Kriminalität

Das Bergische Land ist eine Hochburg der Clans

Dietmar Kneib, Chef der Kripo, setzt mit seinen Kollegen unter anderem auf deutliche Kontrollen im Milieu. Archivfoto: Stefan Fries
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Dietmar Kneib, Chef der Kripo, setzt mit seinen Kollegen unter anderem auf deutliche Kontrollen im Milieu. Archivfoto: Stefan Fries

Bergisches Land. Landesweit gibt es nur im Ruhrgebiet mehr Clan-Kriminalität, weiß Kripo-Leiter Dietmar Kneib.

Von Daniel Neukirchen

Lässt sich Clan-Kriminalität im Bergischen Land und speziell in Wuppertal verorten?

Dietmar Kneib: Wir haben hier Clans im Bergischen. Der Landesschwerpunkt liegt zwar im Ruhrgebiet, danach kommen wir. Insbesondere gibt es Clans in Solingen, aber auch in Wuppertal. Was die Straftaten angeht, stehen wir im Bergischen landesweit gesehen im oberen Drittel.

Von welchen Straftaten reden wir?

Kneib: Uns geht es nicht nur um die Straftaten, die im Hellen passieren. Also Bedrohungsdelikte und Körperverletzungsdelikte. Aus unserer Sicht sind die Straftaten auch sehr interessant, die nicht angezeigt werden: Zolldelikte, Steuerdelikte, Betrug im Sozialbereich, Drogendelikte, Urkundenfälschung, Schleusungsdelikte.

Wie bekämpfen Sie denn diese Kriminalität, die sich dadurch auszeichnet, dass sie sich im Verborgenen abspielt?

Kneib: Es ist wichtig, ein Konzept zu haben. Unseres beruht auf drei wichtigen Bausteinen. Einmal die „Nadelstiche“. Das heißt, Kontrollen im Milieu, also beispielsweise in Shisha-Bars und Wettspiel-Buden. Einmal zeigen wir damit: Wir sind da und treten euch regelmäßig auf die Füße. Aber das ist nicht alles, wir sammeln so auch Informationen für verdeckte Verfahren im Nachgang. Um zum Beispiel der Spur des Geldes zu folgen. Das ist das zweite Ziel, nämlich den Clans die finanziellen Mittel abzuschöpfen. Die dritte Säule ist die Prävention.

Wie kann man Clan-Strukturen präventiv vorbeugen?

Kneib: Da gibt es ein konkretes Konzept, das heißt „Kurve kriegen“. Wir versuchen, problematische Kinder-Entwicklungen frühzeitig umzulenken, bevor aus Jugendlichen Intensivtäter werden. Das haben wir jetzt auch auf das Clan-Milieu ausgeweitet.

Das klingt nicht leicht.

Kneib: Wir fangen jetzt erst an. Aber das wird natürlich sehr schwer. Denn was die Clans ja ausmacht, ist, dass der Zusammenhalt im Familienverbund sehr groß ist. Für ein Kind oder Jugendlichen ist es sehr schwer, da auszubrechen. Weil man sich gegen die Familie stellen muss.

Wie wollen Sie überhaupt mit diesen Kindern in Kontakt kommen?

Kneib: Das geht nur über die Schule. Da müssen alle Akteure zusammenarbeiten, um die Kinder früh auf den richtigen Weg zu bringen. Ich würde mir wünschen, dass Jugendliche gar nicht erst bei der Polizei landen.

„Die Gesellschaft wird geschädigt, aber nicht der Einzelne.“

Dietmar Kneib

In welchen Bereichen des öffentlichen Lebens sind die Clans verankert?

Kneib: Wie eben schon erwähnt sind das die Shisha-Bars. Denn ein Geschäftsfeld der Clans sind unverzollter Tabak, Drogendelikte und Geldwäsche. Wir erhalten auch erste Hinweise auf Barber-Shops, in denen Geldwäsche praktiziert werden soll.

Gibt es Ermittlungserfolge aus jüngster Zeit?

