Foreign Policy

Klima-Flop in Deutschland und USA: Was wäre, wenn Demokratie und Klimaschutz unvereinbar sind?

Annalena Baerbock im Wahlkampf bei Fridays For Future.
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Lassen sich die Forderungen der Klimaschützer und die Anforderungen der Demokratie vereinbaren? Annalena Baerbock im Wahlkampf bei Fridays For Future.

Demokratisch gewählte Regierungen arbeiten mit Kompromissen. Ein sich erwärmender Planet wartet aber auf niemanden. Ein politisches Problem?

  • Der Klimawandel drängt - doch die Politik reagiert nur langsam. Grund sind der Zwang zum Kompromiss - und Eigenheiten des internationalen politischen Systems.
  • Wie lässt sich das Spannungsfeld auflösen? Ist die Demokratie überfordert?
  • Cameron Abadi, Vize-Chefredakteur des Magazins Foreign Policy, wirft in dieser Analyse einen Blick von außen auch auf die deutsche Klima-Debatte.
  • Dieser Artikel liegt erstmals in deutscher Sprache vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn am 7. Januar 2022 Foreign Policy.

Washington, D.C./Berlin - In den vergangenen 14 Monaten gab es Wahlen sowohl in den Vereinigten Staaten wie auch in Deutschland - und die Klimapolitik rückte in den Mittelpunkt der nationalen Debatten. Die Tatsache, dass sich zwei der fünf größten Volkswirtschaften der Welt dazu verpflichtet haben, die drängendste Krise der Welt durch einen öffentlichen Diskurs und eine anschließende öffentliche Abstimmung zu bewältigen, ist ein beispielloses demokratisches Experiment.

Es ist aber nicht so gelaufen, wie Optimisten das gehofft hatten. Einerseits gelobten die siegreichen Parteien in beiden Ländern, das Notwendige zu tun, um die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu verhindern. So, wie es das 2015 in Paris einstimmig verabschiedete internationale Klimaabkommen vorsieht. Andererseits lässt sich für keines der beiden Länder sagen, dass die daraus resultierende Politik dieses Versprechen einlöst.

Grüne Klimapolitik: Große Forderungen - wenig Bewegung im Ampel-Vertrag

Alle großen deutschen Parteien (mit Ausnahme der rechtsextremen Alternative für Deutschland) erklärten, sie würden sich dafür einsetzen, den Klimawandel auf die im Pariser Abkommen festgelegten 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen; die Grünen* behaupteten glaubhaft, dass nur ihr Programm zur Erfüllung dieses Versprechens ausreichende Ideen beinhalte. Doch auch wenn die Grünen den Einzug in die nationale Regierung schafften (sie erreichten bei den Wahlen ein Rekordergebnis von 15 Prozent), fanden nur wenige der politischen Spezifika Eingang in die Regierungsagenda für die nächsten vier Jahre.

Die Grünen forderten einen höheren Kohlenstoffpreis*; im Koalitionsvertrag wurde eine solche Erhöhung nicht erwähnt. Die Grünen argumentierten, dass die Beendigung des heimischen Kohleabbaus bis 2030 nicht verhandelbar sei; die Regierung hat es versäumt, diesbezügliche eine feste Zusage zu machen. Die Grünen forderten, dass das Land jährlich 50 Milliarden Euro (56 Milliarden US-Dollar) zusätzlich in die Infrastruktur für erneuerbare Energien investieren müsse; die neue Regierung hat stattdessen einen ausgeglichenen Haushalt versprochen.

Ein ähnliches Abgleiten zwischen Wahlkampfambitionen und verwässertem Regieren ist in den Vereinigten Staaten zu beobachten. Der Demokrat Joe Biden* versprach in seinem Wahlprogramm, den Stromsektor des Landes bis 2035 kohlenstofffrei und die gesamte US-Wirtschaft bis 2050 vollständig klimaneutral zu machen – Versprechen, von denen die Regierung Biden nie abgerückt ist. Doch die zentralen Maßnahmen, mit denen diese Fristen erreicht werden sollen, haben keine realistische Chance, den Kongress zu passieren.

