Überraschender Talk

Baerbock und Merz auf der richtigen Seite? CDU und Grüne spielen sich bei „Maischberger“ die Bälle zu

Ricarda Lang (Grüne) und Friedrich Merz (CDU) zu Gast bei „Maischberger. Die Woche“ (ARD).
+
Ricarda Lang (Grüne) und Friedrich Merz (CDU) zu Gast bei „Maischberger. Die Woche“ (ARD).

Bei Maischberger kommen sich Grüne und CDU erstaunlich nah. Die beiden Parteivorsitzenden Ricarda Lang und Friedrich Merz geben sich trotz Differenzen zugewandt.

Berlin – „Chapeau!“, Friedrich Merz lobt den Einsatz von Außenministerin Annalena Baerbock. Die Grünen-Politikerin steht bei der Union ohnehin überraschend hoch im Kurs. Nun war sie kurz vor dem G7-Treffen und als erstes Regierungsmitglied seit Kriegsbeginn nach Kiew gereist und hatte Deutschlands Solidarität betont.

Oppositionschef Merz, der bereits eine Woche zuvor in die Ukraine gereist war, macht unter dem Beifall des Studio-Publikums bei „Maischberger“ deutlich, wie wichtig ihm persönlich die Unterstützungsbekundungen für die Ukraine sind. Man müsse deutlich machen: Die Zeiten, in denen „Deutschland wieder mit Russland auf dem Rücken anderer Länder Politik macht“, seien vorbei.

Baerbock und Merz auf der richtigen Seite? CDU und Grüne spielen sich bei „Maischberger“ die Bälle zu

Kritik für seine Kiew-Reise hat sich Merz hingegen aus Reihen der Grünen anhören müssen. Jürgen Trittin hatte Merz‘ Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj als „staatspolitische Unzuverlässigkeit von CDU/CSU“ bezeichnet.

Seine Reise sei schon seit Februar geplant gewesen, rechtfertigt sich Merz und zitiert Robert Habeck mit den Worten: „An der Stelle von Friedrich Merz wäre ich auch gereist.“ Dafür gibt es Unterstützung von der Grünen-Chefin: „Ich auch“, ruft Ricarda Lang und erklärt: „Wenn die Menschen in der Ukraine sagen, wir wollen, dass jemand kommt, dann sollten wir das respektieren“. Der stellvertretende Welt-Chefredakteur Robin Alexander bekräftigt: „Wenn da jemand kommt wie Frau Baerbock und zeigt, ich leide mit, ich sehe was euch passiert, dann wissen die Menschen: Wir werden hier nicht wieder unter den historischen Tisch gekehrt.“

„Maischberger. Die Woche“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Ricarda Lang (Die Grünen) - Parteivorsitzende
  • Friedrich Merz (CDU) - Parteivorsitzender
  • Klaus von Dohnanyi (SPD) - Publizist, ehemaliger Bundesminister für Bildung und Wissenschaft 

Als Experten: 

  • Robin Alexander - stellvertretender Welt-Chefredakteur
  • Bernhard Hoëcker - Schauspieler und Moderator
  • Sabine Rennefanz - Journalistin und Kolumnistin

Bei so viel Einigkeit in der Ukraine-Frage fühlt Maischberger der Harmonie zwischen Grünen und CDU genauer auf den Zahn. Sie klopft die großen Themenbereiche ab, unter anderem die Erdgas-Lieferungen aus Russland. Lang hat eine klare Position, unterstreicht wie Baerbock das endgültige Aus der „Abhängigkeit von Russland“. Und sie fordert den grundsätzlichen Ausstieg aus den „Fossilen“, weil diese „immer auch die Tendenz zum Monopol haben“. Lang meint zudem, es sei ein Irrtum gewesen, zu behaupten, „russisches Gas“ sei günstig. „Den Preis“ habe die letzten Jahre nur nicht Deutschland gezahlt - derzeit „zahle ihn die Ukraine“.

Ukraine-Streit: Merz steht „apodiktischen“ Absagen in Richtung Russland skeptisch gegenüber

Merz unterscheidet beim Gas zwischen „Energieträger“ und „wichtigem Rohstoff“ für „große Teile der Industrie“. Auf zweiteres will der CDU-Mann auf keinen Fall verzichten und stellt fest: „Das werden wir hoffentlich nie tun, denn das wäre für Hunderttausende von Arbeitsplätzen das Ende“. Merz steht den „apodiktischen“ Absagen von Lang und auch Baerbock zuvor in Kiew kritisch gegenüber und mahnt, „die deutsche Industrie“ nicht zu gefährden. Deutschland sei in einer „relativ kurzen Zeit“ von 55 auf 32 Prozent in den Erdgaslieferungen runter, zugleich gelte aber: „Ganz raus wird schwierig“.

