Natur

Eine Kathedrale, die es eigentlich gar nicht gibt

Für die einen sind es bloß Bäume, für die anderen ist es die Karolinger Kathedrale. Foto: Hans Hoff
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Für die einen sind es bloß Bäume, für die anderen ist es die Karolinger Kathedrale.

Auf der Karolingerstraße in Düsseldorf bilden Bäume ein großes Bauwerk.

Von Hans Hoff

Düsseldorf. Die Kölner haben einen Dom, auf den sie sehr stolz sind. Das hängt damit zusammen, dass der Kölner Dom ein im wahrsten Wortsinne überragendes Bauwerk ist, ein Wunderwerk ausgewogen durchdachter Architekturkunst. Diese atemberaubend aufragenden Säulen, diese hohen Decken, die eine Ahnung geben sollen, wie es im Himmel so sein könnte, das sind alles Merkmale, die den Menschen, der sie betrachtet, klein wirken und ehrfürchtig werden lassen.

Und dann kommt noch das Licht hinzu, das durch die Fenster flutet, das sich bricht an Bildern oder Farbscheiben, das im Laufe des Tages seinen Lauf nimmt und die Kathedrale von einer Minute auf die andere immer wieder anders aussehen lässt. Das ist schon sehr hohe Kunst, die neidvoll anerkennen lässt, dass die Kölner da etwas richtig Großes haben, auf das sie zu recht sehr stolz sind. Nimmt man einem Kölner den Blick auf den Dom, stiehlt man ihm ein Stück Identität und Lebensfreude. Ich kann das verstehen.

Auf Düsseldorfs Stadtkarten ist das Bauwerk nicht zu finden

Allerdings muss man in Sachen Bewunderung auch, um mal eine beliebte Floskel zu benutzen, die Kirche im Dorf lassen. Der Dom ist eben nur der Kölner Dom, eine komische Kapelle, wie es manche Spötter mit bösen Zungen behaupten, was natürlich sehr gehässig wirkt und nichts zu tun hat mit dem, was gemeinhin mit rheinischem Gönnertum überein zu bringen wäre. Der Dom ist der Dom, und da, wo er steht, steht er richtig.

Man muss den Kölnern doch gar nicht sagen, dass wir etwas viel Feineres haben, etwas mindestens ebenso Imposantes, etwas erhaben Aufragendes, das jeden Betrachter augenblicklich zur Miniatur werden lässt und ihm die Kleinlichkeit seines irdischen Seins vor Augen führt.

Die Rede ist natürlich von der Karolinger Kathedrale. Die wird man auf Düsseldorfs Stadtkarten vergeblich suchen, denn dort ist sie nicht verzeichnet. Es gibt sie offiziell nicht, aber natürlich gibt es sie doch. Man muss sie nur sehen, ihre Größe wahrnehmen wollen, sich einfinden und ergeben.

Das gelingt, wenn man sich auf der Karolingerstraße mal auf die Brücke stellt, die der Binterimstraße die Düssel-Querung ermöglicht. Tritt man dort ans Geländer und schaut gen Westen und lässt den Blick dann noch leicht nach oben schweifen, dann steht man vom einen auf den anderen Augenblick mittendrin in der Karolinger Kathedrale, im Düssel-Dom.

Es sind diese riesigen Bäume, mehrheitlich wohl Platanen, die hier säulengleich aufragen bis in Höhen von vielleicht 15 oder 20 Metern. Auf beiden Seiten der Düssel stehen sie auf der Kö von Bilk. Sie verbinden eine gewisse Leichtigkeit mit der Feste ihrer Stämme, und genau über dem Fluss, quasi exakt über der Mitte des namensgebenden Mini-Stromes, verbinden sie ihre riesigen Kronen zu einem in diesen Tagen beinahe geschlossenen Blätterdach.

Wenn der Rest der Stadt brutzelt, ist es hier in der Kathedrale noch kühl

Das lässt die Karolingerstraße selbst an sehr hellen Tagen stets ein bisschen dunkler wirken als den Rest der Stadt. Wenn alle in der Hitze brutzeln, dann herrscht hier immer noch ein wenig vornehme Kühle. Wie es sich halt gehört für solch ein von der Natur selbstständiges gefertigtes, vom Menschen allenfalls sanft gelenktes Bauwerk.

Oben das satte Grün des Blätterdachs, unten das satte Grün des Gestrüpps, der wilden Gräser, und dazwischen ragen die hellbraunen Stämme auf, die vor Kraft nur so zu strotzen scheinen. Manchmal, wenn es besonders heiß wird oder einfach weil Sommer ist, werfen die Bäume Teile ihrer Rinde ab. Dann gibt es immer wieder Menschen, die sich um die Bäume sorgen, aber regelmäßig die Mitteilung bekommen, dass alles liege in der Natur der natürlichen Dom-Säulen.

Nicht alle in der Karolingerstraße mögen diese Erhabenheit. Es gibt dort tatsächlich Menschen, die sich beschweren, dass es im Sommer in ihren Wohnungen im ersten, im zweiten oder im dritten Stock nie so richtig hell wird. Es kann ja auch nicht hell werden, weil die Fenster direkt in die Karolinger Kathedrale führen, den Düssel-Dom, ein Bauwerk, das jedes Jahr aufs Neue verblüfft, weil es nie gleich aussieht, weil es sich immer wieder ein bisschen verändert.

Warum beschweren sich diese Menschen? Es reicht der Gedanke an die Reaktion eines Kölners, dem man anböte, er könne künftig von seinem Wohnzimmer aus direkt in den Dom schauen.

Lieber mal den Blick werfen auf den großen Vorteil, den die Karolinger Kathedrale gegenüber dem Schwesternbau in Köln aufweist. Der Dom verändert sich, abgesehen vom Lichteinfall, nie. Der bröckelt höchstens mal. Die Düsseldorfer Entsprechung aber trägt die Veränderung in sich. Sie reagiert auf die Jahreszeiten und strahlt wohl gerade deshalb so viel Erhabenheit aus.

Wer hier auf der Brücke steht und hochblickt, der weiß, was groß bedeutet, der weiß auch, wie klein er ist. Und das Gute an der Karolinger Kathedrale ist, dass man keiner Religionsgemeinschaft angehören muss, um hier Seligkeit zu finden. Das wohlige Gefühl, Teil von etwas wirklich Großem und Ganzem zu sein, gibt es für jeden, Religion egal, Hautfarbe egal.

Bäume sind ein Sinnbild für individuelle Glücksfindung

Auch Kölner können hier selig werden. Es wurden schon welche gesichtet, die allerdings auf Befragen darauf bestanden, ihr Dom sei schon eine andere Nummer. Sie stießen auf Verständnis, weil die Karolinger Kathedrale jeden so seinlässt, wie er ist, weil sie Sinnbild ist für individuelle Glücksfindung. Jeder kann hier hochwachsen, wie er will, aber ganz oben treffen sich dann alle, tun sich zusammen und üben Zusammenhalt über alle Baumkronen hinweg.

Nur die Enten, die unten auf der Düssel herumdümpeln, die scheinen nicht mitzukriegen, an welch erhabenem Ort sie hier schwimmen. Die picken einfach ein bisschen im Uferschlamm herum, tauchen auch mal unter oder ruhen sich im Gestrüpp am Ufer aus. Dürfen sie, können sie. Hier darf jeder das tun, was er für richtig hält, und trotzdem dazugehören.

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