Hilfsbereitschaft

Burscheider Familie hilft Arbeitsmigranten

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Einem gestrandeten Arbeitsmigranten aus Rumänien halfen Nachbarn von der unteren Hauptstraße und eine fürsorgliche Familie: Die der rumänischen Sprache mächtige Nina Höner (li.) dolmetschte; Selma Ucar (2. von links) hatte den Bedürftigen vor dem Haus entdeckt. Gemeinsam mit Seher Aslim, Muradiye Bora, Murat und Süleyman Akyüz (v.l.) wurde dem 36-jährigen Mann mit Unterstützung der Polizei geholfen. 

BURSCHEID Sie gibt ihm zu Essen und wirft Geld für ein Ticket für dessen Heimflug zusammen. Auch die Polizei hilft.

Von Stefan Aschauer-Hundt

RUMÄNIEN

HINTERGRUND Im Zuge der Osterweiterung der Europäischen Union trat Rumänien 2007 der EU bei. Schrittweise wurde der deutsche Arbeitsmarkt für Rumänen geöffnet, bis mit dem 1. Januar 2014 die volle EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit für Rumänen galt. Rumänien ist das Land unter den EU-Mitgliedsstaaten mit dem Anstieg der Auswanderung seit 1990. Es leben drei der insgesamt 19,6 Millionen Rumänen außerhalb ihres Heimatlandes.

In einem rumänischen Städtchen an der rumänisch-bulgarischen Grenze, am Rande der endlosen Wallachei, muss er wohl aufgebrochen sein, um Arbeit im gelobten Land zu finden. Wahrscheinlich wurde er mit einem dieser abgewrackten Sprinter die 2200 Kilometer weite Tour nach Burscheid gekarrt. Jeden Tag machen sich solche automobilen Seelenverkäufer in Rumänien auf den Weg, um billige Arbeitskräfte in deutsche Betriebe zu bringen. Der 36-jährige mit dem Namen Viorel ist einer dieser Arbeitsnomaden, von denen man gehört, aber selten einen kennengelernt hat. Das hat sich vor Wochenfrist an der unteren Hauptstraße geändert: Dort wurde Viorel mit blau gefrorenen Lippen, hungrig und an Heimweh krank, von einer Burscheider Familie gefunden. Kein deutsches Wort war aus ihm herauszubringen und als man eine rumänisch sprechende Nachbarin aufgetan hatte, war schnell klar: Viorel wollte nur noch heim nach Rumänien.

Vor einer Woche entdeckten Selma Ucar und Murat Akyüz fast zeitgleich den jungen Rumänen frierend an einem Auto hockend. Als sie ihn zum zweiten Mal erblickten, hatte er sich unter einen Baum verzogen. Die beiden Burscheider merkten, dass etwas im Argen lag. „Wir haben ihn erstmal ins Treppenhaus gesetzt und ihm Suppe angeboten.“ Weil weder auf Deutsch, noch auf Englisch oder Türkisch eine Verständigung zustande kam, erinnerte man sich der rumänischstämmigen Nachbarin Nina Höner. Sie kam 2004 vom Donau-Delta nach Burscheid. Die Frau eilte herbei und konnte dolmetschen.

Schnell stellte sich nun heraus, dass Viorel seit drei oder vier Monaten bei einem Arbeitgeber in Burscheid unter den Bedingungen einer so genannten Arbeitnehmerüberlassung schaffte. Das heißt: Viorel arbeitete nach rumänischem Arbeitsrecht für einen Subunternehmer, der mit seinem deutschen Auftraggeber abrechnet. Der Rumäne gab an, als Produktionshelfer und Mädchen für alles an sechs Tagen der Woche je zehn Stunden zu arbeiten. Seinen Lohn für die letzten Monate hatte er jeweils direkt zu seiner Mutter ins Heimatland geschickt.

Murat Akyüz rechnet vor: „Was er ausgezahlt bekam, liegt zu 50 Prozent unter dem deutschen Mindestlohn.“ In der Tasche hatte der an der Kölner Straße untergebrachte Mann gerade noch ein paar Cent und etwas rumänisches Geld. „Man sah ihm den Status ,brauche Hilfe’ förmlich an. Und er wollte nur noch nach Hause“, sagt Akyüz. Die Arbeit sei schwer und er körperlich angeschlagen, brachten die bald sechs sich kümmernden Burscheider in Erfahrung.

Aber wie den Flug bezahlen, wie zum Airport kommen? Die Hausgemeinschaft von der Hauptstraße telefonierte noch mit der Polizeiwache. Unter dem Stichwort „Hilfeersuchen“ fuhren Polizeikommissarin Jaqueline Schoofs und Polizeioberkommissar Simon Lenzgen am Mehrfamilienhaus vor. „Hilfeersuchen“ sei für die Streife immer eine Wundertüte, sagt der 30-jährige Lenzgen. Doch einen solchen Einsatz wie an der Hauptstraße habe er auch noch nicht erlebt.

Von den Papieren her sei mit Viorel ja alles in Ordnung gewesen, aber der Mann eben völlig hilflos. Nur dank der rumänischen Nachbarin habe man sich verständigen können.

Doch dann fasste sich die Familie Akyüz ein Herz: Die Mitglieder der Großfamilie legten zusammen und buchten ein Ticket für den nächsten Flieger von Köln nach Bukarest.

Autobahnhpolizei fuhr ihn zum Flughafen

Die Ordnungshüter wurden dann erfinderisch. Polizeioberkommissar Simon Lenzgen: „Wir haben uns mit der Autobahnpolizei Bensberg kurzgeschlossen. Bis zur Autobahnauffahrt Burscheid brachten wir den rumänischen Bürger, dort wurde er von den Kollegen übernommen.“ Die Autobahnpolizisten transportierten Viorel bis zum Kölner Flughafen, lotsten ihn an den richtigen Schalter. Mit einem Taschengeld, das Viorel von der Familie Akyüz bekommen hatte, konnte er sich auf dem Airport verpflegen, bevor sein Flieger nach Bukarest abhob.

Für die Familie Akyüz, man lebt in dritter Generation in Deutschland und die meisten Familienmitglieder haben die deutsche Staatsangehörigkeit, war die Hilfeleistung eine Selbstverständlichkeit. „Wir sind auch Migranten“, sagt Murat Akyüz.

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