Boris Charmatz wird der neue Intendant

Boris Charmatz (Mitte) bei seiner Vorstellung: (v. l.) Heiner Fragemann, Uwe Schneidewind, Kathrin Petersen, Presseamt Stadt Wuppertal, und Bettina Milz. Foto: Anna Schwartz
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Boris Charmatz (Mitte) bei seiner Vorstellung: (v. l.) Heiner Fragemann, Uwe Schneidewind, Kathrin Petersen, Presseamt Stadt Wuppertal, und Bettina Milz.

Tanztheater Pina Bausch: Französischer Tänzer und Choreograph soll zur nächsten Spielzeit nach Wuppertal kommen

Von Monika Werner-Staude

Wuppertal Die Vorfreude sei riesengroß, das Gefühl des Aufbruchs ebenso. Oberbürgermeister Uwe Schneidewind konnte nun im Mendelssohn-Saal der Stadthalle den künftigen Intendanten des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch verkünden, einen „prägenden Kopf des Tanzes in den letzten Jahrzehnten“. Zuvor hatte der Aufsichtsrat einstimmig beschlossen, den Franzosen Boris Charmatz für die Nachfolge von Bettina Wagner-Bergelt vorzuschlagen.

Die Tanztheater-Intendantin verlässt Wuppertal zum Ende der laufenden Spielzeit im Sommer 2022. Boris Charmatz bringe „auf besondere Weise all das mit, was für den Zukunftsprozess erforderlich ist: Mut und eine starke künstlerische Arbeit, in der er sich immer wieder neu erfindet, strategische Klarheit, Sensibilität und Respekt für das herausragende Werk von Pina Bausch und das Ensemble, ein internationales Netzwerk und eine sehr fundierte Expertise in den Künsten“, hieß es in seiner Erklärung.

Boris Charmatz ist 48 Jahre alt. Er studierte klassisches Ballett an der Ècole de danse der Opéra National de Paris und am Konservatorium Lyon. Von 2008 bis 2018 leitete er das Centre Choréographique de Rennes et de Bretagne, das er zu einem lebendigen „Musée de la danse“ formte. Seine Arbeiten sind in der ganzen Welt vertreten. Er war Associated Artist beim Festival D`Avignon 2011, Gast der Pariser Oper, arbeitete eng mit Ausnahmekünstlern wie Anne Teresa De Keersmaeker, Meg Stuart, Tino Seghal, dem Wuppertaler Raimund Hoghe und vielen anderen zusammen.

Er präsentierte Stücke und Performances im öffentlichen Raum in Europa – zuletzt in Manchester, Berlin und Brüssel. Seine Arbeit wurde in bedeutenden Museen gezeigt, so im Moma in New York, der Tate Modern in London und auf der Triennale von Mailand. Der Künstler und Sohn eines Holocaust-Überlebenden sieht sich als Vermittler des zeitgenössischen Tanzes, war zum Beispiel von 2006 bis 2008 Gastprofessor an der Universität der Künste Berlin (UdK).

„Ein Spezialist für den Umgang mit tänzerischem Erbe.“

Bettina Milz, Ministerium für Kultur und Wissenschaft

Der international anerkannte Tänzer und Choreograph wurde in einem aufwendigen und in der Corona-Pandemie unterbrochenen Verfahren ermittelt. Den Findungsprozess vorbereitet hatten Bettina Wagner-Bergelt und Roger Christmann, der mit ihr als Geschäftsführer das Tanztheater seit 2019 und bis Mitte 2022 gleichberechtigt leitet. Wichtiger Bestandteil ihrer Aufgaben, die sie zu lösen hatten, nachdem die Intendanz von Adolphe Binder mit Kündigung und Rechtsstreit geendet hatte. Dabei achteten sie darauf, eine möglichst breite Basis für die Entscheidung aufzubauen: Die etwa 60-köpfige Mitarbeiterschaft (Tänzer, Verwaltung, Technik), der Aufsichtsrat des Tanztheaters, Vertreter von Stadt, Land und Foundation sowie externe Experten wurden einbezogen.

Allein in diesem Jahr wurden unter dem Vorsitz von Bürgermeister Heiner Fragemann über 20 Sitzungen in vier Monaten absolviert. Gefunden wurde jetzt ein „Spezialist für den Umgang mit tänzerischem Erbe“, der selbst schon Tanzgeschichte geschrieben habe, der ganz im Sinne der „unersetzlichen Pina Bausch“ Wuppertal als Tanzmetropole erhalten und zugleich Neues beginnen werde, freute sich Bettina Milz vom NRW-Ministerium für Kultur und Wissenschaft. Und Schneidewind benannte die Entscheidung für Charmatz als „kraftvolles Signal“, als Aufgreifen des Erbes Pina Bauschs und seiner Weiterentwicklung, und als Beginn einer künstlerischen Transformation, die in enger Verbindung mit den Veränderungsprozessen der Region stehe.

Der so gelobte Franzose bedankte sich überschwänglich, lobte die Stadt, in die er sich beim ersten Blick verliebt habe, und hielt eine gefühlvolle wie mitreißende Rede, die erahnen ließ, wie er die Findungskommission hatte überzeugen können.

Er wolle sich einem „einzigartigen Ensemble anschließen“ und mit ihm ins 21. Jahrhundert aufbrechen, Visionen entwerfen, das Werk Pina Bauschs mitnehmen, das eigentlich zum „Weltkulturerbe erklärt“ werden sollte. Zwar habe er die Choreografin nicht selbst kennengelernt, wohl aber einzelne ihrer Tänzer und durch sie ihre Arbeit. Charmatz warb außerdem für eine Vertiefung der deutsch-französischen Zusammenarbeit, schließlich sei die Oper in Paris ein zweites Zuhause Pina Bauschs gewesen.

Nach der Zustimmung des Aufsichtsrats muss nun noch der Finanzausschuss der Stadt sein Okay geben, dann wird Charmatz die Leitung der Kompanie im September 2022 mit Beginn der neuen Spielzeit antreten. Er soll einen Acht-Jahres-Vertrag bis 31. Juli 2029 bekommen, der ihn zum künstlerischen Leiter und künstlerischen Geschäftsführer der Tanztheater GmbH machen wird. Oberbürgermeister und Stadtdirektor sollen nun die Verträge vorbereiten.

Zur Person

Räume: Boris Charmatz wurde am 3. Januar 1973 in Chambery geboren. Als Tänzer, Choreograph und Regisseur experimentiert er gerne. Er versucht, dem Tanz neue Räume zu erschließen – ein Ansatz, den er auch in Wuppertal verfolgen will.

Zentrum: In seine Intendanz wird auch die für 2027 veranschlagte Vollendung des Pina Bausch Zentrums fallen.

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