Finanzmetropole im Griff von Omikron

Corona-Chaos in Hongkong: Gefahr für Chinas Null-Covid-Politik? 2G nun sogar für Supermärkte

Omikron wütet in Hongkong. Jeden Tag meldet die Stadt Tausende neuer Fälle, das Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps. Nun schickt Peking eine Corona-Taskforce.

Hongkong/München – Corona wütet in Hongkong* wie noch nie in der Corona-Pandemie. Am Montag meldete die Stadt mit gut 7500 neuen Fällen der hochansteckenden Omikron-Variante einen Rekortstand, bei knapp 7,5 Millionen Einwohnern. Am Dienstag waren es mit 6200 etwas weniger. Die Krankenhäuser sind seit Tagen voll ausgelastet oder sogar überlastet. Manche mussten Behelfsräume einrichten. Mindestens zwei Kliniken behandelten vergangene Woche Patienten sogar im Freien. Bilder zeigten Patienten in schmalen Transportbetten auf einem überdachten Vorplatz, zugedeckt mit metallischen Decken gegen Wind und Kälte – denn auch im subtropischen Hongkong liegen die Temperaturen in dieser Jahreszeit nachts oft unter zehn Grad. Die Behörden kommen bei Tests und der Nachverfolgung von Infektionsfällen nicht mehr hinterher.

Regierungschefin Carrie Lam kündigte am Dienstag für März dreimalige Massentests aller Hongkonger Bürger an. Dazu hatte die Stadt bislang gar keine Kapazitäten. Doch nun sollen die Schulkinder von Anfang März bis mindestens Mitte April in vorgezogene Sommerferien geschickt werden, wie Lam sagte. Auch will sie kostenlos Schnelltests und Masken verteilen. Tausende Infizierte warten derzeit auch darauf, in eigens errichtete Isolationszentren auf den Inseln oder ländlichen Gebieten gebracht zu werden. Laut Lam haben die Behörden in den letzten Tagen 20.000 neue Isolationseinheiten identifiziert, die demnächst genutzt werden können, darunter Hotels und Sozialwohnungen. Ab Donnerstag gelten in der Stadt zudem Regeln ähnlich dem, was in Deutschland als 2G bekannt ist: Zutritt zu Restaurants, Einkaufszentren, Regierungsgebäuden, den in Hongkong meist engen Gemüsemärkten und sogar zu Supermärkten gibt es dann nur noch unter Vorlage eines neu eingeführten Impfpasses. Diese 2G-Regel soll später auch auf Schulen, Krankenhäuser und Pflegeheime ausgeweitet werden.

Eine Stadt in Angst vor Omikron: Hongkonger Taxifahrer mit Schutzanzug und Gasmaske. Rund 300 Taxis mussten Patienten zwischen speziellen Covid-Stationen hin und her transportieren.

Hongkong: Angst vor dem Systemzusammenbruch

Die Maßnahmen zeigen die Angst der Stadt vor einem Systemzusammenbruch. Dabei hatte Hongkong die Pandemie bis vor kurzem eigentlich ganz gut im Griff. Doch nun entgleitet der Stadt die Kontrolle. Positive Fälle gibt es praktisch überall: in Schulen, Behörden, Krankenhäusern, bei Sicherheitskräften oder in der Logistik. Da sich alle positiv Getesteten isolieren müssen, besteht überall jederzeit die Gefahr eines Zusammenbruchs aus Mangel an Personal. Nachdem vergangene Woche vier Lastwagenfahrer an Grenzkontrollpunkten zu China positiv getestet worden waren, warnte die Stadt sogleich vor Lieferausfällen für Lebensmittel wie frisches Gemüse. Große Teile seiner Nahrung bezieht Hongkong aus Festlandchina.

