Zukunft der Ukraine

Selenskyj-Berater setzt bei Maischberger auf Europa: Die Ukrainer wollen ihr Land in der EU sehen

Dr. Alexander Rodnyansky – Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj - zu Gast bei Sandra Maischberger (ZDF).
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Dr. Alexander Rodnyansky – Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj - zu Gast bei Sandra Maischberger (ZDF).

Mit einem ukrainischen Berater und einem russischen Oppositionspolitiker diskutiert Maischberger über die Lage. Lauterbach gibt einen Zwischenstand in Sachen Corona. 

Berlin – „Wir müssen uns auf Einschränkungen einstellen“, sagt Gesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach im Polit-Talk „Maischberger“ im Ersten. Er meint dieses Mal jedoch nicht Maßnahmen zum Eindämmen des Corona-Virus. Gefragt von der Moderatorin, äußert er sich zu Energie-Einsparungen, die durch die Sanktionen und den russischen Gas-Stopp drohen. Wirtschaftsminister Robert Habeck, den Lauterbach für seinen „fantastischen Job“ lobt, tue derzeit genau das Richtige, das Land auf Einschränkungen „einzustimmen“ und diese offen zu kommunizieren.

Dass sich Bundeskanzler Olaf Scholz schwer tue, vom „gewinnen“ des Kriegs zu sprechen, damit hat Lauterbach keine Probleme: „Dieser furchtbare rücksichtslose barbarische Angriffskrieg von Putin“, so der Gesundheitsminister, „kann ohne Sanktionen nicht gewonnen werden“, stellt er klar. Daher sei es wichtig, diese beizubehalten: „Was hier an Einschränkungen für uns in Rede steht“, appelliert Lauterbach, sei „nichts im Vergleich zu dem“, was er bei seinem Besuch in der Ukraine in den Krankenhäusern mit den stark Verwunderten gesehen habe: „Die Verletzungen sind furchtbar“, sehr viele Menschen hätten Arme und Beine verloren, seien schwer verletzt worden.

Lauterbach über Olaf Scholz: Kommuniziert in Bezug auf die Ukraine extrem wirkungsvoll

Ob Olaf Scholz gut kommuniziere, fragt Moderatorin Sandra Maischberger - wissend, dass der Kanzler-Stil von vielen kritisiert wird. Aber Lauterbach verteidigt beflissen den Ampel-Kanzler: „Scholz kommuniziert auf eine andere Art und Weise“, setzt er an, diese sei aber auch „extrem wirkungsvoll“. Denn es gelinge dem Kanzler, „die Ukraine zu unterstützen“, aber so, „dass wir nicht in einer Art und Weise in den Krieg inneingezogen werden, die sich keiner von uns wünschen kann.“

Auch der in Cambridge studierte, perfekt Deutsch sprechende Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, Dr. Alexander Rodnyansky, sieht in den Sanktionen eine wichtige Waffe im Kampf gegen Putins Krieg. Doch im Gespräch mit Maischberger wird deutlich, wie weit Deutschland noch von dem „echten Krieg“ und Kampfbereitschaft entfernt ist. Rodnyansky sieht für sein Land durchaus eine militärische Lösung, lobt die Waffenlieferungen vor allem aus den USA, aber auch aus anderen Ländern und inzwischen auch aus Deutschland. Dann überrascht er die Runde mit dem Satz: „Wir hoffen, dass wir im August die Gegenoffensive beginnen können.“ Der Kampfeswillen seines Volkes sei auch nach fast vier Monaten Krieg ungebrochen, trotz der Rückschläge sei die Moral stark: „Wir haben keine Wahl, wir müssen unser Land verteidigen, und das tun wir auch. Deswegen haben wir nach wie vor den Kampfeswillen, und der wird auch bleiben.“

„Maischberger“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Prof. Karl Lauterbach (SPD) – Bundesgesundheitsminister
  • Dr. Alexander Rodnyansky – Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj
  • Michail Kassjanow – russischer Oppositioneller  

Als Experten: 

  • Helene Bubrowski – Parlamentskorrespondentin der „FAZ“
  • Stephan Stuchlik – ARD-Hauptstadtkorrespondent
  • Jürgen Becker – Kabarettist

Auch der russische Oppositionspolitiker Michail Kassjanow, der bis 2004 vier Jahre Ministerpräsident unter Putin war, aber nach offener Kritik an seinem Chef entlassen wurde, hält einen Sieg für denkbar: „Die Ukraine hat eine Chance, diesen Krieg zu gewinnen, und wir wollen alle, dass sie diesen Krieg gewinnt“. Er ist sicher: „Sobald Putin anfängt, besiegt zu wirken, wird Russland anfangen zu bröckeln.“ Kassjanow berichtet in der Schalte, dass Putin „geschockt von den Sanktionen“ gewesen sei, da dieser gedacht habe, man würde sich bei einem Einmarsch in der Ukraine ähnlich verhalten wie im Fall Georgiens und ihn in weiten Teilen tolerieren. Die aktuellen Sanktionen hätten Russland bereits „zehn Jahre zurückgeworfen“, in einigen Monaten werden es „zwanzig Jahre sein“, so der Dissident pauschal. Die Idee, dass die Ukraine Gebiete an Russland abgebe, hält er dagegen für eine falsche Strategie - „ein Aggressor muss bestraft werden“. Eine diplomatische Lösung würde von Putin als Sieg interpretiert werden.

