Alter Friedhof

Archäologen graben Skelette aus

Behutsam legt der Archäologe David Kokowski auf dem Gelände des ehemaligen katholischen Krankenhauses ein Skelett frei. Foto: Ulrich Bangert
+
Behutsam legt der Archäologe David Kokowski auf dem Gelände des ehemaligen katholischen Krankenhauses ein Skelett frei.

Viele junge Menschen fanden auf einem alten Friedhof in Neviges die letzte Ruhe.

Von Ulrich Bangert

Neviges. „Ich suche das andere Bein.“ Auf dem Gelände des ehemaligen Krankenhauses hat David Kokowski fast alle Knochen eines Skeletts freigelegt, nur das rechte Bein fehlt. „Im Laufe der Zeit verschieben sich die Särge gelegentlich. Hier liegt der Kopf höher als der Rest, es kann sein, dass das Bein nach unten gedrückt wurde oder es völlig vergangen ist. Möglich ist auch, dass dieser Mensch nur ein Bein hatte.“ Mit Werkzeugen von Maurern und Stuckateuren kratzt Kokowski behutsam die Erde von den bleichen Knochen. „Die Hölzchen vom Eis am Stiel nehmen wir, wenn es ganz vorsichtig sein muss.“

„Bis heute haben wir über 40 Skelette gefunden, teilweise in fünf Schichten.“

Thies Ewers, Grabungsleiter

Bevor auf dem Gelände des ehemaligen katholischen Krankenhauses der Wuppertaler Bauträger Pro Objekt neun Eigentumswohnungen errichten kann, hatte der Landschaftsverband Rheinland gefordert, dass archäologische Grabungen durchgeführt werden, weil dort auf alten Karten eine Kirche und ein Friedhof eingezeichnet waren. „Hier stand eine lutherische Kirche mit Friedhof, auf dem von 1790 bis 1819 Bestattungen vorgenommen wurden“, so wurde Grabungsleiter Thies Evers informiert. Wie die das lutherische Gelände in den Besitz der Katholiken kam, kann der Archäologe nicht sagen. „Ich arbeite nicht in Archiven.“

Gerd Haun bringt Licht ins Dunkel der Geschichte: „Die lutherische Gemeinde hat sich um 1818 aufgelöst, die verbliebenen Nevigeser Mitglieder schlossen sich der lutherischen Gemeinde Langenberg an. Das Gelände wurde an einen Gastwirt namens Schnitzler verkauft, Inhaber des Goldenen Kreuz. Er muss ziemlich vermögend gewesen sein, er wurde Goldonkel genannt und schenkte das Grundstück der Katholische Gemeinde, die zum Ende den 19. Jahrhunderts ein Krankenhaus baute. In dem überwiegend evangelischen Neviges hatte man die Befürchtung, dass die Protestanten dort schlechter gestellt würden, weshalb bei der Grundsteinlegung versichert wurde, dass alle gleichmäßig behandelt werden“, weiß der Nevigeser Geschichtsforscher.

Zurück zu den Mitarbeitern der Dortmunder Grabungsfirma Eggenstein-Exca, für die das Freilegen des Friedhofes Alltagsgeschäft ist. Thies Ewers fällt die Vielzahl der Gräber in nur 30 Jahren auf: „Bis heute haben wir über 40 Skelette gefunden, teilweise in fünf Schichten. Es könnte sein, dass es sich um Familiengrabstätten gehandelt hat. Es sind eine ganze Menge Kinder und Jugendlicher darunter, fast die Hälfte wurde nicht älter als 20 Jahre. Ob es an der Ernährung, Krankheiten oder Epidemien lag, kann ich nicht sagen. Das ist Sache der Anthropologen.“ Hat der Grabungsleiter keine Angst, sich an den Skeletten zu infizieren? „Mir ist nicht bekannt, dass man sich an 200 Jahre alten Knochen was einfangen kann. Da holt man sich eher einen Sonnenbrand“, sagt Thies Evers und zieht den Hut tiefer ins Gesicht.

Alles wird genau untersucht und dokumentiert

Nachdem alles genau untersucht und dokumentiert wurde, kommen die Knochen in Kartons und werden im Auftrag des Landschaftsverbands durch Fachleute untersucht, bevor die menschlichen Überreste wieder beigesetzt werden. Eine Besonderheit stellt ein schlichter Grabstein dar: „Es gibt aus dieser Zeit nicht viel Grabsteine. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Friedhöfe aus hygienischen Gründen aus den Siedlungen verbannt, Grabsteine verschwanden oder wurden als Baumaterial genutzt.“ Thies Ewers zeigt auf das Fundstück, das neben der Jahreszahl 1801 Abkürzungen enthält, die auf einen „Hans-Georg Schlosser,“ einen „Christian“ oder eine „Anna-Marie“ hinweisen könnten.

Obwohl Wolf Neudahm, Gesellschafter von Pro Objekt, die Grabungskosten von 25 000 Euro tragen muss und die Politik Änderungswünsche an den Bauten hatte, bereut er die Investition nicht. „Glücklicherweise ist uns erspart geblieben, eine Etage zu kappen, das hätte das Ganze unwirtschaftlich gemacht.“ Am vergangenen Mittwoch wurde eine Baustraße zu den hinteren Häusern angelegt, die Bauzeit beträgt 18 Monate.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Störstein Tuffi wird begutachtet
Störstein Tuffi wird begutachtet
Störstein Tuffi wird begutachtet
Solingen steigt beim Bergischen Studieninstitut in Wuppertal aus
Solingen steigt beim Bergischen Studieninstitut in Wuppertal aus
Solingen steigt beim Bergischen Studieninstitut in Wuppertal aus
Schwebebahn geht Samstag in den Regelbetrieb
Schwebebahn geht Samstag in den Regelbetrieb
Schwebebahn geht Samstag in den Regelbetrieb
Nach Schüssen in Remscheid: Mutmaßlicher Täter gilt als gefährlich
Nach Schüssen in Remscheid: Mutmaßlicher Täter gilt als gefährlich
Nach Schüssen in Remscheid: Mutmaßlicher Täter gilt als gefährlich

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare