Interview

„Corona hat das Thema Einsamkeit aktuell gemacht“

CDU-Politikerin Diana Kinnert ist in Elberfeld aufgewachsen. Archivfoto: Anna Schwartz
+
CDU-Politikerin Diana Kinnert ist in Elberfeld aufgewachsen.

Die in Wuppertal aufgewachsene Diana Kinnert (CDU) hat ihr zweites Buch veröffentlicht: „Die neue Einsamkeit“.

Das Gespräch führte Hannah Florian

Wuppertal. Am 2. März erschien Diana Kinnerts zweites Buch „Die neue Einsamkeit: Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können“. In Elberfeld aufgewachsen, lebt die 30-jährige Autorin, CDU-Politikerin und Unternehmerin mittlerweile in Berlin. Mit unserer Redaktion sprach sie über „neue Einsamkeit“ – ein oft missachtetes Thema, das durch die Corona-Pandemie dann doch in den öffentlichen Fokus gerückt ist.

Das Thema Einsamkeit hat in der Corona-Pandemie eine ganz neue Bedeutung gewonnen, mittendrin erscheint Ihr Buch. Zufall?

Diana Kinnert: Während meiner Forschungsarbeit war ich bei vielen Politikern aus unterschiedlichen Parteien und Ländern und habe mit ihnen über Einsamkeit gesprochen. Sie sind mir offen begegnet, aber niemand hat sich aktiv auf das Thema draufgesetzt. Drei Jahre ist es her, dass ich mit Armin Laschet dazu ein Gespräch geführt habe, aber auch er hat die Dringlichkeit nicht erkannt. Mit Corona hat sich das schlagartig geändert. Gerade in Bezug auf die Älteren ist das Thema aktuell geworden, in der Diskussion um Besuchsverbote in Altenheimen und Kontaktbeschränkungen.

Ihr Buch dreht sich aber mehr um die Einsamkeit der jüngeren Generation.

Kinnert: Nicht nur, bei älteren Generationen sind die Lösungen jedoch offensichtlicher. Ältere Menschen sind einsam, weil es auf dem Land an Mobilitätsstrukturen mangelt, weil sie sich digital abgehängt fühlen, weil sie schnell unsichtbar gemacht und ausgeschlossen werden. Es lassen sich aber mit vergleichsweise einfachen Lösungen Brücken schlagen, deshalb habe ich das Thema für mich zügig abgearbeitet. Bei der „neuen Einsamkeit“ geht es mir um einen modernen, neuen Aspekt des Themas, um die junge Generation mit ihren Smartphones, die in der Blüte ihres Lebens steht, so vernetzt ist wie nie und sich trotzdem einsam fühlt. Das war für mich ein Rätsel.

Wie viel von Corona ist in Ihr Buch eingeflossen?

Kinnert: Ich habe tatsächlich erst im Lockdown angefangen zu schreiben. Ich habe also schon alles im Lichte von Corona gesehen, aber denke auch, dass Maßnahmen wie temporäre Kontaktbeschränkungen das Thema nicht in ihrer Ganzheitlichkeit fassen. Es gibt etwas an dieser Einsamkeits-Thematik, das viel drastischer ist als die temporäre Corona-Situation.

„Armut ist etwas, das ich in Wuppertal häufig erlebt und aus der Schwebebahn heraus gesehen habe.“

Diana Kinnert

In Ihrem ersten Kapitel „Dinner for One“ schildern Sie intensiv und eindringlich einen Abend mit Freunden in einem israelischen Restaurant. Vor dem Hintergrund des aktuellen Lockdowns löst das Lesen zugleich Wohlbefinden und Qual aus. Wieso haben Sie das Buch mit dieser Szene starten lassen?

