„Remote X“

Audio-Tour zeigt Wuppertals Tanzgeschichte und das Pina-Bausch-Zentrum

„Remote X“ wurde schon in vielen Städten – hier Belgrad – aufgeführt. oto: Sonja Zugic/Rimini Protokoll
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„Remote X“ wurde schon in vielen Städten – hier Belgrad – aufgeführt.

Diese besondere Führung wirkt wie eine große Inszenierung.

Von Monika Werner-Staude

Wuppertal. Menschen mit großen Kopfhörern sind heute im Stadtbild nichts Ungewöhnliches mehr. 50 Menschen mit Kopfhörern, die gemeinsam unterwegs sind und stets das Gleiche tun, schon. Die Massenchoreografie weckt Assoziationen an einen Flashmob, an humanoide Roboter. Das mag irritieren, das mag belustigen. Wenn Rimini-Protokoll Menschen ab Donnerstag ferngesteuert auf einen Audiowalk durchs Stadtgebiet von Wuppertal schickt, dann ist das ein durchdachtes Spiel. Das in Berlin beheimatete, renommierte Künstlerkollektiv handelt im Auftrag von Bettina Milz. Die Koordinatorin und Leiterin der Planungsphase des Pina-Bausch-Zentrums will mit „Remote Wuppertal“ ein weiteres Kapitel des Vorlaufformats „Under Construction“ schreiben.

Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel haben 2000 Rimini Protokoll gegründet – sie hatten sich als Studenten der Theaterwissenschaften an der Universität Gießen kennengelernt. Unter ihrem Label vereinen sich heute nicht nur die drei Gründer, sondern ein vielköpfiges Team.

Jörg Karrenbauer wirkt seit 2005 mit. Den Regisseur reizen die Arbeit im öffentlichen Raum im Gegensatz zur „italienischen Guckkastenbühne“, die er jahrelang als Regieassistent betreute, der journalistische Blick auf die Dinge, der Ansatz, die Realitäten des Alltags zu beschreiben.

Bettina Milz wiederum kennt das Riminikerntrio aus ihrer Studienzeit in Gießen, suchte nun erneut den Kontakt mit dem Ziel, ein niederschwelliges, in die und mit der Stadt agierendes Programm zu finden, das die Spielzeit 2022/23 eröffnen soll. Ein „Under Construction“-Programm, das für ein internationales Tanzzentrum werben soll, das es (noch) nicht gibt, weshalb die Stadt selbst und das Schauspielhaus an der Kluse als Spielstätten dienen. Stefan Kaegi schlug das Format „Remote X“ vor, das den urbanen Raum neu erlebbar machen, das Bewusstsein neu schärfen will, das die Beobachter zu Beobachteten macht.

Bei der letzte Auflage im Mai wurde das Schauspielhaus als Projektionsfläche von Fridays for Future genutzt. Archivfoto: B. Hessler

Zusammen mit Karrenbauer hatte er das mobile Forschungslabor 2013 entwickelt und mittlerweile in über 50 Städten von Avignon, Lissabon, Sao Paulo und New York ortsspezifische Varianten gezeigt. Überall folgt es einem „roten Faden der Architektur“, so Karrenbauer: Gestartet werde an einem außerhalb (remote) gelegenen Platz, der öffentliche Nahverkehr werde genutzt, auf dem Weg zurück ins Zentrum eine Kirche und eine Shopping Mall einbezogen, vor der Pandemie auch ein Krankenhaus. Stationen in Wuppertal sind der Friedhof Sonnborn, der Hauptbahnhof, die Cityarkaden, eine Kirche und das Schauspielhaus, die abgelaufen beziehungsweise mit der Schwebebahn angefahren werden. Und: „Wir versuchen auf der Tour einen Bezug zur Tanzgeschichte und zum Haus in seiner jetzigen Form herzustellen.“

Angeleitet werden die Teilnehmenden durch die eingespielte Stimme im Ohr, die wie ein menschlicher Freund durch die Stadt führt. Kein trockener, sondern ein humorvoller Ratgeber, der zur Pause am Brunnen einlädt, darum bittet, dass Mensch sich auch daselbst und nicht auf Bänken in der Nähe niederlassen möge. Der 50 Menschen auffordert, gleichzeitig in die Schwebebahn einzusteigen. Dafür müssen im Vorfeld Stellen ausgemacht werden, an den sich etwas ereignen könnte, erklärt Karrenbauer. Eine Freifläche, ein Ort, an dem sich viele auf- und verhalten. Und was, wenn beim Walk dennoch nicht alle der Aufforderung folgen? Das sei natürlich spannend, sagt der Regisseur, weil der Einzelne dann sichtbar werde. Vielleicht hilft dann auch einer der Scouts weiter, die dabei sind.

„Dornröschenschlaf“: Bewunderung für Schauspielhaus

Ende letzten Jahres wurden die ersten Gespräche geführt, im Mai wurde vier Tage lang vor Ort recherchiert, danach begann die eigentliche Produktionsphase, die Karrenbauer meist an den Schreibtisch bannt, wo er den Text verfasst, während die Sounddesigner vor Ort unterwegs sind.

Kennen- und schätzen gelernt hat er mittlerweile Utopiastadt und die Überbleibsel des Solar Decathlon und natürlich das Schauspielhaus, „ein großartiges Gebäude“, dessen unfassbarer Dornröschenschlaf ihn mit Wehmut erfüllt, weshalb er hofft, dass es in fünf Jahren wieder eröffnet wird. Kurz vor dem Startschuss am 1. September werden dann noch Testläufe unternommen – alles lässt sich eben nicht vorhersagen.

Termine

Termine: 1. bis 3. September; 8. bis 10. September; 15. bis 17. September; 22. bis 24. September; 29. September bis 1. Oktober; 6. bis 8. Oktober. Die nicht barrierefreie Audiotour beginnt am Evangelischen Friedhof Sonnborn, Kirchhofstraße 32, und dauert knapp zwei Stunden.

Tickets: Kulturkarte, Kirchplatz 1, Tel. (02 02) 5 63 76 66; kulturkarte-wuppertal.de; underconstruction@pina-bausch.de

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