USA und Deutschland: Viele Klimapläne - ebenso viele Hürden, Verzögerungen und Probleme

Die US-Regierung wird nicht annähernd die 2 Billionen US-Dollar erhalten, die laut Biden für die Finanzierung der Infrastruktur für erneuerbare Energien erforderlich wären. Unterdessen hat sich Senator Joe Manchin aus dem kohleproduzierenden Bundesstaat West Virginia geweigert, ein Gesetz zu verabschieden, das die Nutzung fossiler Brennstoffe im Energiesektor ausdrücklich einschränkt, wie es die Biden-Kampagne vorgesehen hatte. Gleichzeitig hat die Biden-Regierung bei den ölproduzierenden OPEC-Ländern des Nahen Ostens offen Lobbyarbeit betrieben, um die Produktion zu erhöhen - in der Hoffnung, den Benzinpreis für die heimischen Autofahrer zu senken.

Die Klimaprogramme der gegenwärtigen US-amerikanischen und deutschen Regierungen – von der Nutzung steuerlicher Anreize durch die Regierung Biden zur Förderung des Ausbaus erneuerbarer Energien bis hin zum Versprechen der neuen deutschen Regierung, zwei Prozent der Landesfläche für die Erzeugung von Windenergie zu nutzen – sind nicht aktiv schädigend. Insgesamt werden sie mit ziemlicher Sicherheit die Reduzierung der Kohlendioxidemissionen in beiden Ländern beschleunigen. Sie sind nach jeder anständigen Berechnung jedoch nicht ausreichend, um den Klimawandel innerhalb des Zeitrahmens zu bewältigen, den das Pariser Abkommen mit seiner 1,5-Grad-Verpflichtung vorgibt. Das bedeutete eine 50-prozentige Reduzierung der Emissionen bis 2035 und eine vollständige globale Klimaneutralität bis 2050. „Das Problem bei den Klimamaßnahmen dieser neuen Regierung ist die Geschwindigkeit“, sagt Pauline Brünger, Sprecherin der Aktivistengruppe Fridays for Future Deutschland.

Politik und das Klima: Demokratie funktioniert doch Kompromisse, doch die Erderwärmung wartet nicht

Vertreter der US-amerikanischen und der deutschen Regierungen erklären, ihre Politik sei das Ergebnis der im demokratischen Prozess notwendigen Kompromisse. Doch fragt man sich, ob das nicht nur eine andere Umschreibung des bekannten Problems ist. Der Klimawissenschaft zufolge sind die Fristen zur Begrenzung der Erwärmung nicht Ausdruck einer subjektiv empfundenen Dringlichkeit, sondern objektive Maßnahmen, die durch die Grenze eines katastrophalen klimatischen Wendepunkts definiert sind.

In einem Bericht aus dem Jahr 2018 erklärte der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC), eine Gruppe von Klimawissenschaftlern der Vereinten Nationen, dass das Erreichen der Klimaneutralität bis zur Mitte des Jahrhunderts der einzige Weg sei, um zu verhindern, dass die globalen Temperaturen über 1,5 Grad ansteigen – jenseits dessen würde das arktische Eis viel schneller schmelzen (und der Meeresspiegel ansteigen), die Menschen würden häufiger den Hitzetod erleiden und eine große Anzahl von Arten, von Insekten bis hin zu Meereskorallen, würde am Rande des Aussterbens stehen.

Mit anderen Worten: Die Demokratie funktioniert durch Kompromisse, aber der Klimawandel ist genau die Art von Problem, die dies nicht zuzulassen scheint. Da die Uhr dieser Klimazeitpläne weiter tickt, wird dieses strukturelle Missverhältnis immer deutlicher. Und so suchen und finden die vom Klimawandel Betroffenen – die einen haben bereits politische Macht, die anderen streben danach – neue Wege, um die Kluft zwischen Politik und Wissenschaft zu schließen, mit allen Mitteln.

Politik des Klimawandel: Die Spannungen sind international besonders gut erkennbar

Die Spannungen zwischen den bestehenden Methoden der Demokratie und der Problematik des Klimawandels sind dabei in der Innenpolitik gut zu erkennen, doch treten sie am deutlichsten in der internationalen Politik zutage.

