Im Gespräch

Ärztin hat Zweifel am richtigen Umgang mit der Virus-Krise

Dr. Bettina Stiel-Reifenrath führt eine Hausarztpraxis in Lennep. Seit dem 30. März leitet sie im Team mit 13 Ärzten die Corona-Fieberambulanz neben dem Sana-Klinikum. Die 51-Jährige hat Zweifel am richtigen Umgang mit der Virus-Krise. Foto: Axel Richter
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Dr. Bettina Stiel-Reifenrath führt eine Hausarztpraxis in Lennep. Seit dem 30. März leitet sie im Team mit 13 Ärzten die Corona-Fieberambulanz neben dem Sana-Klinikum. Die 51-Jährige hat Zweifel am richtigen Umgang mit der Virus-Krise. 

Dr. Bettina Stiel-Reifenrath leitet das Fieberzentrum in Remscheid – und fordert zum Nachdenken auf.

Das Interview führte Axel Richter 

Frau Dr. Stiel-Reifenrath, ich hatte Sie mit Atemmaske und in Schutzkleidung erwartet. Warum tragen Sie beides nicht?

Dr. Bettina Stiel-Reifenrath: Selbstverständlich halte ich mich in der Fieberambulanz im Umgang mit den Patienten an die geltenden Hygienevorschriften. Und wenn Sie möchten, setzte ich auch jetzt eine Maske auf, wenn wir miteinander reden. Ich möchte mich vom Coronavirus aber auch nicht vollends gefangen nehmen lassen, sondern ich möchte selbstbestimmt entscheiden, ob und welche Risiken ich eingehe. Das kommt mir in der gegenwärtigen Situation deutlich zu kurz.

„Aber machen wir deshalb alles richtig? Ich glaube das nicht.“
Dr. Bettina Stiel-Reifenrath wirbt dafür, den Blick auf die Krise nicht zu verengen

Wie meinen Sie das?

Stiel-Reifenrath: Wir haben in der Corona-Krise ganz viel richtig gemacht. Wir sind in Deutschland, was die ärztliche Versorgung und die Zahl der Intensivbetten angeht, sehr gut aufgestellt. Das gilt auch für Remscheid. Der Krisenstab arbeitet hocheffizient. Jeder dort nimmt seine Arbeit sehr ernst. An jedem Tag wird die Lage neu eingeschätzt, auch an Samstagen und Sonntagen kommen die Mitglieder zusammen, um aktuell reagieren zu können. Auch meine Kollegen und ich tun das, die hier das Fieberzentrum betreiben. Aber machen wir deshalb alles richtig? Ich glaube das nicht. Warum soll zum Beispiel ein alter Mensch nicht selbst darüber entscheiden, ob er seine Enkel sieht? Ist es richtig, dass sterbende Menschen auf der Palliativstation nur von einem Angehörigen begleitet werden dürfen? Ist es richtig, Kinder aus prekären Verhältnissen nicht zur Schule gehen zu lassen, obwohl die Schule vielleicht den einzigen verlässlichen Rahmen für sie bildet?

Sie befürchten, dass die Kollateralschäden am Ende größer sind als die Schäden durch das Coronavirus selbst?

Stiel-Reifenrath: Ich kann das nicht sicher beurteilen, aber ich habe die Sorge, dass wir bereits erhebliche Kollateralschäden haben. Und ich wünsche mir sehr, dass unsere Maßnahmen im Kampf gegen das Virus nicht für Schäden sorgen, die für einzelne möglicherweise schwerer wiegen als das Gesundheitsrisiko, das von Sars-CoV-2 ausgeht.

Schwerer als ein Menschenleben?

Stiel-Reifenrath: Wir wissen noch viel zu wenig über die Auswirkungen des Virus. Wir brauchen verlässliche wissenschaftlich erhobenen Daten. Die brauchen wir aber auch in Bezug auf die Maßnahmen, die wir ergriffen haben. Bei den allermeisten Patienten, die an oder mit Corona verstorben sind, handelt es sich um ältere Patienten mit multiplen Vorerkrankungen.

Die dann oft vorschnell als Corona-Tote verbucht werden?

Stiel-Reifenrath: Letztlich kann nur eine Obduktion uns zeigen, ob der Patient an Corona oder mit Corona verstorben ist. Auch da fehlen uns noch valide Daten. Wir müssen am Jahresende schauen, wie viele Tote wir haben.

Wie viele Patienten wurden heute bei Ihnen in der Fieberstation vorstellig?

Stiel-Reifenrath: Heute waren es acht, gestern 13, manchmal kommt kein einziger. Die meisten der Patienten haben nur leichte Symptome gezeigt.

Fragen Sie sich manchmal ...

Stiel-Reifenrath: Was ich hier eigentlich mache? Ja, das tue ich. Mit mir arbeiten 13 Kollegen im Schichtdienst in der Fieberstation, die in der Zeit nicht in ihren Praxen zur Verfügung stehen. Aber natürlich ist es richtig, die Infektionspatienten von anderen Patienten zu trennen. Die Fieberstation entlastet damit die Hausarztpraxen und das Sana-Klinikum.

