Parlamentspräsident tritt ab

Emotionaler Abschied von John Bercow: Den Tränen nahe - Boris Johnson überrascht bei Rede

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John Bercow verlässt Parlament.

Der britische Parlamentspräsident John Bercow macht Schluss. In seiner Abschiedsrede überraschte Premier Boris Johnson.

Update vom 31. Oktober 2019: John Bercow, der Präsident des britischen Unterhauses, macht Schluss und zieht sich zurück. Bei seinem letzten Auftritt am Donnerstag war der Charakterkopf in der britischen Politik den Tränen nahe. Bercow war fast zehn Jahre „Speaker of the House of Commons“.

Bekannt auch über Großbritanniens Grenzen hinaus hatte Bercow erlangt, da er sich im Brexit-Streit des Öfteren Auseinandersetzungen mit den Premiers Theresa May und Boris Johnson geliefert und deren Pläne immer wieder durchkreuzt hatte.

Doch der britische Premier zeigte sich am Mittwoch wenig nachtragend. Boris Johnson hielt eine der launigsten Abschiedsreden über Bercow. Darin erinnerte Johnson an die Tennis-Karriere des Sprechers, der auch auf dem heiligen Wimbledon-Rasen spielte. Bercow habe im Parlament gehandelt, wie „ein Tennisschiedsrichter auf seinem Hochstuhl“, zitiert die ARD Boris Johnson.

Johnson dankte Bercow dafür, dass er das Parlament modernisiert habe und sich stets vor die Abgeordneten gestellt habe.

Ein Nachfolger für Bercow soll bereits am Montag gewählt werden. Als Favorit gilt der Vize-Sprecher Lindsay Hoyle, doch auch der Labour-Abgeordneten Harriet Harman, die als dienstälteste Parlamentarierin im Unterhaus als „Mother of the House“ bezeichnet wird, werden Chancen eingeräumt. Weitere Bewerber sind die Konservative Eleanor Laing und der Labour-Politiker Chris Bryant. Bereits in der kommenden Woche soll das Parlament dann aufgelöst werden für die anstehende Neuwahl am 12. Dezember.

Video: London - Parlamentspräsident John Bercow tritt ab

John Bercow: Bonfire Society will „Speaker“ am Samstag in Brand setzten

Update vom 30. Oktober 2019: Seine markanten „Ordeeer“-Rufe werden fehlen, John Bercow macht Schluss. Am Donnerstag ist sein letzter Tag als Präsident des britischen Unterhauses. Nach über zehn Jahren hat er genug von seinem Job. Irgendwann sei mal Schluss. Er habe es seiner Familie - seiner Frau Sally und den drei Kindern - versprochen, sagte der „Speaker of the House of Commons“. Als er sich am Mittwoch bei einer seiner letzten Sitzungen für deren Unterstützung bedankte, konnte er die Tränen kaum zurückhalten.

Bercow gilt als Äußerst umstritten. Bei den Brexit-Befürwortern ist er äußerst unbeliebt. Er zog in den endlosen Brexit-Debatten des Unterhauses in den vergangenen Monaten mit seinen umstrittenen Entscheidungen zur Tagesordnung und seinen spitzen Zwischenbemerkungen immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich.

Die Bonfire Society in Edenbridge bescheinigte Bercow, der am Donnerstag als Parlamentspräsident abtritt, ein "umstrittenes Verhalten". Deswegen wird ein elf Meter hohes Bildnis des bisherigen britischen Parlamentspräsidenten am Samstag in England in Flammen aufgehen: Die Organisatoren der Bonfire-Gesellschaft im südenglischen Edenbridge gaben am Mittwoch bekannt, dass die Wahl für das Opfer der traditionellen "Bonfire Night" bei ihnen diesmal auf den 56-jährigen "Speaker" im Unterhaus gefallen sei. Das Bildnis Bercows, das am Samstag in Flammen aufgehen soll, trägt in seinen Händen die Köpfe Johnsons und des Labour-Oppositionsführers Jeremy Corbyn.

Eine überlebensgroße Figur des britischen Unterhaussprechers Bercow, welche die Köpfe von Premierminister Johnson und Oppositionsführer Corbyn hält, wird auf einer Wiese aufgebaut. Die Figur wird bei der jährlichen Lagerfeuerfeier verbannt.

Der "Bonfire"-Brauch geht auf den 5. November 1605 zurück, als ein Versuch katholischer Verschwörer um Guy Fawkes aufgedeckt wurde, den protestantischen König Jakob I. zu ermorden und das Parlament in die Luft zu sprengen. Im vergangenen Jahr fiel ein Bildnis Boris Johnsons dem Bonfire in Edenbridge zum Opfer, in früheren Jahren waren es US-Präsident Donald Trump oder der frühere irakische Machthaber Saddam Hussein.

John Bercow - Herr über die Brexit-Abstimmungen

Erstmeldung vom 9. September 2019:

London - „Ordeeeer“, „Ordeeeer!“ - schallt es bei Sitzungen des britischen Unterhauses durch den Saal. Selbst Kinder, die in den Nachrichten die markanten Ordnungsrufe von John Bercow aufschnappen, ahmen ihn nach. Der Parlamentspräsident hat sich in Großbritannien und anderen Ländern zur Kultfigur gemausert - und spielt im Brexit-Streit eine wichtige Rolle. Nun hat Bercow angekündigt, sein Amt bis spätestens am 31. Oktober aufzugeben, dem Tag, an dem Großbritannien die EU verlassen soll.