Kneib: Wir hatten jetzt zwei sehr gute Erfolge zu verzeichnen. Im vergangenen Jahr haben wir das Landeskriminalamt unterstützt. Es gab am Ende vier oder fünf Haftbefehle gegen eine Großfamilie aus Solingen. Die hatten einen Autohändler entführt und ein Lösegeld gefordert. Und zum Anfang dieses Jahres ging es um einen Clan in Leverkusen mit Verbindungen ins Bergische. Da gab es Hinweise auf Geldwäsche in Solingen. Man merkt: Durch die Vernetzung verschiedener Polizeibehörden erzielen wir Wirkung.

Der Schwerpunkt der Kriminalität liegt offenbar in Solingen. Wie sehen die Verbindungen nach Wuppertal aus?

Kneib: Das geht auch nach Wuppertal rein. Wir reden von fünf bis sieben Familien-Clans. Wobei man sagen kann, dass zwei, drei Clans im Bergischen führend sind. Zum Glück haben wir aber hier nicht dieses absolut aggressive Auftreten wie etwa in Essen. Das würde das Problem für uns verschärfen.

Der Wie ist die Struktur in so einer Clan-Familie?

Kneib: Die Verbindungen der großen Clan-Familien reichen teils bis nach Berlin. Es sind auch oft mehrere Familien, die über einen gemeinsamen Namen verbunden sind. Da gibt es dann auch unterschiedlich ausgeprägte kriminelle Energie. Wir stoßen auch immer auf Leute, die Teil der Familie sind, und mit den kriminellen Machenschaften nichts oder wenig zu tun haben. Bei einem konkreten Beispiel einer Clan-Familie aus Solingen ist es allerdings so, dass ein Großteil der männlichen Erwachsenen in kriminelle Handlungen eingebunden ist.

So richtig sichtbar in der Öffentlichkeit wurde Clan-Kriminalität in Wuppertal noch nicht, oder?

Kneib: Herausragende Fälle gab es nicht, nein. Mitglieder der Clans sind häufig allerdings als Autoposer sehr auffällig. Das unterscheidet diese organisierte Kriminalität beispielsweise von der italienischen Mafia. Letztere legt sehr viel Wert darauf, nicht aufzufallen. Das aggressive und auffällige Verhalten in der Öffentlichkeit ist quasi ein Makel der Clan-Kriminalität. Dieses zwingt den Rechtsstaat zum Handeln. Es ist auch ein Ansatz für uns, zu ermitteln, wenn jemand ein sehr teures Auto fährt und gleichzeitig Sozialleistungen bezieht. In Leverkusen ist beispielsweise nachgewiesen worden, dass sich ein Clan einerseits von Sozialleistungen finanziert, andererseits aber teuerste Immobilien angeschafft hat.

Wie schätzen Sie die Bedrohungslage für den „normalen Bürger“ ein?

Kneib: Im Grunde genommen ist es ähnlich wie im Rockerbereich. Viel Clan-Kriminalität findet im Verborgenen statt. Die Gesellschaft als Ganzes wird geschädigt, aber nicht der Einzelne. Die Wahrscheinlichkeit, als Bürger zwischen die Fronten zu geraten, ist gering. Große Rivalitäten zwischen den Clans im Bergischen gibt es derzeit nicht.

Wann sind die Clan-Strukturen in der Region erstmals bemerkt worden?

Kneib: Die Hinweise darauf gibt es schon seit 20 Jahren. Es war nur nie politisches Thema.

Hintergrund

Im Jahr 2019 zählte das Wuppertaler Polizeipräsidium für die drei Bergischen Städte 284 Straftaten in Zusammenhang mit Clan-Kriminalität. Es gab 132 Tatverdächtige, davon fünf Personen, denen mehr als fünf Straftaten im Jahr zugeordnet wurden. 4,7 Prozent der Clan-Straftaten in Nordrhein-Westfalen passierten im Bergischen Land. Damit steht das Präsidium auf Platz 6 in NRW – Platz 1: Essen (770 Straftaten).

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