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Ein Brief an Greta Thunberg

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DÜSSELDORF Liebe Greta, jetzt auch ich noch! Das habe ich gedacht, als ich den Auftrag bekam, über Dich zu schreiben. Das ist ja manchmal das Problem mit uns Journalisten:

Von Ekkehard Rüger

Wir sollen über das berichten, was viele Menschen beschäftigt. Aber wenn dann alle Medien über dasselbe berichten, dann entsteht oft ein Hype, bei dem man sich fragt: Was soll ich eigentlich noch Neues dazu beitragen? Ich habe mich darum entschieden, an Dich und nicht über Dich zu schreiben. Das ist eine Krücke, gebe ich zu. Schließlich weiß ich gar nicht, ob Du diesen Brief jemals liest. Aber mir hilft es.

Meine einzige Tochter ist 19, mein jüngster Sohn 13. Du könntest mit Deinen 16 Jahren also meine Tochter sein. Und wenn Du das wärest, wäre ich wahrscheinlich zunächst einmal richtig stolz auf Dich. Ich finde es großartig, wenn sich junge Menschen für etwas engagieren, wenn sie leidenschaftlich sind und nicht gleichgültig gegenüber dem, was auf und mit diesem Planeten geschieht. Du bist innerhalb nur eines Jahres zu einem Riesenvorbild geworden, mit „Fridays for Future“ orientiert sich eine ganze Bewegung an Dir. Das ist wirklich beeindruckend.

Aber ich würde mir auch ziemliche Sorgen machen. Wenn man sich mit Dir beschäftigt, stößt man auf so viel Verehrung, so viele Erwartungen und so viel Hass, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie das ein Mensch allein aushalten soll. Ich kenne mich mit Autismus nicht sonderlich gut aus, vielleicht hilft er Dir ja ab und an, all das, was auf Dich einprasselt, ein bisschen auf Distanz zu halten. Aber trotzdem: Ich bin ziemlich sicher, dass diese Wucht der Projektionen, die Dich trifft, für Dich nicht gut sein kann. Und auch nicht für die Sache, um die es Dir geht. Ich will versuchen, Dir das zu erklären.

Ich habe mich erst mal gefragt, warum Dich so viele Menschen regelrecht hassen. Ich glaube, das hat etwas mit Deinem Alter zu tun. Ältere Menschen lassen sich nur sehr ungern von jüngeren ihr Versagen vor Augen halten. Darum sind jetzt so viele damit beschäftigt, Dich unglaubwürdig zu machen. Sie wollen Dir nachweisen, dass das alles nicht nur Deine Gedanken sind oder dass Du selbst nicht konsequent lebst. Ich finde das ziemlichen Quatsch. Mir ist ehrlich gesagt egal, ob Du Deine Reden allein schreibst oder nicht, ob Dich jemand berät oder nicht. Jeder Politiker hat Redenschreiber und Berater. Warum nicht auch Du? Und anderen Inkonsequenz vorzuhalten, war schon immer der billigste Weg, das eigene Verhalten nicht ändern zu müssen.

Dabei habt Ihr völlig recht: Wir Erwachsenen haben viel zu lange den Schuss nicht gehört. Und wir alle müssen dringend unsere Art zu leben ändern. Wie schwer das ist, merke ich an mir selbst. Ich mache dies und das (Ökostrom bestellen, ein Erdgasauto kaufen, bewusst einkaufen, den Konsum reduzieren). Aber ich fahre noch immer mit dem Auto zur Arbeit. Und nächstes Jahr will ich meine Kinder in Lateinamerika besuchen. Dafür habe ich insgesamt sieben Flüge gebucht. Die meisten Menschen leben mit solchen Halbheiten – wenn überhaupt.

