„Wollen uns auslöschen“

Fußball-Legende wettert gegen türkische Regierung - und hat Seitenhieb für Özil und Gündogan parat 

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Wurde einst gefeiert: Hakan Sükür war als Fußball-Profi ein türkischer Nationalheld.

Hakan Sükür ist in der Türkei unerwünscht. Der Ex-Fußballstar erhebt Vorwürfe gegen Recep Tayyip Erdogan und hat einen „Tipp“ für Mesut Özil und Ilkay Gündogan.

  • Hakan Sükür ist 2015 aus der Türkei geflüchtet und lebt seither in den USA.
  • In einem Interview erhebt der Ex-Fußballstar Vorwürfe gegen die Regierung von Recep Tayyip Erdogan.
  • Für Mesut Özil und Ilkay Gündogan hat er einen Tipp.

Washington/München - Als aktiver Fußballprofi war Hakan Sükür der Stolz aller Türken. Seine 51 Länderspieltreffer sind noch heute unerreicht. Bei der WM 2002, die die Türkei mit einem triumphalen dritten Platz beendeten, führte er das Team als Kapitän an. Der Stürmer wurde als „Kral“ - also König - verehrt. Es war keineswegs übertrieben, ihn als Nationalhelden zu betiteln. Doch all das ist Vergangenheit. Denn unter dem allmächtigen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan geriet der mittlerweile 48-Jährige zur unerwünschten Person.

Deshalb floh er 2015 in die USA. „Sie wollen uns auslöschen“, klagte Sükür nun in einem Interview mit der Welt am Sonntag die türkische Regierung an. Mittlerweile lebt er mit seiner Familie in der US-Hauptstadt Washington. Sein Geld verdient Sükür als Uber-Fahrer sowie durch Verkäufe von Büchern. Zeitweise lebte er in den Staaten jedoch unter Polizeischutz.

Sükür erhebt Vorwürfe gegen Erdogan-Regierung: Zwei Jahre in der AKP waren lehrreich

Dabei war der auch als „Bulle vom Bosporus“ gefeierte Fußballer 2011 sogar in die AKP eingetreten. Lange hielt es ihn aber nicht in der Regierungspartei, nach den Korruptionsberichten 2013 trat Sükür wieder aus. Dennoch sieht er die zwei Jahre als lehrreich an: „Ich hätte nie verstanden, wie die Dinge in der Türkei laufen, wenn ich nicht ins Parlament gegangen wäre.“

Seit dem AKP-Abschied hätte ihm nicht nur Erdogan übel mitgespielt. Auch anderen nicht namentlich genannten Politikern macht Sükür schwere Vorwürfe. Ein Verbleib in der Türkei sei da nicht möglich gewesen: „Die Boutique meiner Frau wurde mit Steinen beworfen, auf der Straße wurden meine Kinder belästigt. Nach jeder Äußerung, die ich gemacht habe, erhielt ich Drohungen.“

Sükürs Krebskranker Vater befindet sich unter Hausarrest

Nachdem er sich dem Zugriff der türkischen Spitze entzogen hatte, ging es anderen Nahestehenden an den Kragen. Sein Vater sei eingesperrt und nur freigelassen worden, weil er an Krebs erkrankt und seine Halsschlagader verengt gewesen sei. Aktuell stehe Sükür Senior unter Hausarrest. Auch seine Mutter leide an Krebs.

Immer wieder wird Sükür eine Nähe zu Erdogans ebenfalls in den USA lebendem politischen Widersacher Fethullah Gülen nachgesagt. Doch im Interview mit der Welt am Sonntag betonte er: „Meine Familie ist sozialdemokratisch. Sie unterstützt eine andere Partei.“

Starker Mann in der Türkei: Recep Tayyip Erdogan hat das Land nach seinem Ansinnen umgekrempelt.

Schüler wegen gemeinsamem Foto mit Sükür in Haft

Auch ein türkischer Schüler erlebte Sükür zufolge am eigenen Leib, was zu viel Nähe zum einstigen Nationalhelden bedeutet. So sei der Jugendliche in der Heimat für 14 Monate hinter Gittern gelandet, weil auf dessen Handy ein gemeinsames Foto mit dem Ex-Fußballstar gespeichert gewesen sei.

