Zeremonie

Afghanistan-Abzug: Streit um Ritual für Bundeswehrsoldaten

Bundeswehr beendet Einsatz
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Brigadegeneral Ansgar Meyer (l), der letzte Befehlshaber der Bundeswehr in Afghanistan, rollt vor dem Transportflugzeug vom Typ Airbus A400M der Luftwaffe die Truppenfahne ein.

Großen Zapfenstreich, oder eine stille Rückkehr? Nach dem Ende des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr sucht Deutschland noch nach der richtigen Würdigung der Soldaten.

Berlin - Nach dem Ende des Afghanistan-Einsatzes mehren sich Stimmen, die eine würdigende Abschlussveranstaltung vor dem Reichstagsgebäude in Berlin fordern.

Das Verteidigungsministerium bereitet nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur einen Großen Zapfenstreich als höchstes militärisches Zeremoniell der deutschen Streitkräfte für den 31. August vor - allerdings zunächst im „Bendlerblock“, also im Ministerium.

Zeremonie vor dem Bundestag gefordert

Nach Rufen aus Union und FDP für eine große Zeremonie vor dem Bundestag äußerte am Wochenende auch die verteidigungspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Siemtje Möller, Sympathie dafür. „Ich finde die Idee gut, das vor dem Reichstagsgebäude zu machen, weil wir eine Parlamentsarmee haben“, sagte sie dem RND. „Außerdem hat der Einsatz sowohl die Bundeswehr als auch den Bundestag im Umgang mit den Einsätzen verändert.“

Der letzte Kommandeur des Afghanistan-Einsatzes, Brigadegeneral Ansgar Meyer, verteidigte unterdessen die stille Rückkehr der Soldaten ohne Beteiligung der Bundesregierung auf dem Fliegerhorst Wunstorf am 30. Juni. Meyer begründete dies mit der Gefahr von Taliban-Angriffen beim Abflug. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) war kritisiert worden, weil sie und andere Bundespolitiker nicht zur Landung gekommen waren.

Sicherheitsgründe für stillen Abzug

„Ich hatte von vornherein darum gebeten, aus Sicherheitsgründen darauf zu verzichten, frühzeitig einen Termin für die Landung der letzten Kräfte bekanntzugeben. Ganz einfach weil wir Hinweise hatten, dass die Taliban die Gelegenheit nutzen könnten, nochmal ein letztes Signal zu setzen“, sagte Meyer der Deutschen Presse-Agentur. Der Befehlshaber des Einsatzführungskommandos, Generalleutnant Erich Pfeffer, habe nach vorheriger Beratung entschieden, einen kleinen Appell ohne Gäste und weitere Vorgesetzte abzuhalten - als formales Ende des Einsatzes.

Es wäre zudem „ungerecht“ gewesen, nur den letzten 264 Soldaten des fast zwei Jahrzehnte dauernden Einsatzes zu danken, sagte Meyer, der am 1. September Kommandeur des Kommandos Spezialkräfte (KSK) wird. „Denn keine 24 Stunden vorher sind zum Beispiel ganz wesentliche Unterstützungskräfte ausgeflogen worden, die die Rückverlegung ganz wesentlich mitgestaltet haben“, betonte Meyer. „Es war von vornherein klar, dass es einen großen, formalen, zentralen Appell in Berlin geben sollte.“

Großer Zapfenstreich

Der Große Zapfenstreich folgt einer festgelegten Abfolge musikalischer Elemente und militärischer Zeremonie mit Fackelträgern. „Rituale gibt es seit langem, eigentlich seit es Militär gibt. Sie dienen dem Zusammenhalt der Truppe. Aber mit Blick auf Afghanistan dienen sie der Erinnerung“, sagte Meyer. „Auch weil wir erstmalig einen so hohen Preis zahlen mussten, mit den Toten und mit den Verwundeten. Und da beziehe ich explizit nicht nur die an Leib verwundeten, sondern auch die an Seele versehrten Soldatinnen und Soldaten mit ein.“ Bei dem Einsatz verloren 59 deutsche Soldaten ihr Leben, davon 35 bei Gefechten oder Anschlägen.

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hatte in der vergangenen Woche zur Vorstellung des Buches „Deutsche Krieger“ erklärt, viele Menschen in Deutschland machten sich falsche oder unvollständige Vorstellungen oder seien desinteressiert. „Hier scheint es in unserer postheroischen Gesellschaft einen blinden Fleck zu geben: Wir neigen dazu, uns Bundeswehrsoldaten als „Streetworker in Uniform“ vorzustellen. Dass Kämpfen und notfalls auch Töten zu den Signaturen des Soldatseins zählt, blenden viele Deutsche gerne aus“, so Schäuble. „Wir konnten das auch lange verdrängen, weil wir das große Glück haben, seit mehr als sieben Jahrzehnten in Frieden zu leben. Im Schutz des westlichen Bündnisses, namentlich der USA. Erst die Erfahrung kriegerischer Gewalt in den Auslandseinsätzen - und die ersten Verwundeten und Gefallenen - brachten diese Grundkonstante des Soldatenberufs zurück in die öffentliche Wahrnehmung.“

FDP fordert Aufklärung über Umstände des Abflugs

Die FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann forderte unterdessen Aufklärung über die Umstände des Abflugs aus Afghanistan, nachdem Informationen kursierten, Soldaten hätten teilweise ihre Waffen abgeben müssen. Das Einsatzführungskommando in Potsdam erklärte dazu, die Soldaten des letzten Fluges seien wegen der Sicherheitslage alle bewaffnet gewesen. Bei einer Zwischenlandung in der georgischen Hauptstadt Tiflis habe es dann einen „Hub“ gegeben, um Waffen abzugeben und Munition aus Afghanistan zu zählen und wieder einzubuchen. dpa

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