Interview

Der Lockdown kann auch etwas Positives sein

Prof. Peter Zimmermann hat Kinder während der Corona-Zeit im Blick. Foto: Uni
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Prof. Peter Zimmermann hat Kinder während der Corona-Zeit im Blick.

Entwicklungspsychologe Prof. Peter Zimmermann über psychische Folgen der Pandemie bei Kindern

Das Gespräch führte Anke Strotmann

Wuppertal. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie haben Kinder und Jugendliche unvermittelt getroffen. Sie mussten und müssen auf vieles verzichten, was ihren Alltag ausmacht. Ein Gespräch mit dem Entwicklungspsychologen Prof. Peter Zimmermann von der Bergischen Universität über die psychischen Folgen er bei Kindern und Jugendlichen.

Was weiß man bisher über psychische Folgen für Kinder und Jugendliche aufgrund des Corona-Lockdowns?

Prof. Peter Zimmermann: Wissenschaftlich ist das nicht so leicht zu beantworten. Der Umgang mit dem Lockdown selbst ist bisher zu wenig erforscht. Covid-19 wird vor allem medizinisch untersucht, aber weniger psychologisch. Die psychischen Folgen bei Erwachsenen unterscheiden sich zwischen der ersten Reaktion und der Anpassung an die „Neue Normalität“. Man weiß aber wenig, wie Familien mit der Krise umgehen, zumal sich die Krise ständig verändert. Das beeinflusst, wie man die Situation bewertet. Bei den meisten Studien wurden im vergangenen Sommer Eltern und Kinder befragt, jetzt wird vor allem geschaut, wie ansteckend Kinder sind, die in die Kita gehen. Wie Familien belastet sind, dazu gibt es noch zu wenige Studien im psychologischen Bereich.

Können Sie denn einschätzen, wie sich der Lockdown auf die Psyche eines Kindes auswirkt?

Zimmermann: Über kleine Kinder weiß man relativ wenig im Vergleich zu Grundschulkindern und Jugendlichen. In der deutschen COPSY-Studie zum ersten Effekt im Sommer 2020 fand man einen Anstieg der Angststörungssymptome von etwa 15 auf etwa 24 Prozent, aber nicht von Depression. Es gibt eine Langzeitstudie der Universität Leiden, für die Kinder und Eltern gefragt wurden, was typisch für die Zeit des Lockdowns ist. Die Kinder berichten lustigerweise sehr häufig Positives, wie ,ich habe mehr Freizeit und mehr Zeit mit der Familie’, es gibt aber auch mehr Langeweile und Einsamkeit. Sie vermissen Freunde und Großeltern, aber finden es gut, dass sie nicht so früh aufstehen müssen, um zur Schule zu gehen. Interessant ist, dass sowohl Negatives als auch Positives eine Rolle spielt. Die Eltern sagen, dass sie mehr Zeit mit der Familie haben, weniger äußere Verpflichtungen haben und sich mehr ihren Kindern widmen können. Die Einschränkung ist, dass man sich nicht mit Freunden treffen kann und weniger Struktur hat. In dieser Studie haben die Kinder nicht mehr Auffälligkeiten als vor der Covid-Zeit.

Wenn aber plötzlich Arbeit und Homeschooling zuhause stattfindet, gibt es dann nicht auch mehr Stress?

Zimmermann: Das trifft nicht alle gleich. Nur 20 Prozent der Eltern sowie der Kinder dieser Studie sagen, dass Stress typisch für die Covid-Zeit ist. Für Kleinkinder hängt es davon ab, in welcher Umgebung sie leben. Die Familien, die sehr viel Platz haben, sind durch die Enge nicht beeinträchtigt und wenn sie Kind orientiert sind, kann sich das Mehr an Familienzeit positiv auswirken. Für die Kleinen sind die Eltern mehr da als sonst und das ist für die Kinder gar nicht so schlecht. Eltern, die vorher subjektiv weniger belastet sind, kommen meist besser mit der Krise zurecht und können offener für die Kinder sein. Dann ist der Lockdown etwas Positives.

„Belastend ist es immer dann, wenn man wenig mit sich in der Familie anzufangen weiß.“

Prof. Peter Zimmermann

Für wen ist die Situation belastend?

Zimmermann: Belastend für die Kinder ist es immer dann, wenn man wenig mit sich in der Familie anzufangen weiß, wenn man weniger fürsorglich ist und darüber der Punkt, an dem man sich aus dem Weg gehen könnte, zum Beispiel in die Arbeit, Schule oder Kita als Brennpunkt nach Hause kommt. Dann wird es eher belastend und schwierig. Die Situation ist von ökonomischen Verhältnissen beeinflusst. Aus den Studien in den USA weiß man, dass wenn es zu Arbeitslosigkeit und finanziellen Notlagen kommt, strikte Erziehungsmaßnahmen bis hin zu Kindesmisshandlungen ansteigen, und wenn dies vor der Pandemie auch schon vorkam, dies bis um das 111-fache anstieg. Schüchterne und ängstliche Kinder haben während des Lockdowns das Problem, in Kontakt zu treten. Sie fühlen sich einsamer. Während viele Kinder im frühen Jugendalter häufig schon eine größere Eigenständigkeit haben. Sie können das Nicht-Treffen mit Whatsapp kompensieren.

Rechnen Sie damit, dass aufgrund des Lockdowns mehr Kinder psychisch erkranken?

Zimmermann: Das Ereignis trifft nicht alle gleich. Die Unterschiede zwischen einzelnen Familien sind groß. Die psychologischen Effekte der Pandemie sind da, aber die Mehrzahl der Kinder wird nicht psychisch erkranken. Negative Folgen betreffen diejenigen stärker, die schon vorher stark belastet waren und durch mehrere Risikofaktoren gleichzeitig wie Migrationshintergrund, Arbeitslosigkeit oder einen niedrigen Bildungsgrad der Eltern weniger Ressourcen haben. Denn viel hängt von der Fähigkeit der Eltern ab, die Kinder emotional im Gleichgewicht zu halten und anzuleiten, zu lernen. Wenn man daran politisch etwas ändern wollte, müsste man schauen, wie man den Stress für diese Familien reduzieren kann.

Familien gesucht

Der Entwicklungspsychologe Prof. Peter Zimmermann forscht unter anderem zur Bindungsentwicklung und -störungen im Kindes- und Jugendalter und zu emotionaler Kompetenz. Zurzeit wird in der Kleinkind-Studie die Rolle der Eltern bei Kindern im Alter bis zu 13 Monaten untersucht. Für die Studie sucht er noch Familien, die bereit sind, an der Untersuchung teilzunehmen.

Kontakt: kleinkindstudie@uni-wuppertal.de

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