„Wir sollten dabei aber aufpassen, dass wir unsere bürgerlichen Freiheiten nicht fortwährend hintanstellen.“
Dr. Bettina Stiel-Reifenrath

Remscheid ist bislang vergleichsweise gut davon gekommen. Wie passt das zu den vielen Toten in Italien? Wie passt das zu den Kühllastern, die in den USA in den Hinterhöfen der Kliniken stehen, um Leichen aufzubewahren?

Stiel-Reifenrath: Wir wissen das bisher nicht sicher. Vermutlich kommen verschiedene Faktoren zusammen. Das Gesundheitssystem in den USA ist marode, die meisten Menschen sind nicht versichert. Die Altersstruktur spielt eine Rolle und die Wohnverhältnisse. Zum Beispiel leben in Italien die meisten alten Menschen in ihren Familien und nicht allein in eigenen vier Wänden oder in Altenheimen wie in Deutschland. Dann haben die Italiener nicht ansatzweise so viele Intensivbetten wie die Deutschen. Noch einmal: Wir machen im Kampf gegen Corona sehr viel richtig und auch besser als andere. Wir sollten dabei aber aufpassen, dass wir unsere bürgerlichen Freiheiten nicht fortwährend hintanstellen. Der Schutz der Gesundheit ist wichtig. Das Recht auf Selbstbestimmung aber ebenso.

Es gibt Politiker, die nennen die Situation, in der wir uns befinden, eine „neuen Normalität“. Mich stört das. Sie auch?

Stiel-Reifenrath: Ja. Denn nichts ist normal gegenwärtig. Wir leben in einer Ausnahmesituation, die sobald möglich der Normalität weichen muss. Und vielleicht zählt zu dieser Normalität auch, dass wir eine Infektionslage haben. Denn die wird uns weiter begleiten. Das Corona-Virus verschwindet in den nächsten Monaten ja nicht einfach wieder. Es bleibt, bis wir einen Impfstoff, bis wir Medikamente dagegen haben. Und was ist eigentlich, wenn uns vielleicht schon im nächsten Jahr ein neues Virus erreicht?

Was würden Sie dann anders machen?

Stiel-Reifenrath: Ich würde nicht nur Politiker und Virologen miteinander beraten lassen. Ich würde auch Epidemiologen, Psychologen, Soziologen, Philosophen und Wirtschaftswissenschaftler an den Tisch holen, um alle Folgen eines Lockdowns abzuwägen.

Prof. Dr. Christian Drosten aus Berlin und andere Virologen sind die neuen Popstars.

Stiel-Reifenrath: Ja. Und wahrscheinlich gibt es demnächst noch einen Bravo-Starschnitt von ihm. Entschuldigung, das ist unsachlich. Aber das stört mich. Die Menschen suchen und finden eine Lichtgestalt, der sie folgen. Und jeder andere, der vielleicht eine andere Meinung vertritt, wird niedergemacht. Das führt zu Verhaltensweisen, die schädlich sind für unsere Gesellschaft. Das Denunziantentum zum Beispiel. Das Ordnungsamt zu rufen, weil die Nachbarn zusammen grillen. Hallo? Geht´s noch?

Sie haben in Ihrem jüngsten Gespräch mit dem RGA gesagt, dass Sie guter Dinge sind, dass uns die große Infektionswelle nicht erreicht. Bleiben Sie dabei?

Stiel-Reifenrath: Ja. Und das Signal ist mir auch wichtig. Die Remscheider sollen nicht so viel Angst haben und sich nicht so viele Sorgen machen. Natürlich geht von dem Coronavirus eine Gefahr für uns alle aus. Das gilt für viele andere Krankheiten und Situationen aber auch. Wir hatten jüngst zum Beispiel einen Patienten in unserer Praxis, der trotz Schmerzen in der Brust aus Angst vor einer Ansteckung mit Sars-CoV-2 nicht zu uns gekommen ist. Am Ende mussten wir ihn vom Rettungsdienst mit Blaulicht ins Krankenhaus bringen lassen. Er hatte einen akuten Herzinfarkt erlitten.

ZUR PERSON

Ärztin: Dr. Bettina Stiel-Reifenrath ist Hausärztin mit einer Praxis in Remscheid-Lennep und als Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Remscheid Mitglied des Corona-Krisenstabes der Stadt Remscheid. Die 51-Jährige organisiert den Betrieb in der Fieberambulanz, die am 30. März ihre Arbeit aufgenommen hat. Dazu betreibt die Mutter von drei Kindern in Lennep die Praxis ohne Grenzen - ein Angebot, das sich an Menschen ohne Versicherungsschutz richtet.

Fieberzentrum: Das Remscheider Fieberzentrum wurde eingerichtet, um Patienten mit einer Corona-Infektion möglichst aus den Hausarztpraxen und der Notfallambulanz des Remscheider Klinikums herauszuhalten. Wer Fieber hat, sucht also nicht mehr seinen Hausarzt auf, sondern die Ärzte der Fieberambulanz im Medimobil neben dem Sana-Klinikum. Die Fieberambulanz wird getragen von der Stadt Remscheid, das Medimobil wurde mit Spenden finanziert.

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