Hongkong setzt wie Festlandchina bis heute auf eine Null-Covid-Politik. Zentral ist dafür hier wie dort eine rigorose Abschottung der Außengrenzen – einschließlich der Grenze zwischen beiden in der Millionenmetropole Shenzhen. Die Grenze zwischen Hongkong und China ist seit Ausbruch der Pandemie 2020 geschlossen. Wer auf dem Hongkonger Flughafen landet – an dem es nur Auslandsflüge gibt – muss für 14 Tage in eine kostspielige Hotel-Quarantäne. Damit verhinderte Hongkong bislang ein Überschwappen der Pandemie aus Europa oder Amerika. Der Preis: Die eigentlich international ausgerichtete Finanzmetropole versank wie ganz China* in der Isolation.

Daher hatte Hongkong in der Stadt selbst bisher relativ lockere Regeln. Man reagierte allerdings stets scharf auf Ausbruchsherde mit lokalen Lockdowns. Auf dem Höhepunkt der vier vorangegangenen Coronavirus-Wellen gab es in der Stadt nie mehr als 150 neue Infektionen pro Tag. Das System funktionierte.

Hongkong: Suche nach der Ursache des Corona-Chaos

Doch Ende Dezember genügte eine einzige Stewardess, um den Omikron-Tsunami in Gang zu setzen. Eine Flugbegleiterin der Hongkonger Airline Cathay Pacific hatte sich nach ihrer Rückkehr nicht an die Isolations-Vorschriften gehalten. Sie infizierte sich im Quarantäne-Hotel und steckte später weitere Menschen an. Hunderte von Bewohnern ihrer Wohnanlage Kwai Chung Estate mit mehreren riesigen Wohntürmen wurden in der Folge infiziert. Trotz beispielloser Abriegelungen von drei Wohnblöcken der Anlage für mehrere Tage tauchten dort immer mehr nicht nachvollziehbare Fälle auf. Seit einigen Tagen gibt es in Hongkong täglich mehrere tausend neue Fälle. Ein Ende ist nicht abzusehen.

Zwar hatte die Regierung sich im Dezember auf eine neue Welle vorbereitet. Doch die Fallzahlen stiegen weit schneller als erwartet. Hongkong sucht seitdem nach den Ursachen. Warum gelingt es Peking bisher, Omikron einzudämmen und Hongkong nicht? In China landen alle Gesundheitsdaten aus der lokalen Corona-App sofort bei den Behörden, die damit viele Infektionsketten lückenlos nachvollziehen können. Das erlaubt in Hongkong der Datenschutz nicht. Der Pandemieberater der Hongkonger Regierung, Professor David Hui, nannte nach lokalen Medienberichten zudem die niedrige Impfrate der Stadt insbesondere bei älteren Menschen als Problem.

In der Hongkonger Innenstadt ist zudem die Bevölkerungsdichte enorm hoch. Noch immer leben in Hongkong viele Menschen in älteren Wohnquartieren mit kleinen Fenstern und auf engstem Raum. Manche teilen sich selbst kleinste Apartments mit mehreren Haushalten; einige wenige leben sogar noch in berüchtigten Käfigwohnungen nebeneinander und übereinander in einem einzelnen Raum. Sze Lai-shan, stellvertretende Direktorin der NGO Society for Community Organisation, berichtete über Hilferufe von etwa 300 Menschen. Darunter seien infizierte Bewohner solcher aufgeteilten Wohnungen oder Käfige. Sie müssten sich Wohnräume und Toiletten teilen, sagte Sze der South China Morning Post.. Es gebe keinen Raum für Selbstquarantäne. „Die Infektion eines Mitglieds kann leicht dazu führen, dass der gesamte Haushalt infiziert wird.“

Omikron-Welle in Hongkong gefährdet Null-Covid in ganz China

Das Chaos in Hongkong gefährdet nun auch die Null Covid-Politik Chinas, an der die Regierung eisern festhält. Bei den Olympischen Winterspielen* in Peking herrschte ein strenges Regiment. Alle der fast 3.000 Athleten und mehr als 60.000 Betreuer, Freiwilligen und Journalisten mussten in den Olympia-Blasen an den Sportstätten bleiben, überall Maske tragen und sich täglichen PCR-Tests unterziehen. Das killte zwar jede ausgelassene Stimmung bei den Spielen. Doch dafür gab es in den Blasen nur 435 positive Testergebnisse, und die vor allem kurz nach der Einreise der Athleten. Vier Tage vor dem Ende der Spiele gab es keinen einzigen neuen Fall mehr. Schon vor Olympia griff Peking bei jedem Omikron-Fall rigoros durch.

