„Die Diagnose war ein fürchterlicher Einschnitt“

Heinrich A. lebt mit HIV – bereits viel länger, als man ihm damals diagnostiziert hat. Foto: Stefan Fries
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Heinrich A. lebt mit HIV – bereits viel länger, als man ihm damals diagnostiziert hat. Foto: Stefan Fries

Gestern war Welt-Aids-Tag – ein Betroffener erzählt aus seinem Leben mit dem Virus

Von Eike Rüdebusch

Wuppertal Heinrich A. hat sich 1987 mit HIV infiziert - bei seinem ersten sexuellen Kontakt mit einem Mann. Der heute 60-Jährige, der eigentlich anders heißt, lebt seitdem mit dem Virus. Einem Virus, das damals als sicheres Todesurteil galt. Und es auch für viele war, auch im Umfeld von Heinrich A. Der Mann, bei dem er sich angesteckt hatte, starb 1992 an den Folgen, ein späterer Partner ist 1998 an Aids gestorben, der Krankheit, die durch HIV ausgelöst wird.

Heinrich A. aber lebt. Viel länger als man ihm damals gesagt hat. Und er engagiert sich für die Aufklärung über das Virus. Am 1. Dezember wird der Welt-Aids-Tag begangen. Er findet seit 1988 statt, bekräftigt die Rechte von HIV-positiven Menschen und erinnert an die Menschen, die an den Folgen des Virus gestorben sind. Er mahnt, das Virus nicht zu vergessen.

Das tut auch Heinrich A. Er ist bei der Aids-Hilfe aktiv. Er hilft etwa bei Workshops für Krankenpflegeschüler und berichtet von seinen Erfahrungen, davon, wie schwierig es für ihn war, die Diagnose zu bekommen, sie zu akzeptieren.

Das Leben mit dem Virus hat zwei Seiten

Man könnte meinen, A. pflegt einen selbstbewussten Umgang mit dem Virus, aber sein Leben mit HIV hat zwei Seiten. Während er versucht, junge Menschen aufzuklären, hat er privat einen anderen Weg gewählt. Nach der Diagnose hat er aufgehört zu arbeiten. Rente. Mit 30. Weil er dachte, er würde in zwei Monaten sterben. Und weil er von der Diagnose keinem erzählen konnte. „Das hätte ich damals nie jemandem gesagt. Da war die Angst viel zu groß, ausgegrenzt zu werden.“ Bis heute wüssten nur ganz wenige Menschen in seinem Umfeld Bescheid. A. hat erlebt, wie Freunde den Kontakt abgebrochen haben, wenn sie davon erfuhren. Das hat ihn geprägt. Er hat sich weitgehend zurückgezogen. „Das war ein fürchterlicher Einschnitt, eine Katastrophe“. Er zieht daraus auch die Konsequenz, nicht mehr jedem von seiner Infektion erzählen zu müssen.

Die Reaktion habe seiner Meinung nach auch immer etwas mit dem Wissensstand zu tun. Ebenso die Vorsorge. „In meiner Generation gibt es noch die Bilder von damals: Ansteckung, wenn man sich ein Wasserglas teilt, Lebensgefahr.“ Heute seien die jungen Menschen neutraler - vielleicht weniger aufgeklärt.

Das kennt auch Daniel Viebach, Mitarbeiter bei der Wuppertaler Aids-Hilfe. Er erklärt, dass es eben früher die sehr drastischen Bilder gab – „aber seitdem hat es wahnsinnige medizinische Fortschritte gegeben.“ HIV-Infizierte könnten heute annähernd so lange leben wie gesunde Menschen, HIV-positive Mütter könnten HIV-negative Kinder bekommen. Aber mit den Fortschritten sind die Bilder in der Öffentlichkeit verschwunden. Die alten Bilder seien nicht überschrieben worden, sie beherrschten vielfach noch das Denken. Die Aufklärung leide. Viebach sieht darin einen Grund, warum die Zahl der HIV-Infizierten im Jahr 2019 wieder leicht gestiegen ist – um etwa 100 gegenüber dem Vorjahr. Viebach sagt, dass neben homosexuellen Männern auch vermehrt heterosexuelle Männer um die 40 von Neuinfektionen betroffen seien. „Auf der Ü40-Party liegt eben kein Flyer über HIV/Aids aus“, sagt er. Es fehle an Informationen. Heinrich A. hat nach seinem frühen Ausscheiden aus dem Beruf irgendwann doch wieder einen Einstieg gewagt. Nicht mehr als Angestellter. Er hat sich selbstständig gemacht. Kein Chef, keine Kollegen. Niemanden, dem er etwas erzählen müsste. Heute, mit 60, sei er wieder Rentner. Deswegen frage keiner mehr nach.

Und auch die Medikamente seien besser geworden – weniger Nebenwirkungen, mehr Auswahl, weniger strikte Einnahmen. Das mache es leichter für ihn. Auch weil er so weniger auffällig die Medikamente einnehmen müsse.

Obwohl er schlechte Erfahrungen hat machen müssen – in anderen Ländern sei die Situation für HIV-Infizierte schlimmer. Trotzdem sieht er die Akzeptanz in der Gesellschaft aktuell kritisch – es werde wieder mehr diskriminiert. „Die Stimmung schlägt um“, sagt er. Und hofft, etwas dagegen bewirken zu können.

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