40 Jahre griechische Schulen im Bergischen

Theodoros Olympos und Vassiliki Siska vor dem Gebäude der griechischen Grundschule an der Sedanstraße. Foto: Andreas Fischer
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Theodoros Olympos und Vassiliki Siska vor dem Gebäude der griechischen Grundschule an der Sedanstraße.

271 Kinder und Jugendliche lernen in Wuppertal nach dem Lehrplan aus Griechenland

Von Katharina Rüth

Wuppertal Bildung war den Eltern wichtig. Und deshalb kämpften griechische Familien in Wuppertal einst für eigene Schulen, sogar mit einem Hungerstreik. 1981, vor vierzig Jahren, gründeten sie eine griechische Grundschule und ein griechisches Gymnasium, 1984 folgte ein griechisches Lyzeum. Bis heute lernen hier Kinder aus griechischen Familien die Sprache, die Geschichte und die Kultur Griechenlands und alle anderen Fächer auf Griechisch.

Eine der ersten Schülerinnen war Vassiliki Siska (54), die in der neunten Klasse von der Hauptschule in Langerfeld auf das neue griechische Gymnasium (Klasse 7-9) wechseln konnte. Eine Erleichterung, tat sie sich doch schwer auf der deutschen Schule: „Ich konnte nur Alltagsdeutsch“, erklärt sie, die in der Schule verlangte Schriftsprache fehlte ihr. Anderen Kindern sei die deutsche Schule noch schwerer gefallen – obwohl sich die Lehrer viel Mühe gegeben hätten.

Für die eigenen Schulen hatten auch Vassiliki Siskas Eltern gekämpft. Denn der deutsche Staat löste Anfang der 80er Jahre die bis dahin bestehenden „Vorbereitungsklassen“ für die Kinder der „Gastarbeiter“ auf. Bis dahin waren griechische Kinder dort von griechischen Lehrkräften auf Griechisch unterrichtet worden. Jetzt sollten sie in die deutschen Schulen integriert werden, nur noch einige Stunden pro Woche zusätzlichen Muttersprachenunterricht erhalten. „Damals hatten ja noch viele den Wunsch, bald nach Griechenland zurückzugehen“, erklärt Vassiliki Siska. Ihnen sei wichtig gewesen, dass ihre Kinder Griechisch lernen und eine gute Ausbildung erhalten. Daher protestierten die Griechen gegen die Pläne, forderten die Genehmigung für eigene Schulen.

„Ich kann mich erinnern, dass wir mit Plakaten vor das Rathaus gezogen sind“, sagt Vassiliki Siska. Auch Ioannis Stergiopoulos, heute Stadtverordneter für die SPD, erinnert sich an einen Marsch vom Loh, wo damals der Verein der griechischen Gemeinde seinen Sitz hatte, bis zum Rathaus.

Theodoros Olympos, damals Vorsitzender des Vereins, berichtet, dass einige Mitglieder in der griechisch-orthodoxen Kirche in Hungerstreik traten: „Mehrere Leute kamen ins Krankenhaus.“

Am Ende hätten die deutschen Behörden die Erlaubnis zur Schulgründung gegeben. Parallel sei er mit weiteren Vertretern der Wuppertaler Griechen nach Athen gereist, erzählt er. „Wir waren im Ministerium, haben verhandelt.“ Und erhielten die Zusage, dass der griechische Staat ihnen Lehrer und Schulbücher schickt. „Wir mussten ihnen zusichern, dass unsere Schule dem griechischen Schulsystem entspricht.“ Ergänzt mit Deutsch-Unterricht. Ein Jahr später konnten sie die Schulen eröffnen.