In gewisser Weise wäre es verlockend zu sagen, dass die internationale Politik noch nicht demokratisch genug ist, um den Klimawandel zu bekämpfen. Historisch gesehen ist es unbestreitbar, dass die am frühesten industrialisierten westlichen Länder für den Großteil des bereits in der Atmosphäre abgelagerten Kohlenstoffs verantwortlich sind. Ein Großteil der heutigen Emissionen wird ebenfalls von einer Minderheit der Weltbevölkerung verursacht, nämlich in den am weitesten entwickelten Volkswirtschaften der Welt – eine Gruppe, die sich stark mit der ersten überschneidet.

Wenn das Grundprinzip der Demokratie darin besteht, dass jede Person (oder jedes Land) die gleiche Stimme hat, dann scheint es offensichtlich, dass die Mehrheit der Welt – der Teil der Weltbevölkerung, der am wenigsten zu den Kohlenstoffemissionen beiträgt und am meisten unter deren Auswirkungen zu leiden hat – in der Lage sein sollte, die Minderheit zur Verantwortung zu ziehen. Das heißt, sie sollten in der Lage sein, die Industrieländer dazu zu zwingen, alles zu zahlen, was nötig ist, um den Übergang zu erneuerbaren Energien in einem Tempo zu vollziehen, das mit der Einhaltung der kritischen 1,5-Grad-Grenze vereinbar ist (und die ärmeren Länder bei allen Schäden zu unterstützen, die sich dennoch aus dem abgemilderten Klimawandel ergeben).

Klima-Probleme: Vorreiter haben hohe Kosten, aber geringe Vorteile - was tun?

Die Realität ist natürlich, dass es keine globale Regierung gibt, die eine demokratische Regierung organisieren und demokratische Rechte auf globaler Ebene gewähren kann. Die internationale Gemeinschaft muss sich stattdessen auf die bestehenden nationalen Regierungen – die souveränen Akteure im internationalen System – verlassen, um globale kollektive Maßnahmen zu organisieren. Viele dieser Regierungen sind natürlich selbst demokratisch. Und sie haben einen großen Anreiz, einen internationalen Rahmen zu schaffen, der die Länder der Welt zu einer gleichberechtigten Beteiligung einlädt und demokratisch legitimiert zu sein scheint; viele ihrer eigenen Wähler würden dies einfordern. Ein Beispiel für einen solchen Rahmen sind die jährlichen UN-Klimatreffen, die sogenannten COP, die das Pariser Abkommen hervorbrachten und dessen Fortschritte weiterhin überwachen, und an denen fast alle Länder der Welt teilnehmen.

Das Beispiel lässt sich aber auch andersherum anwenden: Der COP-Rahmen ist für eine zeitnahe Lösung des Klimawandels ungeeignet, weil er das zentrale Dilemma der internationalen Governance nicht löst. Der Klimawandel ist aus wirtschaftlicher Sicht ein Verwaltungsproblem von Gemeingütern. Ziel ist es, ein stabiles Ökosystem zu schaffen, doch hat jedes Land einen Anreiz, die Kosten für dieses Systems auf andere abzuwälzen. Es liegt in niemandes unmittelbarem Eigeninteresse, als Erster die Kosten für die Eindämmung der Kohlenstoffemissionen zu tragen: Warum sich für etwas engagieren, wenn andere es nicht tun? Dies gilt umso mehr, als die Vorreiter in der Klimapolitik nur einen geringen Anteil an den globalen Vorteilen haben, während sie einen unverhältnismäßig hohen Anteil an den Kosten tragen.

Wenn ein internationales Klimaabkommen erfolgreich sein soll, das heißt, wenn es die mächtigen Länder dazu bringen soll, sich in vollem Umfang einzubringen, muss es zwei Dinge tun: Es muss einen Mechanismus zur Überwachung der von den einzelnen Ländern eingegangenen Verpflichtungen haben, und es muss eindeutige Strafen für Betrügerei festlegen. Die Staaten müssen wissen, ob andere ihren Verpflichtungen nachkommen, und wenn sie es nicht tun, muss es einen Mechanismus geben, um sie dazu zu zwingen. Aber das ist natürlich nicht so einfach, weil die oben genannten Probleme bezüglich kollektiver Maßnahmen den Abschluss eines solchen Abkommens verhindern. Das derzeitige demokratische politische System bietet keinen klaren Weg, um von A nach B zu gelangen. Das Pariser Abkommen – das außer Gruppenzwang und Blamage bei künftigen COP-Treffen keine Methode zur Bestrafung von Ländern vorsieht, die ihre Klimazusagen nicht einhalten – könnte den Höhepunkt des Erreichbaren markieren.