Offenbar nur eines von vielen krassen Beispielen. „Jeder, der mit mir zu tun hat, hat finanzielle Schwierigkeiten“, stellte Sükür fest. Er selbst verfüge über „nichts mehr, nirgendwo auf der Welt“. Sein Vorwurf in Richtung des Staatschefs: „Erdogan nahm mir alles. Mein Recht auf Freiheit, das Recht, mich zu erklären, mich zu äußern, das Recht auf Arbeit.“ Und eben auch die Möglichkeit auf Einnahmen in der Türkei: „Ich kann nicht einmal meine Wohnungen vermieten, potenzielle Mieter werden bedroht. Damit ich ganz unten lande, nichts mehr verdienen kann.“

Sükür erhebt Vorwürfe gegen Erdogan-Regierung: „Bin ein Feind der falschen Politik“

Mit dem Land, in dem einst Millionen seinen Namen riefen und ihm zujubelten, will er aber keineswegs brechen: „Ich liebe unsere Fahne, unser Land. Ich bin ein Feind der falschen Politik und einer Geisteshaltung, die eine Loslösung vom Westen bezweckt. Und von Politikern, die sich in die Enge getrieben fühlen, weil sie viel verbrochen haben und all jene fürchten, die sie an ihre Verbrechen erinnern.“

Dabei würden seinen Erfahrungen nach sogar türkische Regierungsmitglieder ihr Geld in die USA transferieren. Der Grund: „Sie denken, dass die Türkei kein sicheres Land mehr ist und es irgendwann auch sie treffen kann.“ Insgeheim treffe er sich in seiner neuen Wahlheimat mit „sehr berühmte(n) Leute(n) aus der Türkei“, wenn diese dort urlauben würden.

Sükür hat Verständnis für Unterstützer in Deutschland

Dass es auch in Deutschland viele türkischstämmige Erdogan-Unterstützer gibt, verübelt er den Landsleuten nicht einmal: „Sie schauen ja türkisches Fernsehen, sind dadurch beeinflusst.“ In der Bundesrepublik lebt auch ein erklärter Gegner des AKP-Chefs - der Boxer Ünsal Arik. „Ab und zu“ telefoniere er mit dem 39-Jährigen, so Sükür: „Wir vertreten beide das Land, das verbindet.“

Nähe zur Türkei demonstrierten auch die beiden deutschen Fußballer Mesut Özil und Ilkay Gündogan, die sich kurz vor der WM 2018 im türkischen Wahlkampf mit Erdogan fotografieren ließen. Sükür empfiehlt den beiden gebürtigen Gelsenkirchenern „auch in die AKP einzutreten. Dann werden sie erkennen, was diese Partei wirklich ist. Einfach nur hingehen und ein Foto schießen dadurch erkennen sie nichts.“

Sükür glaubt auch mit Erdogan könne die Türkei wieder auf den richtigen Pfad kommen

Um die Türkei wieder auf den richtigen Pfad zu lenken, benötige es jedoch auch helfende Hände aus anderen Nationen: „Alle müssen zusammen den Kampf um Demokratie und Freiheit führen, den Kampf um Rechtsstaatlichkeit; Europa und die Welt müssen das unterstützen. Auf eine faire Art und Weise.“ Dabei will Sükür nicht ausschließen, dass die Neuausrichtung auch unter Erdogan funktionieren könne.

Vom mächtigen Staatschef wünscht er sich eine Rückkehr „zu Demokratie, Gerechtigkeit und Menschenrechten“ und ein Interesse an den Problemen der Menschen. Vor allem aber dies: „Werde zu dem Präsidenten, den die Türkei braucht.“

Erdogan plant derweil türkische Schulen in Deutschland - die Verhandlungen darüber laufen bereits. Im Libyen-Konflikt mahnt der türkische Staatschef ebenso wie Wladimir Putin zu einer Waffenruhe. Kurz vor Weihnachten hatte Erdogan Europa vor einem neuen Flüchtlingsandrang gewarnt und dabei ein Land besonders hervorgehoben.

mg

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