Das bekannte und unbekannte Kempen

Die Kempener Burg liegt mitten im Grüngürtel der Altstadt. Das Denkmal ist (noch) nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Archivfotos: Kurt Lübke
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Die Kempener Burg liegt mitten im Grüngürtel der Altstadt. Das Denkmal ist (noch) nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Archivfotos: Kurt Lübke

Sommerserie: Die Stadt am Niederrhein hat weit mehr zu bieten als ihre Altstadt

Von Tobias Klingen

Kempen – wer diese 35 000-Einwohnerstadt im Kreis Viersen am idyllischen Niederrhein einmal besucht hat, wird wohl in jedem Fall die historische Altstadt kennen. Die Burg, das Kloster, der Marktplatz, die kleinen Gassen – all das dürfte der eine oder andere in NRW schon gesehen haben.

Die Stadt Kempen hat aber weit mehr zu bieten. Schier endlose niederrheinische Landschaften, wunderschöne Herrenhäuser und sogar ein altes Zechengelände gibt es auf Kempener Stadtgebiet. Und von allem sieht man etwas, wenn man die Radroute „Kempener Land“ nimmt. Über 44 Kilometer erlebt man in gut drei Stunden Niederrhein pur.

Wir starten am Rande eben jener nicht ganz unbekannten Altstadt – am Bahnhof. Von dort geht es in nördlicher Richtung durch ein Wohngebiet, das in den 60er Jahren entstanden ist und damals „Neue Stadt“ hieß. Gebaut wurden die zahlreichen Mehrfamilienhäuser für die Soldaten der belgischen Nato-Kaserne im benachbarten Grefrath. Heute wohnen die Menschen dort lieber im Hagelkreuz-Viertel. Und durch dieses – und eine ganze Menge Grün – führt ein schöner Rad- und Fußweg.

Vom Hagelkreuz-Viertel aus erreicht man schnell zahlreiche Wirtschaftswege, entlang derer zunächst die großen Erdbeerfelder des Spooshofes auffallen. Über die Wirtschaftswege, die der Kreis Viersen hervorragend in sein Radwegenetz eingebaut hat, geht es zunächst in Richtung Kempens Nachbargemeinde Wachtendonk.

Dann macht der Rundweg einen Rechts-Knick in Richtung der Honschaften Voesch und Escheln. In diesem Bereich sieht man auf der linken Seite eines der bedeutenden Herrenhäuser der Region: Haus Velde befindet sich in Privatbesitz und kann nicht besichtigt werden. An diesem Punkt der Tour liegen etwa fünf Kilometer hinter einem. Weiter geht’s in westlicher Richtung und man erreicht nach weiteren fünf Kilometern das Naturschutzgebiet Tote Rahm. Durch dieses führt ein idyllischer Weg, und dort hört und sieht man so einiges, was kreucht und fleucht. Im Sommer bietet der Naturschutzbund dort auch kleine Ausflüge für Kinder an. In diesem Waldgebiet gibt es auch eine Waldschänke, die aber schon seit längerem geschlossen ist.

Der höchste Punkt der sehr flachen Tour ist 54 Meter hoch

Nach dem Naturschutzgebiet, das zum Kempener Stadtteil St. Hubert gehört, erreichen die Radler jenen Bereich Kempens, der gar nicht so typisch niederrheinisch ist. Die Rede ist von Tönisberg. Ein Dörfchen mit etwa 3000 Einwohnern, das im Zuge der kommunalen Neugliederung 1970 Kempen zugeschlagen worden ist. Geprägt ist Tönisberg zwar auch durch die Landwirtschaft, aber vor allem durch den Bergbau. Tönisberg verfügt über eine Zechenanlage mit Förderturm. Dieser war in den 1960er Jahren aber nur wenige Jahre in Betrieb. Es stellte sich heraus, dass die Vermutung, auf Steinkohle zu stoßen, ein Trugschluss war. Letztlich diente der Tönisberger Schacht nur zur Belüftung der Anlage im Nachbarort Neukirchen-Vluyn.

Dort könnte man so etwas wie den Anfang des Ruhrpotts verorten. Und so gilt der Tönisberger Förderturm, der von der Autobahn 40 zu sehen ist, als erste Landmarke des Ruhrgebiets. Unter anderem deshalb wurde er unter Denkmalschutz gestellt. Betreten werden darf das Areal derzeit nicht. Ein Krefelder Investor will aus dem Gelände in den kommenden Jahren einen modernen Gewerbepark – den Zechen-Campus – machen.

Ein Schmuckstück in der Nachbarschaft der Zeche kann man sich aber aus der Nähe ansehen: die Bockwindmühle, die vom Heimatverein und der Stadt Kempen liebevoll in Schuss gehalten wird. Das Denkmal am Windmühlenweg liegt in Sichtweite des Zechen-Areals – Niederrhein und Ruhrpott gleich nebeneinander.