Pariser Klimaziele: Fast kein Land ist auf einem guten Weg - das überrascht nicht

Es sollte daher nicht überraschen, dass fast kein Land der Welt auf dem Weg ist, seine Pariser Verpflichtungen einzuhalten. Das Fehlen einer Aufsichtsbehörde – die Länder konnten ihre Ziele selbst verfolgen – hat das Abkommen von Anfang an behindert. Länder, die sich nicht auf die Gutwilligkeit der anderen verlassen konnten (sowohl bei der Festlegung der Klimaziele als auch bei deren Verfolgung), hatten einen Anreiz, von den Opfern der anderen zu profitieren. Unterdessen bestand für die reichen Länder nur wenig Anreiz, Schäden zu verhindern, die viele der Ärmsten der Welt unverhältnismäßig stark treffen würden.

Auch im Vergleich mit den Problemen der internationalen Governance sind die strukturellen Hindernisse der demokratischen Innenpolitik nicht weniger entmutigend. Der Kern des demokratischen Prozesses in jedem Nationalstaat sind Wahlen, eine Form des Regierens, die die Aufmerksamkeit auf unmittelbare Probleme lenkt, die nationalen Führer für die Lösung dieser Probleme zur Verantwortung zieht, diese Lösungen innerhalb weniger Jahre einer Überprüfung unterzieht und die Öffentlichkeit einbezieht.

Das Wesen des Klimawandels als politisches Problem steht im Widerspruch zu all diesen Merkmalen. Der Klimawandel erstreckt sich über sehr lange Zeiträume, über alle politischen Grenzen hinweg, ist sowohl unumkehrbar als auch höchst dringlich und in seinem ganzen Ausmaß äußerst komplex zu verstehen. Im Gegensatz zu anderen Umweltproblemen – wie Luft- und Wasserverschmutzung – sind die Auswirkungen des Klimawandels nicht unmittelbar spürbar, was es noch schwieriger macht, einen demokratischen Konsens zu finden. Wir sollten uns nicht wundern, wenn politische Prozesse, die sich zur Lösung ganz anderer Probleme entwickelt haben, Schwierigkeiten haben, das Problem des Klimawandels zu bewältigen.

„Verteilungskampf“ in der Klimakrise: Warum die Verteidiger des Status Quo im Vorteil sind

Das größte Versagen des innerstaatlichen demokratischen Prozesses liegt jedoch in der ständigen Gefahr der Vereinnahmung des politischen Prozesses durch spezielle Interessen, die bei strengen Reformen am meisten zu verlieren hätten. Die Klimapolitik schafft immer neue Gewinner und Verlierer in einer bestimmten Wirtschaft. Die Politik wird so zu einem Verteilungskampf, bei dem diejenigen, die dem wirtschaftlichen Status quo weniger zugetan sind, auf eine drastische Neuverhandlung der wirtschaftlichen und sozialen Strukturen drängen, während sie auf den Widerstand von Interessengruppen stoßen, die bei einem solchen Wandel das Nachsehen haben.

Die letztgenannte Gruppe besitzt bei einem solchen Kampf Vorteile, insbesondere in liberalen Demokratien, die die Beteiligung von Interessengruppen am politischen Prozess zulassen. Als wirtschaftliche Nutznießer des gegenwärtigen Systems genießen sie zunächst Vorteile in Bezug auf ihren Zugang zum politischen Prozess und sogar zu politischen Vetopunkten. Durch die Beeinflussung von Politikern und der allgemeinen politischen Debatte können sie dazu beitragen, Maßnahmen wie Kohlenstoffsteuern oder massive öffentliche Investitionen zur Umgestaltung der Energie- und Verkehrssysteme zu blockieren.

