"Liebe fremde Frau, lieber fremder Mann!"

Gemeinde verfasst Benimmregeln für Flüchtlinge

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Diesen Brief veröffentlichte die Gemeine Hardheim auf ihrer Homepage.

Hardheim - Mit einem Benimm-Knigge für Flüchtlinge sorgt die fränkische Gemeinde Hardheim für Aufsehen. Zwar ist der Text anfangs noch freundlich, anschließend verfällt er jedoch in klischeehaftes Denken.

Die Gemeinde Hardheim im Odenwald dürfte in Deutschland bisher eher unbekannt gewesen sein. Einen offenen Brief mit Benimmregeln für Flüchtlinge später ist das allerdings anders. Der Versuch von Bürgermeister Volker Rohm (Freie Wähler) von den Flüchtlingen Integrationsbereitschaft einzufordern ist ziemlich nach hinten losgegangen und zeigt, wie schwierig es ist bei diesem Thema den richtigen Ton zu treffen.

1000 Flüchtlinge nimmt die beschauliche Gemeinde in einer ehemaligen US-Kaserne und einer weiteren Gemeinschaftsunterkunft bei 4600 Einwohnern aktuell auf. Eine stolze Zahl für einen so kleinen Ort wie Hardheim. Wie in ganz Deutschland stellt sich auch in Hardheim die Frage, wie ein harmonisches und friedliches Zusammenleben zwischen Einheimische und Flüchtlingen am besten funktioniert und die Integration gut gelingen soll. In Hardheim verfasste Bürgermeister Rohm daher einen Brief, der als "Hilfestellung und Leitfaden für Flüchtlinge" dienen soll.

"Liebe fremde Frau, lieber fremder Mann!", schreibt Rohm zu Beginn des Briefs, welcher von der Gemeindeverwaltung in verschiedenen Sprachen an die Flüchtlinge in Hardheim verteilt wurde. "Willkommen in Deutschland, willkommen in Hardheim. Viele von Ihnen haben Schreckliches durchgemacht. Krieg, Lebensgefahr, eine gefährliche Flucht durch die halbe Welt. Das ist nun vorbei. Sie sind jetzt in Deutschland." Ein freundlicher Einstieg, der mit der Bitte rasch die deutsche Sprache zu lernen fortfährt und zunächst nichts Schlimmes erwarten lässt. Im weiteren Verlauf verfällt der Brief allerdings mehr und mehr in ein klischeebeladenes Belehrungsschreiben an die vermeintlich unzivilisierten Flüchtlinge.

Ein paar Auszüge:

- "In Deutschland respektiert man das Eigentum der anderen. Man betritt kein Privatgrundstück, keine Gärten, Scheunen und andere Gebäude und erntet auch kein Obst und Gemüse, das einem nicht gehört."

- "Deutschland ist ein sauberes Land und das soll es auch bleiben! Den Müll oder Abfall entsorgt man in dafür vorgesehenen Mülltonnen oder Abfalleimer. Wenn man unterwegs ist, nimmt man seinen Müll mit zum nächsten Mülleimer und wirft ihn nicht einfach weg."

- "In Deutschland bezahlt man erst die Ware im Supermarkt, bevor man sie öffnet." 

- "In Deutschland wird Wasser zum Kochen, Waschen, Putzen verwendet. Auch wird es hier für die Toilettenspülungen benutzt. Es gibt bei uns öffentliche Toiletten, die für jeden zugänglich sind. Wenn man solche Toiletten benutzt, ist es hier zu Lande üblich, diese sauber zu hinterlassen."

- "Unsere Notdurft verrichten wir ausschließlich auf Toiletten, nicht in Gärten und Parks, auch nicht an Hecken und hinter Büschen."

- "Junge Mädchen fühlen sich durch Ansprache und Erbitte von Handy-Nr. und facebook- Kontakt belästigt und wollen auch niemanden heiraten."

Der Brief suggeriert nicht nur, dass Flüchtlinge stehlen, die Umwelt verdrecken und Mädchen anbaggern würden, sondern schürt gleichzeitig auch aktiv Vorurteile und Ressentiments gegenüber Flüchtlingen. Dass es auch anders geht, beweist der von Freiwilligen und auf mehreren Sprachen verfasste Refugeeguide, der in einem respektvollen Ton die Gewohnheiten und Gepflogenheiten in Deutschland erklärt und gleichzeitig auch nützliche Tipps zu Einkaufsmöglichkeiten, Notfallsituationen und Behördengängen gibt.

Anfragen mehrerer Online-Portale wie bild.de oder Spiegel Online blieben von Seiten des Hardheimer Bürgermeisters übrigens unbeantwortet. Auch die Homepage der Gemeine Hardheim samt Benimmregeln ist mittlerweile offline gegangen.

ep

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