Diamorphinambulanz

Behandlung mit Heroin: „Sie sollen überleben“

Christian Plattner sitzt im Applikationsraum, Christiane Zehnpfenning zieht die Spritzen auf. Fotos: Anna Schwartz
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Christian Plattner sitzt im Applikationsraum, Christiane Zehnpfenning zieht die Spritzen auf.

Die Wuppertaler Diamorphinambulanz von Christian Plattner gibt die Originaldroge an Süchtige heraus.

Von Eike Rüdebusch

Wuppertal Christiane Zehnpfennig zieht die Spitze hinter Panzerglas auf. Die Nadel steckt in einer Ampulle, deren Inhalt täglich frisch angerührt wird. Aus weißem Pulver, das aus der Schweiz kommt. Mehrere Hundert dieser Ampullen werden in einem Panzerraum in einem Tresor aufbewahrt. Zehnpfennig ist Angestellte in der Praxis von Christian Plattner. Einer Diamorphinambulanz – also einer Praxis, in der nahezu reines Heroin an schwer Suchtkranke ausgegeben wird. Immer begleitet von weiteren Angeboten.

Die Praxis an der Wuppertaler Hünefeldstraße gibt es seit dem Sommer. Sie befindet sich in den Räumen über dem Freundes- und Förderkreis Suchtkrankenhilfe. Der Verein hat sich mit Plattner (47) darum bemüht, Räume für diese Behandlung zu finden.

Die Süchtigen sollen leben ohne kriminalisiert zu werden

Für Plattner ist die Herausgabe von Diamorphin die „bestmögliche Therapie“ für Suchtkranke. Die Auflagen, in das Programm aufgenommen zu werden, sind aber hoch. Menschen, die süchtig sind, müssen etwa mindestens 23 Jahre alt und fünf Jahre abhängig sein sowie zwei erfolglose Therapieversuche hinter sich haben. Aus Plattners Sicht sind sie eigentlich zu hoch. Er kritisiert, dass man für die Süchtigen erst weniger effektive Mittel mit viel mehr Nebenwirkungen verwende. „Reines Heroin ist nahezu nebenwirkungsfrei, damit kann man 100 Jahre alt werden“, sagt er.

Und das sei ein wichtiger Punkt. Den Süchtigen werde durch die Herausgabe ein sichereres, ein gesünderes Leben ermöglicht, ein geregeltes Leben, generell: ein Leben. „Sie sollen überleben.“ Das sei das vorrangige Ziel der Behandlung. Die Suchtkranken sollen trotz ihrer Krankheit nicht kriminalisiert und in die Illegalität gezwungen werden. Nicht stigmatisiert werden.

Hinter der Sucht stecken in den meisten Fällen multiple massive Traumata, erklärt Plattner. Die Menschen, die heroinsüchtig würden, seien zu 90 Prozent durch schwere psychische Probleme in der Kindheit und der Jugend gezeichnet, durch massiven Missbrauch. Heroin helfe, die Probleme zu überdecken. Und wenn sie süchtig seien, sei der reine Wirkstoff für viele die beste Chance, damit weiterzuleben und keinen weiteren körperlichen Schaden zu nehmen.

Die bisher 70 Patienten können bis zu drei Mal am Tag in die Ambulanz kommen. Sie bekommen für die Zwischenzeit auch Substitute wie Methadon. „Das ist hier ein Wunschkonzert“, sagt Plattner. Die Patienten können selbst bestimmen, wie oft sie kommen, je nach Bedarf. Je nach Tagesstruktur. Man wolle keinem etwas aufzwingen.

Im so genannten Applikationsraum, in dem die Patienten die Spritzen etwa von Christiane Zehnpfennig bekommen, stehen neun Stühle an kleinen Glastischen – aktuell sind drei abgesperrt wegen der Corona-Abstandsregeln. Dort nehmen die Süchtigen die Drogen selbst ein. Trennen danach den Müll, wischen den Tisch und können gehen. Das Spritzzubehör finden sie in einem Regal im Vorzimmer.

Heroin lagert hinter Panzerglas und Stahlbeton im Tresor

In diesem Umfeld können die Patienten ohne die schädlichen Effekte von gestreckten Drogen leben, ohne kriminell zu werden, um sich Drogen zu besorgen. Die Kosten der Kriminalität waren auch ein Grund, dass in Deutschland überhaupt in Erwägung gezogen wurde, die Droge auf Rezept herauszugeben – bezahlt von der Krankenkasse. Nach einer Studie von 2002 bis 2008 startete das Programm in Deutschland 2010. Christian Plattner hat seitdem eine Praxis in Düsseldorf. Er hat Ableger im Kreis Unna und Wuppertal.

Für Wuppertals Sozialdezernent Stefan Kühn ist die Ansiedelung der Praxis „das Ende einer Kette“ der humanen Drogenpolitik, „die das Überleben und die Menschen in den Mittelpunkt stellt“. Denn in Wuppertal gebe es eine Reihe von Angeboten für Suchtkranke. Damit sei auch ein „Einstieg in den Ausstieg“ für viele verbunden. Für Kühn wie für Plattner ist es eine Frage der menschenwürdigen Behandlung der Suchtkranken. Und zudem sei die Behandlung der Menschen mit dem Originalwirkstoff viel günstiger als die Folgekosten des illegalen Konsums. Für die Krankenkassen und die gesamte Gesellschaft.

Christian Plattner sagt, die vielen Sicherheitsvorkehrungen – Panzerglas, Stahlbetonwände, massiver Tresor, 360 Grad Kameras – seien Vorgaben. Denn die Süchtigen würden als „potenzielle Aggressoren“ gesehen. Aber das sei „Unsinn“, ein völlig falsches Bild der Klientel. Denn die Praxis sei für sie ein Zufluchtsort. Dort bekommen sie ihren Stoff. Ihr „Pflaster für die Psyche“. Die Praxis sei so etwas wie eine Familie. Immerhin kämen die meisten täglich. Bei welchem Arzt habe man das sonst, fragt Plattner.

Geschichte

Bayer aus Wuppertal hat 1898 den Wirkstoff Diacetylmorphin unter den Namen „Heroin“ als Arznei gegen Bluthochdruck, Lungen- und Herzerkrankungen auf den Markt gebracht. Nachdem – erst in den USA – der Missbrauch durch intravenöse Einnahme und damit die Abhängigkeit stieg, wurde es 1931 aus dem Katalog genommen und 1971 verboten.

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