„Abziehen“ – ein Kavaliersdelikt?

Jochen Ohliger, Fachanwalt für Strafrecht und für Verkehrsrecht

Die Presseberichterstattung in den letzten Wochen gibt Veranlassung dazu, sich mit einem Phänomen zu beschäftigen, dass in Jugendkreisen mit „Abziehen“ bezeichnet und bedauerlicherweise vielfach auch akzeptiert wird . . .

Die Presseberichterstattung in den letzten Wochen gibt Veranlassung dazu, sich mit einem Phänomen zu beschäftigen, dass in Jugendkreisen mit „Abziehen“ bezeichnet und bedauerlicherweise vielfach auch akzeptiert wird.

Die Ausgangslage: Ein Jugendlicher wird aufgefordert, beispielsweise eine Zigarette herauszugeben. Diese Aufforderung wird durch Gewaltandrohung oder sogar ausgeübte Gewalt unterstützt, die Zigarette wechselt den Besitzer. Das gleiche Szenario spielt sich mit hier sehr beliebten Handys, Markenklamotten, IPod und ähnlichem ab. Vielfach unbemerkt von in der Nähe befindlichen Personen und dem sozialen Umfeld. Tatort kann überall sein, die Schule, „Am Grafen“, in Freizeitanlagen. Wenn dies einmal funktioniert hat, führt dies häufig auch zu Wiederholungen.

Dieses erschreckender Weise teilweise akzeptierte Verhalten ist juristisch „hoch kriminell“. Es ist hier regelmäßig zumindest der Straftatbestand des Raubes (Mindeststrafe beim Erwachsenen 1 Jahr) oder bei Einsatz von Waffen und gefährlichen Gegenständen der des schweren Raubes (Mindeststrafe beim Erwachsenen 5 Jahre) erfüllt.

Viele jugendliche Täter haben kein Unrechtsbewusstsein, nicht zuletzt wohl deshalb, weil diese Masche gerade „in“ ist. Die Meisten haben kein Gefühl dafür, dass sie sich durch das „Abziehen“ oder „Besorgen“ manchmal auch nur einer einzigen Zigarette hochgradig strafbar machen.

Fazit: Frei nach James Dean „denn sie wissen nicht was sie tun“: hier sind Eltern, Lehrer, Ausbilder, Polizei und andere in Sachen Aufklärung dringend in der Pflicht.