Kritiker werfen ihm vor, die Neutralität seines Amts zugunsten der Brexit-Gegner zu verletzen und forderten immer wieder seinen Rücktritt. Doch Bercow blieb stur. „Während meiner Zeit als Sprecher habe ich versucht, die relative Autorität dieses Parlaments zu erhöhen, wofür ich mich absolut bei niemandem, nirgendwo, zu keiner Zeit entschuldigen werde“, sagte John Bercow am Montag im Parlament.

Parlamentspräsident John Bercow kündigt Rücktritt an

Was war nun der Grund für seine Rücktrittsankündigung? Er habe seiner Familie bei der vergangenen Parlamentswahl versprochen, nicht noch einmal anzutreten, sagte der dreifache Vater. Und sein Versprechen halte er nun mal ein, so der sichtlich bewegte Bercow. Die Reaktion im Unterhaus: nicht enden wollender Beifall bei seinen Anhängern, während die Brexit-Hardliner mit verschränkten Armen sitzen blieben.

Bercow ist bereits der 157. „Speaker of the House of Commons“. Mehrere seiner Vorgänger überlebten den Posten nicht: Sie wurden geköpft. Heute ist es eher der exzentrische Bercow, vor dem die Abgeordneten zittern. Denn „Mr Speaker“, so wird er im Parlament angesprochen, ist quasi der Herr über die Debatten und Abstimmungen.

John Bercow will bei Neuwahlen nicht antreten

Auch die frühere Premierministerin Theresa May kam nicht an dem kleingewachsenen Bercow vorbei. Eine dritte Abstimmung über ihren bereits zwei Mal gescheiterten Brexit-Deal, ließ er erst nach einer substanzielle Änderung der Vorlage zu. Der Clou: Er berief sich dabei auf eine 415 Jahre alte Regel, die kaum noch jemand parat hatte. Die Regierung musste sich schließlich beugen.

Bercow selbst - das ist kein Geheimnis - hätte Großbritannien lieber weiter in der Europäischen Union gesehen. Kritik an seinem Verhalten im Unterhaus weist er aber zurück. „Ich habe meine privaten Überzeugungen, aber im Parlament bin ich unparteiisch“, sagte er einmal in einem Interview, das unter anderem in der „Welt“ erschien.

John Bercow: Der umstrittene Parlamentspräsident tritt zurück

Bercow ist ein Dickschädel, der die hohe Kunst der Rhetorik beherrscht. „Ich rede einfach zu gern und im Zweifel zu viel“, räumte der aus einfachen Verhältnissen stammende Politiker in dem Interview ein. „Meinen Sprachstil habe ich von meinem Vater geerbt, der recht gestelzt sprach.“

Schon als Kind las Bercow Zeitung, kandidierte für das Schülerparlament und protestierte gegen das Schulessen. Er habe keine Probleme, vor einer Menge zu sprechen. Dagegen gehöre Tanzen zu seinen Urängsten - und seine Furcht davor könne er „nur mit einer beträchtlichen Menge Alkohol“ überwinden.

Viel Beifall, aber auch Kritik bekam Bercow für die Ankündigung, US-Präsident Donald Trump bei einem Staatsbesuch nicht im Parlament zu empfangen. Indirekt warf er Trump Rassismus und Sexismus vor.

Parlamentspräsident John Bercow: Skandale in der Familie

Doch es gibt auch immer wieder massive Vorwürfe von Ex-Mitarbeitern und Kollegen gegen ihn. Sein Ex-Privatsekretär Angus Sinclair etwa behauptete, Bercow habe ihn vor anderen Mitarbeitern angeschrien. Mehrere Parlamentarierinnen soll er beleidigt haben.

Für Aufsehen sorgte auch sein Familienleben: Ehefrau Sally, die Bercow um einen Kopf überragt und eine Anhängerin der oppositionellen Labour-Partei ist, fiel mehrfach mit erotischen Fotos und frivolen Äußerungen auf. Ihr Einzug ins Big-Brother-Haus löste bei ihrem Mann keine Begeisterung aus - er reiste nach Indien.

Parlamentspräsident John Bercow tritt zurück

In den vergangenen Jahren entfremdete sich Bercow, ursprünglich ein Konservativer, von den regierenden Tories. Er sieht sich als Verteidiger des Parlaments gegen eine Regierung, die zunehmend autoritäre Züge trägt. Er nahm auch den Kampf gegen die britische Boulevardpresse auf, die EU-freundliche Abgeordnete als Meuterer anprangerte. Bercow rief den Abgeordneten im Unterhaus zu: „Bei der Abgabe Ihrer Stimme ... sind Sie als Mitglied des Parlaments niemals Meuterer, niemals Verräter, niemals Querulanten, niemals Volksfeinde.“

Lesen Sie auch: Mit seinen "Ordeeeer"-Rufen wurde John Bercow zur Kultfigur. Sichtlich gerührt trat der Parlamentspräsident nun ab - und verlässt seinen zentralen Platz im Brexit-Streit.

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