Aber selbst wenn sich die Befürworter weitreichender klimapolitischer Maßnahmen organisieren und bei einer nationalen Wahl erfolgreich abschneiden, wird die Gegenseite nicht verschwinden: Sie wird weiterhin ihren Einfluss in der Gesellschaft ausüben. Der demokratische Prozess lenkt solche Verteilungskonflikte in Richtung eines Kompromisses. Genau das ist nach den Wahlen in Deutschland und in den USA geschehen: Wenn eine Seite eines Arguments auf den Widerstand der Gegenseite stößt, ist es gute demokratische Praxis, den Mittelweg zu gehen. Das Ergebnis ist eine gemäßigte, aber nicht ausreichende Klimapolitik: weniger öffentliche Gelder für die Energiewende, längere Fristen für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Und die ganze Zeit über tickt im Hintergrund die Uhr, die die Zeit bis zur Klimakatastrophe herunterzählt.

Klima-Streit: „Radikale Politik“ gewinnt an Attraktivität - Extinction Rebellion und Co. machen Druck

Da die Regierungen nicht in der Lage sind, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten, treten logischerweise andere Akteure jenseits der typischen Grenzen der Politik an ihre Stelle. Gerade in dem Maße, in dem die demokratische Politik Hindernisse für die Lösung des Klimawandels aufwirft, hat sie die Attraktivität der radikalen Politik als Alternative erhöht. Wenn spezielle Interessen den demokratischen Prozess gekapert haben, schlagen Radikale vor, die Sackgasse auf zwei Arten zu durchbrechen: indem sie der breiten Öffentlichkeit einen größeren Anreiz geben, die Politikgestaltung selbst zu steuern, und indem sie diesen Prozess in einer Weise einschränken, die ihn in den Händen technokratischer Eliten, einschließlich Zentralbankern und Verfassungsrichtern, hält.

Im ersten Fall ist die weltweite Bewegung Fridays for Future zu nennen, die auf die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg* zurückgeht. So wie Thunberg nicht mehr zur Schule ging, um die Untätigkeit ihres Landes in der Klimapolitik moralisch zu verurteilen, weigern sich nun Schülergruppen auf der ganzen Welt, freitags den Unterricht zu besuchen und protestieren stattdessen friedlich auf der Straße. An einem internationalen Protesttag im Jahr 2019 beteiligten sich mehr als eine Million Menschen in 125 Ländern.

Diese Bewegung wird jedoch in Ländern wie dem Vereinigten Königreich und Deutschland von radikaleren Akteuren, darunter Extinction Rebellion, abgehängt. Im Gegensatz zu Fridays for Future geht Extinction Rebellion nicht vom guten Willen der Regierung aus, und die Mitglieder glauben auch nicht, dass friedliche Demonstrationen in der heutigen Zeit ausreichen. Sie wollen einen politischen Wandel erzwingen, indem sie den Status quo als unhaltbar darstellen, unter anderem durch die Organisation von Schuldenstreiks gegen Großbanken, die die Kohlenstoffwirtschaft mitfinanzieren. Aktivistische Autoren wie Andreas Malm befürworten sogar noch extremere Maßnahmen und sprechen sich offen für eine gewaltsame Sabotage der Infrastruktur der Kohlenstoffwirtschaft aus.

Klima-Krise: Auch unerwartete Akteure mischen mit - von Gerichten bis zu Zentralbanken

Aber es sind nicht nur Aktivisten von unten, die sich außerhalb der normalen Kanäle der Wahldemokratie politisch engagieren. Ein Beispiel dafür ist das deutsche Verfassungsgericht. In einem überraschenden Urteil im April 2021 erklärten die Richter des Gerichtshofs, dass die von der damaligen Regierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel* beschlossene Klimapolitik nicht ausreiche, um das Recht junger Menschen auf ein zukünftiges Leben in einer intakten Umwelt zu gewährleisten. Das war kein Recht, von dem die Bundesregierung bisher glaubte, es sei im Grundgesetz verankert – aber das Urteil ließ ihr keine andere Wahl, als ein Gesetz zu verabschieden, das ihre bestehenden Klimapläne beschleunigt. In den letzten Jahren haben Gerichte von Australien bis Pakistan und in ganz Europa ähnliche Urteile zugunsten der Klimapolitik gefällt und ihre jeweiligen Regierungen zum Handeln gezwungen.

Gleichzeitig greift die geheimnisvolle Welt der Zentralbanken zu radikalen Mitteln, um die Auswirkungen des Klimawandels einzudämmen. Die politischen Entscheidungsträger erkennen zunehmend, dass die Unternehmen, die sich der Klimapolitik widersetzen, letztlich den wirtschaftlichen Regeln unterworfen sind, die von den politischen Entscheidungsträgern selbst festgelegt wurden – unabhängig davon, ob sie von der Öffentlichkeit ein Mandat erhalten haben, ihre Macht voll auszuschöpfen oder nicht.