Kinnert: Ich habe die Szene als Einleitung gewählt, weil ich dem Leser schnell begreiflich machen wollte, dass sich das Buch mit dem scheinbar paradoxen Phänomen beschäftigt, im Trubel und Lärm Einsamkeit zu empfinden. Das Kapitel schildert eine Situation, in der zwar alle nah beieinander sind, dicht gedrängt in einem Restaurant, aber trotzdem miteinander unverbindlich, beliebig und flüchtig sind. Bei junger, moderner Einsamkeit geht es also nicht um das Ob sozialer Verbindungen, sondern um das Wie: Die Qualität der Verbindung ist entscheidend. Darf ich ehrlich sein? Kann ich vertrauen? Entsteht Intimität?

Im Klappentext steht, dass sich das Buch mit der Frage beschäftigt, wie wir in Zukunft Individualität und gesellschaftliches Miteinander vereinbaren können. Wir sind also entweder Individualisten oder gesellschaftlich eingebunden, aber nicht beides?

Kinnert: Es gibt eine hohe Dunkelziffer an Menschen, die sich einsam fühlen und sich nicht trauen, es zuzugeben. In unseren gesellschaftlichen Werten hat sich eine Schieflage ergeben zwischen Ungebundenheit und Individualisierung. Ich bin der Meinung, dass wir mit Individualisierung vieles gewonnen haben, die Freiheit, unseren eigenen Weg zu gehen, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen. Aber wir verherrlichen Pseudowerte wie Bindungslosigkeit und die totale Flexibilität bis hin zur eigenen Unkenntlichkeit. Ich denke, dass wir eine Kultur der Beziehungsfähigkeit, neuer Solidarität und gewünschter Fürsorge genauso selbstbewusst besprechen und verhandeln sollten.

Sie haben erwähnt, dass es in Ihrem Buch viele Bezüge zu Wuppertal gibt.

Kinnert: Ich bin in Wuppertal aufgewachsen. Die Stadt hat im Laufe der Jahre viele Veränderungsprozesse mitgemacht, sie ist eine Stadt von Aufbruch und Abgesang. Das hat mich insoweit geprägt, dass ich der Auffassung bin, dass eine bunte Zivilgesellschaft viele Probleme selbst lösen kann. Armut ist etwas, das ich in Wuppertal häufig erlebt und aus der Schwebebahn heraus gesehen habe, wenn ich in Kinderzimmern hineinsehen konnte, in denen Kinder auf Pappkartons anstatt in Betten schlafen. Das hat mich beeinflusst, dass ich Phänomene nicht isoliert und als singulär betrachte, sondern immer auch mitdenke, was sie mit sozialer Ungerechtigkeit zu tun haben. Einsamkeit ist sehr viel wahrscheinlicher bei Menschen, denen nicht ausreichend finanzielle Mittel für Vereinsaktivitäten oder kulturelle Angebote zur Verfügung stehen. Das nehme ich aus Wuppertal mit. Für das Buch habe ich auch mit Oberbürgermeister Uwe Schneidewind und mit Caroline Lünenschloss von der CDU über Einsamkeit gesprochen und immer wieder festgestellt, dass sich das Thema nicht klassisch links/rechts verorten lässt. Es ist für alle politischen Positionen von Interesse.

Zum Buch

Diana Kinnerts Buch „Die neue Einsamkeit. Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können“ ist am 2. März 2021 als Hardcover in der Rubrik Sachbuch und Biografie bei Hoffmann und Campe erschienen und für 22 Euro im Buchhandel erhältlich. Co-Autor ist Marc Bielefeld.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Fenster fliegen aus einem Wuppertaler Gebäude
Fenster fliegen aus einem Wuppertaler Gebäude
Fenster fliegen aus einem Wuppertaler Gebäude
Den Panorama-Radweg geführt erkunden
Den Panorama-Radweg geführt erkunden
Den Panorama-Radweg geführt erkunden
Uni verabschiedet Talent-Stipendiaten
Uni verabschiedet Talent-Stipendiaten
Uni verabschiedet Talent-Stipendiaten
Peter König ist traurig, wenn er die Altstadt sieht
Peter König ist traurig, wenn er die Altstadt sieht
Peter König ist traurig, wenn er die Altstadt sieht

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare