Unterstützung von außen?

„Was die Taliban als Scharia ausrufen, wissen wir nicht“ - Experte hat überraschende Prognose für Afghanistan

Die neuen Herrscher: Taliban-Kämpfer posieren mit Waffen im Präsidentenpalast in Kabul. Das Foto entstand am Sonntag nach dem Einmarsch
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Die neuen Herrscher: Taliban-Kämpfer posieren mit Waffen im Präsidentenpalast in Kabul. Das Foto entstand am Sonntag nach dem Einmarsch.

Die Lage in Afghanistan ist angespannt. Ein Experte nimmt im Interview Stellung zu den Versprechen der Islamisten, erklärt ihre Strukturen – und die Rolle Pakistans.

München – Die Taliban zeigen sich demonstrativ versöhnlich: „Der Krieg ist zu Ende“, und „jeder“ sei begnadigt, heißt es. Frauen sollen weiter arbeiten dürfen. Doch die Angst der Afghanen bleibt: Erwartet sie eine Schreckensherrschaft wie zwischen 1996 und 2001? Oder kann man den Versprechen trauen? Ein Gespräch mit Konfliktforscher und Afghanistan-Experte Professor Conrad Schetter.

Die Taliban versprechen Frieden in einer soliden Regierung. Da sind Zweifel angebracht, oder?
Professor Conrad Schetter: Die Taliban haben in den letzten 20 Jahren sehr viel in Sachen Medienpropaganda dazugelernt. Sie wissen mittlerweile, wie man sich international verkaufen muss – ganz anders als die Taliban der 90er-Jahre. Das macht einen großen Unterschied: Dass die Taliban zum Beispiel einen Pressesprecher haben, der sich stark auf die Begrifflichkeiten des Westens einlässt. Es wird von einer inklusiven Regierung gesprochen, gewaltfrei, in der auch Frauen Rechte haben, jedenfalls im Rahmen der Scharia. Das klingt erst mal alles gut. Meine Befürchtung ist aber eher, ob die Taliban überhaupt regierungsfähig sind.

Taliban in Afghanistan an der Macht: Die Frage nach der Regierungskompetenz

Sie zweifeln also weniger an den guten Absichten der Taliban als an ihrer Regierungskompetenz?
Schetter: Ich tendiere dazu. Immerhin haben sich die Taliban auch an die Friedensverhandlungen von Doha gehalten. Es gab keine Angriffe auf amerikanische Soldaten oder Koalitionstruppen. Auch in den letzten Wochen haben die Taliban das Abkommen nicht gebrochen, es gab keine Gewaltexzesse. Das spricht dafür, dass die Taliban eine ruhige Strategie verfolgen, ihre Versprechen umsetzen wollen. Es bleibt aber die Frage, wie gut der Zusammenhalt innerhalb der Taliban ist und wie diszipliniert sich die Mitglieder bis auf die lokale Ebene verhalten.
Dass sie keine Truppen angreifen, lässt sich leicht überprüfen. Jetzt fehlen Informationen darüber, was in Afghanistan passiert, denn auch die Journalisten fürchten um ihr Leben. Wie soll man kontrollieren, ob die Taliban ihre Versprechen halten?
Schetter: Es stimmt, dass wir nur wenig Informationen über die Orte haben, in denen die Taliban schon länger herrschen. In den letzten Tagen und Wochen hat man aber doch mitbekommen, dass die Taliban (das sind die Anführer der radikal-islamischen Miliz) auch in den ländlichen Regionen eine ähnliche Strategie wie in Kabul verfolgen. Es wird kommuniziert: Arbeitet weiter, geht eurem Alltag nach, wir wollen keine große Veränderung. Eine Politik, die sich von einer Schreckensherrschaft distanziert.
Prof. Conrad Schetter bei einer Veranstaltung im Juni 2021 in Berlin.

Afghanistan und die Wandlung der Taliban - „Diszipliniertheit gerade erstaunlich“