Zu diesen Persönlichkeiten gehört Mark Carney, ehemaliger Gouverneur der Bank of England und Leiter des globalen Financial Stability Board, wo er die Task Force on Climate-Related Financial Disclosures ins Leben gerufen hat, die die Bedingungen für grüne Finanzierungen festgelegt hat, die nun von vielen der weltweit führenden Banken und Vermögensverwalter akzeptiert werden. 2017 war Carney an der Gründung des Network for Greening the Financial System beteiligt, das sich zum Ziel gesetzt hat, das Gewicht der wichtigsten Finanzinstitute hinter die Ziele des Pariser Abkommens zu bringen. Letztes Jahr kündigte die Gruppe an, dass die teilnehmenden Banken sich verpflichten würden, 130 Billionen US-Dollar für grüne Investitionen aufzuwenden.

Klima-Sorgen: Auch „unilaterale Maßnahmen“ könnten drohen

Es ist jedoch nicht klar, ob die bestehende grüne Agenda den klimatischen Herausforderungen gerecht wird. Einige Kritiker sind der Meinung, dass die Banken zu defensiv agieren und sich hauptsächlich auf die Steuerung finanzieller Risiken und die Wahrung der Finanzstabilität konzentrieren. Diese politischen Entscheidungsträger – darunter auch Isabel Schnabel, ein deutsches Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank* – diskutieren nun darüber, in einen aktiveren Modus überzugehen und die Verwaltungsbefugnisse der Zentralbanken zu nutzen, um die rasche Dekarbonisierung der Weltwirtschaft zu beschleunigen. Sie würden das Volumen der sogenannten grünen Anleihen, die von der Zentralbank privilegiert werden, erhöhen und neue Regeln anwenden, um das Risiko von Investitionen in die Kohlenstoffwirtschaft zu vergrößern.

Auch außerhalb der normalen demokratischen Politik kommt es immer häufiger zu Überschneidungen zwischen Technologie und politischem Radikalismus. Der IPCC-Bericht von 2018 hat die Möglichkeit aufgeworfen, verschiedene technologische Lösungen zur Verlangsamung der Erderwärmung einzusetzen, die mit einer einfachen demokratischen Politik nicht zu erreichen sind. In dem Bericht findet sich eine verblüffende Aussage: „Es gibt stichhaltige Beweise, aber nur eine mittlere Zustimmung dafür, dass unilaterale Maßnahmen zu einem ernsthaften Problem bei der SRM-Steuerung werden könnten.“ SRM steht für „Modifikation der Sonneneinstrahlung“, die am häufigsten diskutierte Form des Geoengineering, bei der Aerosole in die Atmosphäre eingebracht werden, um den Planeten abzukühlen, so wie es bei großen Vulkanausbrüchen auf natürliche Weise geschieht. Der Schlüsselbegriff aus dem IPCC-Bericht ist jedoch „unilaterale Maßnahmen“. Er bezieht sich auf die Möglichkeit, dass jemand die Dinge einfach selbst in die Hand nehmen könnte. Klar ist, dass ein einzelner Milliardär ein solches Vorhaben finanzieren könnte, ohne dass andere politische Akteure viel dagegen unternehmen könnten.

Die Tatsache, dass in den Demokratien der Welt ein wachsendes Spektrum an Klimaradikalismus zu beobachten ist, und zwar sowohl von unten als auch von oben, bedeutet nicht, dass autoritäre Systeme die relevanten politischen und wirtschaftlichen Probleme im Zusammenhang mit der Abkehr von der Kohlenstoffwirtschaft besser lösen würden. Aber es ist ein Zeichen dafür, dass die Demokratie in ihrer jetzigen Form nicht unbedingt der Weg zur Lösung ist. Sie könnte stattdessen Teil des Problems sein.

Von Cameron Abadi

Cameron Abadi ist stellvertretender Chefredakteur bei Foreign Policy. Twitter: @CameronAbadi

Dieser Artikel war zuerst am 7. Januar 2022 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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