Schon vor den Spielen unterdrückte die Regierung der Hafenstadt Tianjin bei Peking einen kleineren Ausbruch mit rigoroser Abriegelung einzelner Stadtviertel und Massentests* für sämtliche Bürger. Auch andere Corona-Herde in der zentralchinesischen Provinz wurden erstickt. Olympia hat dadurch bisher nicht zu dem befürchteten großen Omikron-Ausbruch im Norden Chinas geführt. Am Montag meldeten Chinas Gesundheitsbehörden nur 144 neue Coronavirus-Fälle, davon je etwa die Hälfte durch lokale Verbreitung und durch Einreisende. Die Hauptstadt Peking meldete neun solcher importierten Fälle – alle mit Ursprung in Hongkong.

Hongkong im Omikron-Stress: China greift ein

Vergangene Woche wies Präsident Xi Jinping* die Hongkonger Regierung an, die „Hauptverantwortung“ für die Omikron-Bekämpfung zu übernehmen.Doch so ganz vertraut Peking offenbar nicht auf die Fähigkeit Hongkongs, die Sache allein in den Griff zu bekommen. Diese Woche entsandte Peking auch eine ranghohe Corona-Taskforce nach Hongkong. Wang Hesheng, Direktor der während der Pandemie gegründeten National Administration of Disease Prevention and Control reiste nach Shenzhen*, um von der Grenzstadt aus die Arbeit der Taskforce zu steuern. Wang hatte Anfang 2020 im Auftrag Pekings die Pandemie in Wuhan nach anfänglich chaotischen Zuständen unter Kontrolle gebracht. Er stimmte sich sogleich mit dem obersten Beamten der Zentralregierung für Hongkong Xia Baolong ab.

Es ist fast so, als bilde sich eine Art Parallelverwaltung für das Gesundheitswesen. Die angekündigten Massentests tragen jedenfalls die Pekinger Handschrift. in China testeten betroffene Städte wie Xi‘an* oder Tianjin schon 2021 stets mehrfach die gesamte Millionenbevölkerung. Was Carrie Lam aber auch am Dienstag nicht ankündigte: Den zum chinesischen Zero-Covid-Arsenal gehörenden Komplett-Lockdown einer ganzen Stadt.

Mitglieder einer Anti-Corona-Taskforce aus China warten vor der Ausreise nach Hongkong am Grenzübergang einer Brücke von Shenzhen in die Sonderverwaltungszone.

Hongkong vor Ende der Null-Covid-Strategie?

Doch wie geht es weiter? Null-Covid scheint in Hongkong angesichts der hohen Fallzahlen gescheitert. Dort gibt es anders als in China immer wieder Kritik an harten Maßnahmen. Und so mehren sich aktuell Stimmen, die einen Kurswechsel fordern. Statt auf eine Öffnung zum chinesischen Festland zu setzen, solle lieber eine Öffnung zum Rest der Welt angestrebt werden  – unter anderem durch ein Ende der Quarantäne für alle Einreisenden. Immerhin ist Omikron auch in Hongkong bisher weniger tödlich als die Delta-Variante. Am Montag meldeten die Behörden dort 16 Todesfälle.

Das Problem: Hongkong kann nur eins von beiden. Die Grenzöffnung zum Ausland schließt eine Öffnung nach China aus und umgekehrt. Doch von Lockerungen will Peking nichts wissen. Chinas Staatsmedien mahnten Hongkong zuletzt wiederholt, nicht von der Null-Covid-Politik abzuweichen. Und China lässt seine Macht über Hongkong immer deutlicher spielen. (ck) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Ben Marans/Imago/Zuma Wire

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