„Auf der deutschen Schule hätte ich das nicht geschafft.“

Vassiliki Siska

Zunächst war die griechische Gemeinde der Träger der Schulen, die Eltern zahlten ein Schulgeld von 100 D-Mark pro Monat. Die Lehrkräfte werden seither vom griechischen Staat bezahlt und kommen jeweils für fünf Jahre nach Deutschland. Die Räume überließ die Stadt Wuppertal ihnen mietfrei. 1988 übernahm der griechische Staat die Schulen, seither gibt es kein Schulgeld mehr.

Vassiliki Siska erinnert sich, dass das Lyzeum (Klasse 10 bis 12) zu Beginn provisorisch im Gemeindehaus der griechisch-orthodoxen Gemeinde an der Uellendahler Straße eingerichtet war – es war eng, „aber wir haben versucht, das Beste daraus zu machen“. Alle hätten mit angepackt, auch deutsche Freunden hätten sie unterstützt und zum Beispiel Farbe beschafft. Theodoros Olympos berichtet von vielen Aktivitäten an den Schulen, unter anderem Fußballturniere und olympische Spiele.

Die griechische Schule habe ihr einen höheren Abschluss ermöglicht, sagt Vassiliki Siska. „Ich hatte die Möglichkeit zu studieren, auf der deutschen Schule hätte ich das nicht geschafft.“ Sie war – wie viele griechische Kinder – auf die Hauptschule verwiesen worden. An der griechischen Schule schaffte sie den Abschluss am Lyzeum, legte in Athen die Zulassungsprüfung für die Hochschule ab, studierte anschließend in Thessaloniki Vorschulpädagogik. Und kehrte auf der Suche nach Arbeit nach Wuppertal zurück. Seit 27 Jahren arbeitet sie in einer Wuppertaler Kita. „Die griechische Schule war das Richtige für mich“, sagt sie im Rückblick.

Ioannis Stergiopoulos ist damals auf der deutschen Hauptschule geblieben. „Im Nachhinein denke ich manchmal, ich hätte mir einiges ersparen können.“ Er machte später das Abitur und studierte, aber: „Wenn man von der Hauptschule kommt, hat man einen ,fetten Stempel‘“, beklagt er. Theodoros Olympos sagt, dass viele Schüler des griechischen Lyzeums es zur Universität geschafft haben – mehr als der Durchschnitt von Zuwandererkindern an Regelschulen.

Und noch ein Argument hat er: Viele Griechen hätten ihre Kinder zunächst zu Hause gelassen, etwa bei den Großeltern. Mit Eröffnung der griechischen Schulen hätten sie sie nach Wuppertal geholt – so hätten die Schulen zur „Familienzusammenführung“ geführt.

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System: Die griechische Grundschule umfasst Klasse 1 bis 6, das Gymnasium Klasse 7 bis 9 und das Lyzeum Klasse 10 bis 12. NRW hat die griechischen Schulen 2009 als Ergänzungsschulen anerkannt. Ein Abschuss des griechischen Gymnasiums (Klasse 9) wird als Hauptschul-, des Lyzeums als Realschulabschluss anerkannt. Die bestandene Zulassungsprüfung zur Hochschule in Griechenland erkennen einige deutsche Hochschulen bei einer bestimmten Punktzahl ebenfalls an.

Schüler: Derzeit besuchen 102 Kinder die griechische Grundschule in Wuppertal, 169 das Gymnasium-Lyzeum. An der Grundschule arbeiten zwölf Lehrkräfte, am Gymnasium-Lyzeum 15.

Deutsch: An griechischen Schulen in Deutschland gibt es elf Stunden Deutsch in Klasse 1 und 2, neun in Klasse 3 bis 6, acht in Klasse 7 bis 9 und drei in Klasse 10 bis 12.

Zuwanderung: Nach einem ersten Anwerbeabkommen mit Italien 1955 schloss Deutschland 1960 auch mit Spanien und Griechenland solche Abkommen Anfang der 90er Jahre lebten rund 7000 Griechen in Wuppertal, aktuell zählt die Stadt rund 5600 Menschen mit griechischem Pass.

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