Dann habe ich mich gefragt, warum andererseits so viele Menschen restlos begeistert von Dir sind. Manches davon kann ich verstehen: Viele Bewegungen brauchen Symbole, an denen man sich orientiert. Du hattest eine originelle Idee, die um sich gegriffen hat. Du kannst souverän vor den wichtigsten Leuten auftreten. Du stehst für den berechtigten Kampf der Jugend um ihre Zukunft. Aber wenn die Heilserwartungen an einzelne Menschen zu groß ausfallen, werde ich grundsätzlich skeptisch.

Gerade ein Jahr bist Du im Bewusstsein der Öffentlichkeit – und schon hat Dich Amnesty International mit dem Menschenrechtspreis ausgezeichnet. Manche sehen Dich bereits als Friedensnobelpreisträgerin. Mit Barack Obama hast Du gerade „Fist Bumping“ gemacht. Hat er Dir dabei auch etwas erzählt von den Erwartungen, die Menschen wecken können, und von den Mühen der Realisierung?

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Du bist ungeduldig. Du willst, dass endlich etwas passiert. Und deswegen hast Du im Januar auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos einen, wie ich finde, sehr schlimmen Satz gesagt: „Ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre.“ Ich war in meiner Jugend auch ein sehr ängstlicher Mensch und bin es manchmal heute noch. Umso mehr habe ich, seit ich denken kann, eine Aversion gegen Menschen, die mir Angst machen wollen. Anderen Menschen Angst zu machen oder sie gar in Panik zu versetzen, ist für mich eines der miesesten Mittel, um Politik zu machen oder auch nur seine Interessen durchzusetzen. Kein noch so guter Grund rechtfertigt das. Einem Menschen in Panik noch zu helfen, ist eines der schwierigsten Unterfangen, die es gibt. Das wird Dir jeder Notfallseelsorger, Feuerwehrmann oder Rettungsschwimmer bestätigen. Panik hilft auch nicht dem Klimaschutz.

Das ist es, was ich meine, als ich gerade schrieb, die Wucht der Projektionen tue weder Dir noch der Sache gut. Ich glaube, wenn man Menschen wie Dich, so mutig und prägend Du auch bist, zu sehr überhöht, werden komplizierte Dinge wie der Klimawandel irgendwann zu einem Schaukampf versimpelt. Gegen eine 16-Jährige wie Dich sehen alle Klimagipfelteilnehmer irgendwie alt und behäbig aus. Aber die Mühen zäher Verhandlungen sind nicht lächerlich oder überflüssig. Sie sind notwendig. Die Lösung des Klimaschutzes heißt nicht Greta.

Ich weiß, dass quälende und vielleicht auch ungenügende Kompromisse bei Euch nicht hoch im Kurs stehen. Das reiche alles nicht aus. Aber andererseits: Wenn es nicht gelingt, möglichst viele Menschen vom Klimaschutz zu überzeugen und sie auf diesen Weg mitzunehmen, wird die Konfrontation innerhalb einer Gesellschaft und zwischen den Staaten weiter wachsen. Wir haben jetzt schon weltweit zu viel und nicht zu wenig Konfrontation. Daraus ist selten etwas Gutes erwachsen.

Manchmal, wenn ich Dich so sehe, mit wem Du gerade mal wieder zusammentriffst, frage ich mich, ob alle diese neuen Freunde auf der Welt Dich wirklich treffen wollen, weil sie Dich unterstützen, oder ob sie nicht auch manchmal eher hoffen, ein bisschen vom Licht Deines Ruhms abzubekommen. Und ich frage mich, ob Du Dich das manchmal auch fragst.

Ich könnte Dein Vater sein – aber ich bin es nicht. Darum steht mir auch nicht zu, Dir etwas zu raten. Aber wünschen kann ich Dir etwas: dass Du weiter viele Menschen überzeugst, dass Klimaschutz sinnvoll ist. Dass Du dabei gute Wege findest, Du selbst zu bleiben. Und dass Du irgendwann, wenn Dir alles zu viel wird, auch den Mut hast zu sagen: Lasst mich in Ruhe mit Eurem Hass und Eurer Vergötterung. Ich bin nur Greta Thunberg – nicht mehr und nicht weniger.

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