Engagement

Chirurgin: „Im Krieg lernt man zu operieren“

Sarah Jamaly und Paul Näther behandeln eine Schussverletzung in einem ukrainischen Krankenhaus.
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Sarah Jamaly und Paul Näther behandeln eine Schussverletzung in einem ukrainischen Krankenhaus.

Wuppertal. Die Ärztin Sarah Jamaly und der Rettungssanitäter Paul Näther aus Wuppertal waren in der Ukraine.

Von Alina Komorek

Hin und wieder fühlt es sich an wie in einem Horrorfilm: Auf den Fluren des Krankenhauses bröckelt der Putz von den Wänden, die Metallliegen aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts sind zu hoch und zu alt, und im OP-Saal flackert das Licht gelegentlich. Auch die Wunden, die in dem ukrainischen Krankenhaus behandelt werden müssen, sind nichts für schwache Nerven: Denn Schussverletzungen sind nie sauber, Durchschüsse platzen an der Austrittsseite auf, krustige Verbrennungen müssen mit speziellen Bürsten abgeschrubbt werden. „Im Krieg lernt man operieren“, weiß Sarah Jamaly, plastische und rekonstruktive Chirurgin aus Wuppertal, nach der Rückkehr von der Fahrt in die Ukraine.

Mit dem Rettungssanitäter Paul Näther und Christoph Möbius, plastisch-ästhetischer Chirurg aus Hamburg, ist die 37-Jährige in ein Krankenhaus südlich von Kiew gereist, um das Personal dort mit Fachwissen, Materialien und bei den Operationen zu unterstützen. „Das Auto war voll“, erzählen Näther und Jamaly von der Reise. 36 Stunden hat die Fahrt gedauert. Im Krankenhaus angekommen, haben die drei Deutschen die Ärzte kennengelernt. „Wir haben überglückliches Personal getroffen, fachlich sehr kompetente Ärzte, die sehr gute Arbeit leisten“, erzählt die Chirurgin von dem etwa zehntägigen Aufenthalt in der Ukraine. „Die Versorgung ist im Grunde die gleiche wie hier, nur mit weniger Materialien.“ So werden für die Patienten, sowohl Soldaten als auch Zivilisten, improvisierte Rollstühle gebaut, die Kleidung der Chirurgen wird immer wieder sterilisiert, obwohl darin schon Löcher sind, und Einweggläser werden gereinigt, sodass sie im OP verwendet werden können. „Not macht eben erfinderisch“, sagt die Wuppertaler Ärztin.

„Was wir hier rausschmeißen, ist dort hochmodern.“

Sarah Jamaly, Chirurgin, und Paul Näther, Rettungssanitäter

Möbius und Jamaly haben das Team in dem ukrainischen Krankenhaus ergänzt, vor allem durch ihre Fachrichtungen. Aus Sicherheitsgründen möchten sie den genauen Standort nicht preisgeben, aber die Klinik sei nicht direkt an der Front gewesen. Dennoch waren es die schmutzigen Wunden, die am häufigsten versorgt werden mussten, denn oft seien die Kriegsverletzungen gleich an der Front dürftig versorgt worden, um den Weg ins Krankenhaus zu schaffen.

Es fehlt so viel – Nun sammeln die Freiwilligen Spenden

In diesem Bereich fehlten auch die meisten Materialien: So mangele es  vor allem am Equipment, mit dem im Labor untersucht werden kann, welche Keime in die Wunden gelangt seien, um diese gezielt zu bekämpfen. „Bei den Wundinfektionen weiß man nicht genau, welchen Gegner – welche Bakterien – man da bekämpft“, beschreibt Jamaly die Schwierigkeit der Behandlung. Und manchmal könne man nicht mehr erhaltend operieren: Einem 19-jährigen Soldaten musste der Unterschenkel abgenommen werden. Sie berichten von offenen Wunden, Hauttransplantationen, und immer wieder vom Hauptproblem: den schmutzigen Wunden.

Hin und wieder legten die ukrainischen Ärzte Teile von ihrem Einkommen beiseite, um davon Materialien zu besorgen. „In der Klinik wird praktisch alles gebraucht“, erklären Jamaly und Näther. „Was wir hier rausschmeißen, ist dort hochmodern.“ Besonders Betten und Geräte, die deutsche Krankenhäuser aussortieren, würden in dem vor Ort dringend gebraucht. Nun, zurück in Deutschland, geht es den drei Freiwilligen darum, möglichst viele Medikamente, Geräte, OP-Werkzeuge und Sterilisationsmaterialien zu sammeln: Vor allem der 21-jährige Paul Näther hat Listen angelegt, welche Dinge für die medizinische Versorgung am dringendsten benötigt werden. Obwohl die Fahrt lang und besonders an den Grenzen die Ein- und Ausreise sehr aufwendig war, plant Näther weitere Fahrten in die Ukraine. Der Wuppertaler hatte bereits eine Idee, die sich leicht umsetzen lässt: Sets für spezielle Handschuhe, mit denen Wunden an der Front vor Infektionen geschützt werden können.

Helfen

Wer das Engagement unterstützen möchte, kann dies über den Verein Medizinischer-Hilfsdienst-Nordrhein (MHD) tun. Da vor allem medizinische Materialien benötigt werden, helfen Geldspenden und Sachspenden aus Arztpraxen und Krankenhäusern am meisten.

Weitere Infos findet man online: medizinischer-hilfsdienst-nordrhein.de

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