Ukraine-Krieg

Joschka Fischer: „Fällt die Ukraine, fällt Europa“

Russischer Schützenpanzer, Joschka Fischer auf der lit-Cologne in Köln
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Joschka Fischer auf der lit-Cologne: „Fällt die Ukraine, fällt Europa“

Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer (Grüne) sprach auf der lit.Cologne in Köln über den Ukraine-Krieg – und die Gefahren von Putins roher Machtpolitik für Europa.

Köln – Die Tradition Kölns als Wallfahrtsort lebt weiter. Doch diesmal sind nicht Kirchen und Heilige das Ziel der Pilger. Es sind Intellektuelle, Schriftsteller, Politiker und Künstler, die auf Einladung der lit.Cologne die Stadt am Rhein* für elf Tage zum geistigen Zentrum des Landes machen. Europas größtes Literaturfestival schafft es damit, das ramponierte Image der Stadt Köln* nicht unwesentlich aufzupolieren. Der Hunger nach Austausch, nach Orientierung und Gespräch ist groß, das zeigt schon der Auftakt zu den rund 180 Veranstaltungen, unter anderem mit Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah.

Auch das Festival, das schon in den letzten Jahren viel von früher unbeschwert-verspielter Leichtigkeit verloren hatte (oder an Ernsthaftigkeit gewonnen, um es positiver zu formulieren), blendet in diesem Jahr die hässliche Welt außerhalb der Literatur nicht aus. Im Gegenteil: Schon die spontan in kürzester Zeit organisierte Eröffnung war eine Solidaritätsveranstaltung mit der Ukraine. Politisch, hochkarätig besetzt, würdevoll. Die schreckliche Realität des Ukraine-Kriegs* wird also nicht ausgeblendet, sondern als Anlass für gründliches öffentliches Nachdenken genutzt.

Joschka Fischer zum Ukraine-Krieg: Baltikum, Moldawien, Georgien, Finnland und Polen konkret bedroht

Ein Höhepunkt in dieser Zeit war der Auftritt des früheren Außenministers Joschka Fischer, inzwischen zum international gefragten Elder Statesman gereift. Vor der mit 800 Plätzen ausverkauften Flora analysierte er im Gespräch mit mir den Krieg in Europas Osten. „Es geht Putin nicht um die Ukraine“, so Fischer, „es geht um viel mehr, es geht um die gesamte europäische Ordnung.“ Wladimir Putins Feindbild sei das freiheitliche, demokratische Modell, sein Ziel sei die Vorherrschaft in Europa. „Russland will wieder Weltmacht sein auf Augenhöhe mit den USA und China.“

Das Baltikum, Moldawien, Georgien, auch Polen und Finnland sieht Joschka Fischer konkret bedroht. In der Vorbereitung auf unsere Veranstaltung hatte ich gesehen, dass Joschka Fischer schon früh vor der Entwicklung gewarnt hatte, die jetzt wie prophezeit eingetreten ist („Fällt die Ukraine, fällt Europa“). Aber der ehemalige deutsche Chef-Diplomat, der im Auswärtigen Amt nach wie vor einen beachtlichen Respekt genießt, verzichtete auf peinliche Rechthaberei – auch das ein Zeichen von Alters-Souveränität.

Inzwischen kaum noch erstaunlich, dass ein ehemaliger Spitzen-Grüner wie Fischer die Wurzeln zur pazifistischen Vergangenheit komplett gekappt hat. Er war einer der Ersten in seiner Partei, die für einen höheren Wehretat, eine Stärkung der NATO und enge militärische Zusammenarbeit in Europa geworben hat – gegen heftige Widerstände. Inzwischen fühlt er sich von der Entwicklung bestätigt. Gegenüber Russland plädiert er für Härte, für schmerzhafte Sanktionen, für Waffenhilfe. Gleichzeitig müsse aber alles vermieden werden, was zu einer unmittelbaren militärischen Auseinandersetzung zwischen Russland und der NATO führe – dazu gehöre, keine Flugverbotszone über der Westukraine zu verhängen.

  • Joschka Fischer (Joseph Martin Fischer) wurde am 12. April 1948 in Gerabronn (Baden-Württemberg) geboren
  • 1983 zog er als Abgeordneter der Grünen in den Deutschen Bundestag ein
  • 1985 trat Joschka Fischer in die erste rot-grüne Koalition auf Landesebene als Umweltminister von Hessen ein
  • 1998 wurde Joschka Fischer Außenminister und Vizekanzler im ersten rot-grünen Kabinett im Bund, Kanzler war Gerhard Schröder (SPD)
  • 1999 setzte sich Joschka Fischer für die Beteiligung der Bundeswehr am Kosovo-Krieg ein, berühmt wurde sein Satz: : „Ich habe nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg. Ich habe auch gelernt: Nie wieder Auschwitz.“
  • Im selben Jahr wurde Joschka Fischer auf einem Parteitag der Grünen in Bielefeld* von einem militanten Kriegsgegner mit einem roten Farbbeutel beworfen und verletzt.

Joschka Fischer zu China: „Auf Staatsegoismus gründende Machtpolitik und planetare Verantwortung gehen nicht zusammen.“

Putins Denken (Fischer: „Das sind die Kategorien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, also Militär und Territorium“) sei allerdings genau das Gegenteil von dem, was angesichts der eigentlichen Herausforderung dringend geboten sei: Gemeinsames Handeln der Menschheit im Angesicht des Klimawandels. In seinem jüngsten Buch „Zeitenbruch“ hat er das Dilemma beschrieben, das durch die rohe Machtpolitik Putins, aber auch durch das Streben Chinas, Hegemonialmacht zu werden, besteht: „Auf Staatsegoismus gründende Machtpolitik und planetare Verantwortung gehen nicht zusammen.“ Erstmals in der Menschheitsgeschichte sei ein existentielles Risiko nur durch Kooperation, gemeinschaftliches, entschlossenes Handeln zu bewältigen. Das Erschreckende: Die nächsten zehn Jahre sind entscheidend, da Wissenschaftler übereinstimmend danach Kipp-Punkte sehen, die die Klimakrise unbeherrschbar machten.

Ist er optimistisch, dass es gelingt, die Menschheits-bedrohende Katastrophe abzuwenden? Langes Schweigen, dann die Antwort: „Haben wir denn eine Alternative dazu, es wenigstens mit aller Kraft zu versuchen?“ (mh/IDZRW) *24RHEIN ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Unser Gastautor Michael Hirz vom Kölner Presseclub war bis vor kurzem Programm-Geschäftsführer des Politik-Senders Phoenix und hat u. a. den „Internationalen Frühschoppen“ moderiert. Jetzt ist Michael Hirz freier Journalist, Kommunikationsberater und sitzt im Vorstand des Kölner Presseclub. Dieser Beitrag stammt aus dem Presseclub-Newsletter, den Sie hier abonnieren können.

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