicht zugängig und so hätten auch vereinzelte Teilnehmer die Studie abgebrochen. Für die meisten haben sich aber ganz neue Welten erschlossen und zumindest erst einmal die psychischen Leiden gemildert. Auch will der Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie wissen, wie gesunde Menschen auf die Techniken reagieren und welchen Einfluss das Gefühlserleben hat.

Aufruf

Die Uni sucht noch weitere Teilnehmer mit und ohne körperliche Beschwerden für die Studie. Betroffene sollten zwischen 18 und 65 Jahren alt sein. Die Beschwerden sollten seit mindestens sechs Monaten bestanden haben und für den Patienten eine psychische Belastung darstellen. Ansprechpartnerin ist Laura Klewinghaus, Tel. (02 02) 439-28 24.

soma-entspannung@ uni-wuppertal.de

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