Radikale Gruppierungen

Taliban, Al Kaida und IS: Radikale Gruppen in Afghanistan - Gemeinsamkeiten und Konfliktpunkte

Taliban, Al Kaida und der „Islamische Staat“ (IS). Wie stehen die radikalen Gruppierungen zueinander?
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Taliban, Al Kaida und der „Islamische Staat“ (IS). Wie stehen die radikalen Gruppierungen zueinander?

Radikalislamische Gruppen sind schwer greifbar. Auf den ersten Blick scheinen ihre Ideologien ähnlich – und doch sind viele Gruppierungen verfeindet. Eine Analyse. 

Kabul – Mit Blick auf die chaotische Lage am Flughafen in Kabul wird eines klar. Radikalislamische Gruppierungen sind noch immer präsent. Gleichsam verachten sie die Werte des Westens, wie etwa Gleichberechtigung oder Demokratie. Und ihr Griff in Südostasien festigt sich. Aber nicht als Einheit – sondern als Feinde. Woran liegt das?

Die derzeit prominenteste, und auch mächtigste radikale Bewegung in Afghanistan* und der Region sind die Taliban*. Ihr Einflussbereich beschränkt sich auf Afghanistan selbst sowie umliegende Gebiete im Nachbarstaat Pakistan. Einem breiteren Publikum wurden die Taliban in den 1990er-Jahren bekannt. Bereits damals wollten sie, wie heute, ein „Islamisches Emirat Afghanistan“ errichten. Emir bedeutet „Führer“ oder „Befehlshaber“ auf Arabisch. Vom „Kalifen“ unterscheidet den Emir, dass er nicht als weltlicher und geistlicher Führer gleichermaßen herrscht, sondern nur auf weltlicher Ebene. Die Taliban-Herrschaft der Vergangenheit basierte zum großen Teil auf der Scharia*.

Taliban, IS und Al Kaida: Worin unterscheiden sich die radikalen Gruppierungen?

Zur gleichen Zeit (1988) entstand das Terrornetzwerk Al-Kaida (arabisch für „die Basis“). Wie eng der Werdegang der Taliban mit dem Terrornetzwerk verknüpft war, zeigte eine Schlüsselfigur ganz deutlich: Usāma ibn Muhammad ibn Awad ibn Lādin, besser bekannt als Osama bin Laden.

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Der Sohn eines erfolgreichen Bauunternehmers aus Saudi-Arabien unterstützte bereits früh die Mudschaheddin (arabisch für „Kämpfer“) in Afghanistan, die gegen die sowjetische Besatzung kämpften. Aus Afghanistan ordnete Bin Laden die Terroranschläge vom 11. September 2001 an. Dies führte letztendlich zum US-Militäreinsatz in Afghanistan und zum Sturz der machthabenden Taliban.

Al Kaida: Die Gründung eines internationalen Terrornetzwerks

Auch wenn Al-Kaida nach dem Sturz des wichtigen Partners Taliban zunehmend an Einfluss in der Region verlor, ist anzunehmen, dass sich die beiden Organisationen noch immer nahestehen. In einem Bericht eins für Sanktionen zuständigen UN-Gremiums an den UN-Sicherheitsrat aus Juli 2021 heißt es, dass Al-Kaida in 15 von 34 Provinzen Afghanistans präsent sei. Falls die Taliban ihre neu gewonnene Macht in Afghanistan erhalten können, würden sie vermutlich erneut ihre schützende Hand über Al-Kaida halten. Im Unterschied zu den Taliban, die sich ganz auf Afghanistan fokussieren, agiert Al-Kaida international. Ihr primäres Interesse: den Dschihad gegen, nach ihrem Verständnis, anti-islamische Länder führen.

Mit dem IS betritt ein wohlbekannter Akteur des globalen Terrors die Bühne in Afghanistan. Mit schrecklicher Internetpräsenz, etwa durch Hinrichtungsvideos oder medial inszenierte Massaker, hatte der IS schnell große Aufmerksamkeit gewonnen. Auch wenn das „Kalifat“ in Syrien* so gut wie zerschlagen wurde, haben sich überall im Nahen und Mittleren Osten sowie in Afrika Splitterzellen des „Islamischen Staates“ gebildet. Laut der Studie „Das kommende Kalifat?“ des Deutschen Instituts für Internationale Politik und Sicherheit sind Gruppierungen, die sich selbst dem IS zuordnen, seit 2014 in Afghanistan aktiv. Im Jahr 2015 wurde die Provinz Khorasan als regionaler Ableger für Afghanistan und Pakistan ausgerufen.

Der „Islamische Staat“ (IS) als regionale Splittergruppe in Afghanistan

Die Vereinten Nationen unterscheiden dabei zwischen des ISKP (Islamischer Staat Khorasan-Provinz) und selbstproklamierten IS-Gruppen im Norden des Landes. Im Jahr 2014 veröffentlichte der damalige Anführer des IS, Abu Bakr al-Baghadi eine Karte mit Regionen, in denen der IS künftig expandieren sollte. Sie zeigte Afghanistan als Teil der Wilayah-Provinz (Khorasan). In der Studie heißt es außerdem, dass die schnellen Erfolge des IS viele Extremisten aus Afghanistan anzog. Sogar unzufriedene Taliban-Kommendeure sollen in die Reihen des IS rekrutiert worden sein. Khorasan ist eine historische Region in Zentralasien, die Teile von Afghanistan, Pakistan und des Iran* umfasst. Größere Gebiete konnte die Splittergruppe bisher nicht unter Kontrolle bringen. 

Trotz ideologischer Ähnlichkeiten bei der Auslegung des sunnitischen Islams sind der IS und die Taliban verfeindet. Der Nachrichtensender ntv beschreibt, dass die Taliban von Angehörigen des IS als „Abtrünnige“ bezeichnet wurden. Vor allem das Abkommen mit den USA*, in dem Washington den Taliban den Abzug der Truppen aus Afghanistan garantierte, verurteilte der IS. Man habe sich „mit dem Feind an einen Tisch gesetzt“ und „den Dschihad verraten“. Auch Terrorismus-Forscher Peter Neumann sagte gegenüber den Tagesthemen, dass der IS nie eine Partnerschaft mit den Taliban gehabt habe, wie zuvor Al-Kaida. Darüber hinaus sei der IS eine Art Einzelgänger, er habe einen „Alleinvertretungsanspruch“.

Da der selbsternannte IS der Khorasan-Provinz die Anschläge am Flughafen in Kabul für sich reklamiert, senden sie den Taliban ein deutliches Zeichen: Wir bestreiten die Herrschaft der Taliban. (Marvin Ziegele) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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