Wenn man diese beiden Denkmäler erreicht hat, ist man gleichzeitig nach rund 13 Kilometern auf dem höchsten Punkt der ansonsten sehr flachen Tour: 54 Meter. Weiter geht es durch das Bergdorf und über weitere Feldwege des Dorfes in Richtung Krefeld, dessen Stadtteil Hüls an Kempen grenzt und nach besagter Neugliederung einige Jahre zu Kempen gehört hat.

Nun peilen die Radfahrer auf dieser Strecke den Ortsteil St. Hubert an, den sie zuvor bei der Fahrt durch die Tote Rahm bereits gestreift haben. St. Hubert erreicht man durch das sogenannte Orbroich, wo man mit dem Haus Gastendonk ein weiteres Herrenhaus erspähen kann. Über die Orbroicher und Stendener Straße erreicht man den Ort, dessen Kern die Radroute dann aber rechts liegen lässt, um zum Bereich Königshütte zu gelangen.

Dieser Teil St. Huberts gerät seit Jahren immer wieder in die Schlagzeilen, weil es dort den gleichnamigen Baggersee gibt. Das Problem: In dem ehemaligen Auskiesungsbereich darf man nicht baden, was viele aber nicht davon abhält. Langfristig könnte in dem Naturschutzgebiet mal eine Art Naherholungsgebiet entstehen. Doch das ist Zukunftsmusik. Wassersport ist am See nur möglich für Mitglieder des Segel- und Surfclubs Kempen.

Nun geht es schon stramm zurück in Richtung Alt-Kempen. Bei Kilometer 29 passieren wir die Bahnstrecke des Niers-Expresses und erreichen ein weiteres touristisches Highlight: das Gut Heimendahl (Haus Bockdorf). Hier kann man einen genauen Einblick in die Bewirtschaftung eines Guts erhalten. Schafe, Ziegen und Co. sind ein Highlight für Kinder. Auf dem Anwesen gibt es zudem einen Hofladen und auch das eine oder andere zu essen.

Karl der Große soll das Gotteshaus gestiftet haben

Auf dem nun folgenden Wirtschaftsweg kann man nach rechts schauen und sieht den Teil Kempens, der erst in den vergangenen Jahren entstanden ist. Im Süden der Stadt hat Kempen ordentlich Zuwachs bekommen – zuletzt mit dem Neubaugebiet „An der Kreuzkapelle“, das sich unweit der Apfelplantagen des Obstgutes Hardt befindet. Nicht weit entfernt vom neuen Kempen steht etwas ganz Altes: die Kapelle St. Peter. Sie gilt als ältestes Gotteshaus im Kempener Land. Erwähnung findet sie erstmals im Jahr 1085. Einer Legende nach soll Karl der Große das Gotteshaus gestiftet haben, zum Dank für seine Rettung, nachdem er sich bei einem Jagdausflug in den Kempener Wäldern verirrt hatte. Das ist aber wirklich nicht mehr als Legende.

Im Anschluss an das Gotteshaus überqueren wir die Bundesstraße 509 in Richtung Stadtkern. Bei Kilometer 35 machen wir dann noch einmal einen Schlenker nach links, um ins Blumenviertel zu gelangen. Dieses Wohngebiet ist in den 80er und 90er Jahren entstanden. Wir durchqueren das Viertel über eine kleine Allee, die in Kempen Liebespfad genannt wird. Die Ecke soll ein schöner Rückzugsort für verliebte Paare gewesen sein.

In Richtung Oedt und Tönisvorst überqueren die Radler erneut die B 509, um wieder das ländliche Kempen zu erreichen. Entlang der Stadtgrenze zu Grefrath und seiner Ortsteile Oedt und Mülhausen geht es dann doch irgendwann dem Highlight der Route entgegen: in Richtung der Altstadt, wo unsere Tour nach rund 44 Kilometern endet. Die Altstadt ist sehr facettenreich und erzählt mit ihren Baudenkmälern, Burg und Franziskanerkloster, eine Menge über die Geschichte Kempens, das vor 726 seine Stadtrechte erhalten hat. Im Kloster gibt es das Kramer-Museum und das Museum für Niederrheinische Sakralkunst. Die Burg ist (noch) nicht für Touristen geöffnet. Das soll sich in den nächsten Jahren ändern, wenn das Archiv des Kreises Viersen nach einem Umzug Platz für neue Ideen gemacht hat.

Neben den historischen Bauten bietet die Altstadt ein Einkaufserlebnis in vielen inhabergeführten Geschäften sowie viele Restaurants, Kneipen und Cafés.

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