Diese Politik erfordert sicher eine strenge Hierarchie. Hat man die eigenen Mitglieder so stark unter Kontrolle oder entscheidet jeder selbst, was islamisches Recht ist?
Schetter: Da sind sich die Forscher noch uneinig. Man kann aber auf jeden Fall sagen, dass es eine starke Taliban-Führung gibt, die immer wieder in der Lage ist, bis in die lokale Ebene Macht auszuüben. Man darf natürlich auch nicht vergessen, dass sich in der Vergangenheit immer wieder Kommandeure von den Taliban losgesagt haben. Ich denke aber: Die Diszipliniertheit der Taliban ist gerade erstaunlich. Vor allem im Vergleich zu anderen Terrororganisationen. Was die Scharia angeht: Das ist ein Kodex, der sehr schwammig gehalten wird. Das machen die Taliban bewusst. Die Scharia verschwimmt mit Stammesvorstellungen oder dem Alltags-Islam. Heißt: Was die Taliban letztlich als Scharia für Afghanistan ausrufen, wissen wir noch nicht.
Also ist es denkbar, dass Frauen in der Regierung arbeiten dürfen, Mädchen zur Schule gehen und eine Amnestie gewährt wird?
Schetter: Man merkt deutlich, dass die Taliban einen Prozess durchlaufen haben, in dem sie gemerkt haben: Das, was in den 90er-Jahren passiert ist, geht nicht noch einmal. Es ist ihnen wichtig, internationale Anerkennung und Vertrauen in der Bevölkerung zu gewinnen. Dafür müssen sie sich an Regeln halten. Auf der anderen Seite muss auch klar sein: Wir werden unter den Taliban keine Gleichberechtigung von Mann und Frau sehen, Minderheiten werden höchstwahrscheinlich systematisch unterdrückt und ausgegrenzt. Die Taliban werden also symbolisch handeln, nach außen repräsentieren, dass Frauen einbezogen werden. Aber auf der lokalen Ebene werden Frauen weiterhin stark unterdrückt. Das ist nicht mal allein den Taliban anzulasten, sondern ist in den ländlichen Regionen Afghanistans leider ohnehin Normalität.

Taliban und ihre „softe“ Seite: Chancen auf stabile Regierung in Afghanistan?

Sie klingen aber eher optimistisch: Glauben Sie, die Taliban meinen es mit ihren Versprechen ernst?
Schetter: Es ist komplex: Es geht eigentlich nicht darum, ob die Taliban jetzt softer geworden sind. Zentrale Fragen sind eher: Wenn sich die Taliban jetzt konsequent von ihrer soften Seite zeigen – könnten dann radikalere Gruppen abspringen? Und könnten es die Taliban – auch ohne Regierungserfahrung – schaffen, eine stabile Regierung auf den Weg zu bringen? Oder aber sind die Taliban in den nächsten Monaten und Jahren genauso korrupt wie die Vorgängerregierungen? Es geht also eigentlich darum: Könnten es die Taliban wirklich besser machen?
Wohin tendieren Sie? Sehen Sie keine erneute Schreckensherrschaft?
Schetter: Die Taliban haben in kürzester Zeit ein ganzes Land unter Kontrolle gebracht, und das mit einem geringen Maß an Blutvergießen. Wir werden Afghanistan sicher nicht als eine Demokratie mit Menschenrechten erleben. Aber ich forsche jetzt seit 25 Jahren zu Afghanistan – für mich ist es schon ein Teilerfolg, dass man die Waffen größtenteils zum Schweigen gebracht hat. Darauf, hoffe ich, kann aufgebaut werden.

Afghanistan: Taliban-Machtübernahme mit strategisch „ausgefeiltem Plan“

Die letzten Tage schienen bis ins Detail durchgetaktet. Kontrollierte Grenzen, Passkontrollen am Flughafen. Hat man die Taliban unterschätzt?
Schetter: Absolut. Das war ein ausgefeilter Plan. Man ist erst in die Distrikte gegangen, zu denen man gute Kontakte hat, war immer an verschiedenen Fronten unterwegs. Und man hat mit einer einheitlichen Strategie alle Distriktstädte nahezu ohne Waffengewalt eingenommen. Da war ein militärisches, strategisches Vorgehen nötig. Dabei kommen die Taliban aus ungebildeten Kreisen. Das können sie ohne externe Unterstützung gar nicht geschafft haben. Meine Vermutung: Dahinter steckt der pakistanische Geheimdienst. Pakistan hatte immer gute Beziehungen zu den Taliban.
Wie sollte die internationale Politik jetzt reagieren? Kooperieren – oder sendet das ein falsches Signal an andere Radikalislamisten?
Schetter: Ich glaube, wir sind weit entfernt davon, dass die Taliban international anerkannt werden. Aber es war für die Evakuierungen wichtig, mit ihnen zu reden. Ich halte es auch für richtig, dass man sich weitere Gespräche offen hält. Und die Lage währenddessen aus kritischer Distanz beobachtet.

Benjamin und Lisa Taubmann arbeiten für eine Hilfsorganisation in Afghanistan. Sie waren in der Hauptstadt Kabul, als die Taliban diese eroberten.

Interview: Kathrin Braun

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