Gebühren

Der Tierarztbesuch wird deutlich teurer

Die Behandlung wird teurer: Eine allgemeine Untersuchung für den Hund, hier mit Dr. Christoph Capellmann und Sandra Schelp, steigt in der Praxis Capellmann von 12 auf etwa 22 Euro.
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Die Behandlung wird teurer: Eine allgemeine Untersuchung für den Hund, hier mit Dr. Christoph Capellmann und Sandra Schelp, steigt in der Praxis Capellmann von 12 auf etwa 22 Euro.

Neue Gebührenordnung für Veterinärmediziner – Tierheim fürchtet Kosten und Abgabewelle.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Beauty ist erst zwei Jahre alt, hat aber schon lädierte Hüften. Was der herzensgute Vierbeiner mit den treuen Augen bereits erlebt hat, weiß niemand so genau. Denn Beauty kommt aus Bulgarien – und hatte großes Glück: Alexandra Grote nahm den Hund aus dem Tierschutz bei sich auf. Seitdem ist Beauty jedoch regelmäßiger Gast beim Tierarzt, erhält chiropraktische Anwendungen und macht Unterwassersport. „Unsere Tierärztin hat gesagt, sie kann damit alt werden. Man muss aber etwas dafür tun“, sagt Grote. Zumal eine neue Hüfte gut und gerne vierstellig kosten würde.

Keine Tierversicherung wollte die liebe Beauty aufgrund ihrer Vorgeschichte versichern. Alexandra Grote zahlt daher jeden Cent selbst. „Ich könnte nichts mehr zu Essen haben, Hauptsache, dem Hund geht es gut“, sagt Grote. Nun muss sie sich genauso wie alle anderen Herrchen und Frauchen auf höhere Tierarztkosten gefasst machen.

Denn eine neue Gebührenordnung für Tierärztinnen und Tierärzte (GOT) tritt am 22. November in Kraft. Sie ist der rechtliche Rahmen für die Abrechnung sämtlicher Leistungen, die in Tierarztpraxen erbracht werden. Veterinärmediziner haben dann die Möglichkeit, ihre Leistungen vom einfachen bis zum dreifachen Satz in Rechnung zu stellen, im Notdienst bis zum vierfachen Satz.

Die Anpassung der Gebührensätze erfolgte auf wissenschaftlicher Basis: Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hatte die Durchführung einer Studie beauftragt. Die ergab, dass die einfachen Gebühren der GOT nicht mehr ausreichen und nicht mehr zeitgemäß sind. Zuletzt wurde die Verordnung 1999 angepasst.

„Das war längst überfällig“, sagt unter anderem Dr. med. vet. Eva Köhn-Voelkel, Inhaberin der Tierarztpraxis Remscheid-Süd. Nur der Zeitpunkt der Novellierung sei äußerst schlecht gewählt – sie fällt in eine Zeit, in der Krieg, Rohstoffknappheit und Energiekrise herrschen und niemand weiß, was der Winter bringt.

In diesen Tagen erreichen die Praxis viele Fragen von besorgten Tierhaltern. „Für sie ist das natürlich bitter“, sagt die Veterinärmedizinerin. Sie rät dazu, möglichst früh eine Tierversicherung abzuschließen. Dazu rät auch Dr. med. vet. Christoph Capellmann, der ebenfalls eine Praxis in Remscheid betreibt. „Wenn ich eine solche Versicherung habe, muss ich als Tierhalter nicht unbedingt mit meinem Portemonnaie entscheiden.“

Positiv sei, dass mit der Novellierung bestimmte Leistungen dem Zeitaufwand entsprechend aufgewertet wurden. Denn früher wurden CT-Aufnahmen oder kardiologische Untersuchungen nicht berücksichtigt. „In den letzten 20 Jahren hat sich die Tiermedizin unheimlich weiterentwickelt.“ Eine allgemeine Untersuchung für den Hund lag früher bei 12 Euro, jetzt laut der neuen GOT bei um die 22 Euro, sagt Capellmann. Bei einer Katze wird es noch teurer: Hier steigt die allgemeine Beratung und Untersuchung um 163 Prozent, eine Injektion für Hund oder Katze steigt um 99 Prozent.

Welche Summe der Tierarzt tatsächlich auf die Rechnung setze, obliege ihm selbst im Rahmen der neuen GOT – abhängig vom Aufwand, der Tageszeit, der Schwere. Viele Kollegen orientierten sich aber am neuen einfachen Satz, der in der alten GOT der zweifache war, mein Capellmann. „Es wird zudem von uns erwartet, medizinisch auf dem neuesten Stand zu sein.“ Neueste Geräte und Ausstattungen seien kostspielig. Und hier seien Kostenerhöhungen aufgrund von Corona und gestiegenen Medikamentenkosten sowie die für Strom und Gas nicht berücksichtigt.

Seit 14 Tagen gibt es eine neue Hiobsbotschaft: Mit der GOT werden auch die Lohnkosten für tiermedizinsche Fachangestellte um rund 30 Prozent steigen. „Das bereitet uns derzeit große Sorgen“, sagt Capellmann. „Irgendwie werden wir das umlegen müssen, um überhaupt noch wirtschaftlich arbeiten zu können. Sonst wird es nicht mehr funktionieren.“

Tierheim: Durch die Kostensteigerungen wird es eng

Große Sorgen macht sich auch das Tierheim. Auf den Tierschutzverein für Remscheid und Radevormwald, der das Tierheim trägt, kommen ab dem 22. November enorme Kosten zu. Lagen die für die veterinärmedizinischen Behandlungen 2021 bei 52 500 Euro, rechnet Schatzmeisterin Rita Bosselmann für 2022 aktuell mit 55 000 bis 60 000 Euro – Medikamente und Futter sind hier noch gar nicht enthalten. „Das Doppelte an Tierarztkosten könnten wir gar nicht bezahlen.“ Hinzu komme die Sorge ums Gas. Und da das Tierheim auch immer mehr Corona-Rückläufer aufnehmen müsse, werde es langsam eng.

Angelika Hämmerling-Schier vom Tierheim-Team rechnet damit, dass mit der Erhöhung auch mehr Vierbeiner hier stranden. „Wer eine kleine Rente hat, wird sich das Tier vielleicht nicht mehr erlauben können.“ Schon heute würden viele kranke Tiere abgegeben - auf den Kosten bleibt der Tierschutzverein sitzen.

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