Ex-Ministerpräsident über Putin: „KGB-Offizier mit vollkommen verzerrtem Weltbild“

Er warnt eindringlich vor dem Mann im Kreml: Putin sei „ein KGB-Offizier mit einem vollkommen schrägen, verzerrtem Weltbild“, resümiert der Dissident, der zu einem der stärksten Kritiker der Putin-Politik im Land zählt. Kassjanow lebte trotz ständiger Übergriffe und Bedrohungen bis zum Beginn des Krieges in Russland, floh im Februar ins Ausland: „Eine richtige Entscheidung“, befindet Kassjanow. Drei seiner Parteikollegen seien inzwischen verhaftet worden, ihnen drohe bis zu zehn Jahren Haft. Putin sei „ein Feind des russischen Volkes“, befindet der Politiker im Exil, er sei „gefährlich für die Bürger Russlands und aller anderen Staaten“. Denn Putin arbeite „gegen die Weltordnung“ und die „europäische Sicherheitsordnung“.

Rodnyansky stimmt der Einschätzung ohne Einschränkungen zu: „Russland unter Putin ist nicht an einem Frieden in Europa interessiert. Es geht um Revanchismus, um Imperialismus, und dabei wird es auch bleiben“, ist er sicher. Er kritisiert erneut die Zögerlichkeit der westlichen EU-Länder: „Man darf sich hier nicht mehr vor einem ukrainischen Sieg fürchten als vor der russischen Niederlage“, warnt der Berater. Man „verteidige die europäische Friedensordnung“. Hinsichtlich des EU-Beitritts stellt Rodnyansky dar, wie wichtig seinem Land ein Beitritt sei: „Die Ukrainer wollen Reformen“, sagt er. Seine Landsleute wollten die Ukraine „in der EU sehen“ und seien bereit, daran zu arbeiten, die Auflagen zu erfüllen. Man wolle ein „ebenbürtiger Partner“ sein - kein „Katastrophenfall“.

Lauterbach will mit Marco Buschmann „sehr schnell“ über Corona-Maßnahmen verhandeln

Im zweiten Teil der Sendung schaut Sandra Maischberger wieder auf die deutsche Sachlage in Sachen Corona. Lauterbach proklamiert: „Wir müssen viel besser vorbereitet sein als im Herbst vor einem Jahr!“ Und betont die Absprache mit Justizminister Marco Buschmann von der FDP, der „einen Wert“ auf die mit Spannung erwartete Studie zu der Wirksamkeit der Maßnahmen lege. Und diese noch abwarten wolle, bevor dann „sehr schnell“ über die kommenden Maßnahmen für das Winterhalbjahr 2022/23 verhandelt werden soll.

Zur der von vielen Stellen kritisierten mangelnden Datenlage, kündigt Lauterbach Neuerungen und ein neues Gesetz an: Ab September solle es „tagesaktuelle Daten“ kombiniert mit einer „breiten Impfkampagne“ geben. Außerdem sollten die „Medikamente, die wir schon haben, besser eingesetzt werden“. Damit könnten Sterbefälle verhindert werden, ist der Minister zuversichtlich.

Fazit des „Maischberger. Die Woche“-Talks

„Wir hängen wie die Junkies an der Energie-Nadel, Steinkohle ist jetzt das Methadonprogramm“, witzelt Kabarettist Jürgen Becker und schlägt Kalt-Duschen und eine Raumtemperatur von 19 Grad vor. Mit Hinblick auf den erstarkenden Imperialismus Russlands schlägt er vor, „Land loszuwerden“, denn in kleinen Ländern lebten laut Statistik die glücklichsten Menschen. Der Kölner kalauert, das könne auch für Teile Deutschlands gelten: „Bayern zum Beispiel.“ Das sorgt zwar für einige Lacher im Studio, wirkt angesichts der schlimmen Umstände der anwesenden Talk-Gäste aus Russland und der Ukraine aber auch fehl am Platz. Humor darf nie verstummen, die Kunst ist es, über die Richtigen lachen zu lassen. (Verena Schulemann)

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