Gedenken

90. Jahrestag: Es geht um zeitgemäßes Erinnern

Die ehemaligen KZ-Gebäude an der Beyenburger Straße hat die Kirche erworben. Gegenüber ist ein Mahnmal.
+
Die ehemaligen KZ-Gebäude an der Beyenburger Straße hat die Kirche erworben. Gegenüber ist ein Mahnmal.

Stadt Wuppertal will 2023 mit mehreren Veranstaltungen an die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten gedenken.

Von Martin Gehr

Wuppertal. Zum 90. Jahrestag der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wird die Stadt Wuppertal im kommenden Jahr eine Veranstaltungsreihe präsentieren, die sich ab Januar über ein halbes Jahr erstreckt. Die Reihe wird unter Federführung von Ulrike Schrader vom Begegnungszentrum Alte Synagoge und Jan Kirschbaum von der Bergischen Volkshochschule entwickelt. Details sind nun bei der Sitzung des Wuppertaler Kulturausschusses vorgestellt worden.

Die Auftaktveranstaltung findet am 29. Januar 2023 statt. Bis Juli sind dann mehr als 20 Lesungen, wissenschaftliche Vorträge, Präsentationen, Schülerprojekte und Stadtführungen vorgesehen. Zu den teilnehmenden Institutionen gehören auch die Universität Wuppertal, der Jugendring, das Polizeipräsidium, der Evangelische Kirchenkreis sowie das Katholische Bildungswerk. Ein Programmheft soll noch vor Weihnachten erscheinen; zudem wird es eine eigene Website geben.

Der Vorstellung im Kulturausschuss war eine Anfrage der SPD-Fraktion vorausgegangen. Heiner Fragemann, kulturpolitischer Sprecher der SPD-Ratsfraktion, hatte den Ausschuss darin gefragt, in welcher Form „die Stadt Wuppertal im Jahr 2023 den Gräueln durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 gedenken wird“. Hierzu gehören auf Stadtgebiet die Einrichtung des Konzentrationslagers (KZ) Kemna, aber auch öffentliche Bücherverbrennungen am Brausenwerth in Elberfeld und auf dem Vorplatz des Barmer Rathauses.

Fragemann betonte in der Anfrage, dass es nicht nur um Erinnerung gehe, sondern auch darum, „die Ursachen und Zusammenhänge, die in Deutschland die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten möglich machte, in den historischen Kontext einzuordnen“. Dies sei mit der Verpflichtung verbunden, das „dunkle Kapitel“ auch für die nachfolgenden Generationen transparent zu halten. Wichtig seien Erinnerungen wie die des KZ-Überlebenden Karl Ibach, der die grausamen Zustände in der ehemaligen Putzwollfabrik an der Beyenburger Straße beschrieb. Es habe katastrophale hygienische Verhältnisse gegeben, willkürliche Gewalt und Folter.

Ulrike Schrader vom Begegnungszentrum Alte Synagoge bekräftigte, dass das KZ Kemna im Programm ausreichend gewürdigt werde. Das KZ Kemna bestand von Juli 1933 bis Januar 1934 und war ein frühes Zeugnis der sogenannten „Machtdurchsetzungsphase“, erklärt Schrader. Es lag im heutigen Stadtteil Barmen zwischen Beyenburg, Öhde und Oberbarmen und zählte in diesem Zeitraum rund 3000 bis 5000 Inhaftierte – darunter Kommunisten, Linke und Gewerkschafter.

Der Evangelische Kirchenkreis erwarb die baulichen Reste des KZ im Jahr 2019 und plant, dort ein Kirchenkreisarchiv zu errichten. „Es ist eine bundesweit beachtete Tatsache, dass die Evangelische Kirche die Immobilie des früheren KZ Kemna kaufen konnte“, sagt Schrader. „Wir hatten nie Gelegenheit, das Gelände zu betreten, weil es stets in Privatbesitz war. Die Kirche war auf der Suche nach einem Kirchenarchiv und ist dabei auf die Immobilie gestoßen. Ohne zu prüfen, ob es überhaupt archivtauglich ist, weil es nah an der Wupper liegt, wurde es erworben.“ Eine Verbindung bestehe auch dadurch, dass sich im damaligen Konzentrationslager Seelsorger aus Beyenburg und Laaken aufhielten. Dadurch könne man die Übernahme nun als logische Konsequenz betrachten. Für Wuppertal und die Nachbarstädte sei dies eine Riesenchance: „Daraus werden wir einen neuen Ort des Gedenkens und einen demokratischen Ort des Lernens schaffen.“

Eine Bronzeplatte zur Erinnerung ist nicht mehr zeitgemäß

Bezüglich einer Initiative der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft zum Gedenken an die frühen Bücherverbrennungen, soll ein künstlerischer Wettbewerb und ein Schulprojekt ins Leben gerufen werden. Bislang war dafür eine Bronzeplatte vor dem Rathaus am Johannes-Rau-Platz vorgesehen. Die Wuppertaler Kommission für eine Kultur des Erinnerns hatte dies abgelehnt. „Es geht um zeitgemäßes Erinnern“, hob Kulturdezernent Matthias Nocke hervor, der auch Vorsitzender der Kommission ist. Es müsse auch das Verhältnis von Kindern und Jugendlichen zur Kultur des Erinnerns berücksichtigt werden. „Sie nehmen Informationen visueller wahr als ehrfürchtig vor einer Bronzeplatte zu stehen.“

Ulrike Schrader pflichtete ihm bei: Es gehe nicht um die Frage, ob ein Erinnern stattfinden solle, sondern in welcher Weise. „Die Aufarbeitung darf, sie muss sogar schwierig sein und den politischen Diskurs bereichern. Alles andere wäre eine Erledigung – und das würde dem konfliktbesetzten Thema nicht gerecht.“

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Feuerwehr rückt zu Brand in Wohngebäude aus
Feuerwehr rückt zu Brand in Wohngebäude aus
Feuerwehr rückt zu Brand in Wohngebäude aus
Fotoausstellung rückt die Ästhetik des Verfalls in den Fokus
Fotoausstellung rückt die Ästhetik des Verfalls in den Fokus
Fotoausstellung rückt die Ästhetik des Verfalls in den Fokus
Krankenhaus bleibt eine Problemimmobilie
Krankenhaus bleibt eine Problemimmobilie
Krankenhaus bleibt eine Problemimmobilie
Bundespolizei fragt: Wem gehört dieses Rentier?
Bundespolizei fragt: Wem gehört dieses Rentier?
Bundespolizei fragt: Wem gehört dieses Rentier?

Kommentare