Maischberger wechselt zum nächsten Energie-Thema: Atomkraft. Merz sieht auch hier Chancen, spricht von einer „neuen Generation“, die zum Beispiel auch ein Recycling von Brennstäben ermögliche, was die Frage der Endlagerung erleichtere. Lang sieht das anders: „Das wurde im Wirtschaftsministerium geprüft, das wurde im Umweltministerium geprüft“, so die Grüne, „und da hat sich herausgestellt: Das ist technisch unglaublich schwierig, es ist eine unglaublich teure Energie.“ Merz kontert: „Große Teile der europäischen Mitgliedsstaaten setzen auf Atomenergie: Frankreich baut neue, England wahrscheinlich auch, die Niederlande und viele andere planen es.“ Lang sieht das als die falsche Richtung an. Dann hätte man „vielleicht für jetzt eine funktionierende Lösung“, so Lang, den Preis zahlten aber „die nächsten Generationen - bis zu 40.000 Generationen.“

„Maischberger“ (ARD): Merz und Lang sprechen sich für Überprüfung zur Begünstigung von Kirchen aus

Maischberger nimmt nun Merz in die Mangel. Sie verweist auf eine Bundestags-Rede, in der der CDU-Chef despektierlich von „feministischer Außenpolitik“ redete. Lang klärt auf, welche Inhalte dieser Feminismus vertritt: Die „besondere Situation von Frauen“, „die Verletzlichkeit von Frauen in Kriegssituationen“ sowie Regeln, wie „Vergewaltigungen als Kriegswaffe“ begegnet werden könne. Außerdem würden „Kompromisse besser funktionieren“, befindet Lang, wenn Frauen, die „die Hälfte der Bevölkerung darstellen“, von Beginn an daran beteiligt seien.

Auch das Thema Abtreibung wirft Maischberger in die Runde. Im Gegensatz zu den USA, wo das grundlegende Recht eingeschränkt werden soll, geht es in der Sendung lediglich um die Frage, ob dafür von Arztpraxen geworben werden sollte. Merz stellt klar: „Information ja, Werbung nein“. Lang befindet, dass sie „genau wie vermutlich Herr Merz“ auch, „als Frau“ über „ihren Körper selbst entscheiden“ möchte, Merz nickt verständnisvoll.

„Halbe Einigkeit“, befindet Maischberger auch in einer anderen Frage: „Soll der Staat die katholische Kirche weiter mit Milliardenbeiträgen unterstützen?“ Merz ergänzt, es gehe bei dem Themenkreis auch um die evangelische Kirche und um die Überprüfung der Staatskirchenverträge.

Ukraine bei „Maischberger“: Von Dohnanyi will Verhandlungen mit Russland aus und erntet Ablehnung

Nach der Harmonie wird es im Gespräch mit dem ehemaligen Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi kontrovers. Der SPD-Mann gilt als USA-Kritiker, seit er bei einer Nato-Übung 1979 von der US-Position erfuhr, im Falle eines Atomkrieges Deutschland „zu opfern“. Seitdem habe sich viel verändert, stellt Maischberger nüchtern fest, doch bei Dohnanyi sitzt die Skepsis scheinbar tief.

Als er den Bogen zum Ukraine-Krieg spannt, begibt er sich auf dünnes Eis. Maischberger muss mehrfach seine Äußerungen in den Kontext rücken und auch die Zuschauerinnen und Zuschauer müssen ganz genau hinhören, um den Ex-Bundesminister und -Staatsminister im Auswärtigen Amt nicht als blinden Putin-Versteher misszuverstehen. „Putin ist der Aggressor“, stellt von Dohnanyi schließlich fest, der einen „Angriffskrieg“ führe.

Die USA haben nach Ansicht des SPD-Mannes „die Möglichkeit“ verspielt, „das zu verhindern“, weil sie „die Frage der Zugehörigkeit der Ukraine zur Nato“ nicht hätten verhandeln wollen. Das habe aber an „unerfüllbaren Forderungen“ der Russen gelegen, ergänzt Maischberger, vor allem dem Abzug des „Atomschirms aus Europa“. Auch Journalist Alexander kann den Ausführungen Dohnanyis wenig abgewinnen: „Auf niemanden hat die deutsche Politik in den letzten 20 Jahren so viel Rücksicht genommen wie auf Russland“, stellt er klar.

Fazit des „Maischberger. Die Woche“-Talks

Erfrischend wirkte das Gesprächsduo Merz und Lang und auch Maischberger lauschte sichtlich erfreut den beiden engagierten Studiogästen. Aus der Zeit gefallen, aber in Anbetracht seiner 93 Jahre auch beeindruckend, wirkte Klaus von Dohnanyi. Geistig rege und fit, scheint er dennoch einer alten Doktrin anzuhängen. Die Zeit wird zeigen, ob seine Versuche, Verhandlungsmöglichkeiten mit Russland auszuloten, entweder zu spät oder vielleicht auch lediglich zu früh kommen. (Verena Schulemann)

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Ende vom Ukraine-Krieg? Russland nennt Mindestziel
Ende vom Ukraine-Krieg? Russland nennt Mindestziel
Ende vom Ukraine-Krieg? Russland nennt Mindestziel
Russischen Truppen droht Einkesselung in Ostukraine – nach Annexion erwarten Experten neues Problem
Russischen Truppen droht Einkesselung in Ostukraine – nach Annexion erwarten Experten neues Problem
Russischen Truppen droht Einkesselung in Ostukraine – nach Annexion erwarten Experten neues Problem
Schwere Verluste für Russland: Kampfjets und Panzer zerstört – Militär meldet neue Zahlen
Schwere Verluste für Russland: Kampfjets und Panzer zerstört – Militär meldet neue Zahlen
Schwere Verluste für Russland: Kampfjets und Panzer zerstört – Militär meldet neue Zahlen
Wilde Gerüchte über angeblichen China-Putsch und Staatspräsidenten Jinping: „Wo ist Xi?“
Wilde Gerüchte über angeblichen China-Putsch und Staatspräsidenten Jinping: „Wo ist Xi?“
Wilde Gerüchte über angeblichen China-Putsch und Staatspräsidenten Jinping: „Wo ist Xi?“

Kommentare