Bombenanschlag vor 30 Jahren

Der Mord an Alfred Herrhausen: Als der RAF-Terror nach Bad Homburg kam

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Dieses Bild geht um die Welt: Nach dem Attentat auf Alfred Herrhausen steht dessen gesprengter Mercedes auf der Straße in Bad Homburg. Polizisten untersuchen das Wrack. 

Vor 30 Jahren stirbt der Bankier Alfred Herrhausen in Bad Homburg bei einem Bomben-Attentat der RAF. Der Tag erschüttert das ganze Land.

Bad Homburg - Es verspricht, ein sonniger Tag in Bad Homburg zu werden. Es ist der 30. November 1989, drei Wochen nach dem Fall der Mauer. Alfred Herrhausen verlässt gegen 8.30 Uhr seine Villa im Ellerhöhweg, um zur Arbeit nach Frankfurt zu fahren. Er steigt in seinen gepanzerten Dienst-Mercedes. Als Chef der Deutschen Bank gilt der 59 Jahre alte Herrhausen als besonders gefährdet.

Vier Leibwächter begleiten ihn. Zwei fahren in einer ebenfalls gepanzerten Limousine voraus, die anderen beiden folgen in einem weiteren Wagen. Für diesen Tag wählen die Personenschützer die Strecke aus,die über den Seedammweg führt. Dort, nur ein paar Hundert Meter von Herrhausens Villa entfernt, zerfetzt eine Bombe die Limousine des Managers. Herrhausen ist sofort tot.

Der Knall der Detonation ist weit über Bad Homburg hinaus zu vernehmen, und jeder, der ihn hört, ahnt, dass etwas Schreckliches passiert ist. Der Donnerschlag schreckt auch Herrhausens Frau Traudl auf. Sie versucht, ihren Mann auf dem Handy zu erreichen, bekommt aber nur die Ansage, dass der Teilnehmer nicht zu erreichen sei. Sie setzt sich ins Auto, fährt zur Unglücksstelle und sieht den völlig demolierten Wagen ihres Mannes, der quer auf der Fahrbahn steht. Sie will hin, aber Einsatzkräfte halten sie zurück.

Bad Homburg: Alfred Herrhausens Fahrer überlebt Bomben-Attentat der RAF knapp

Herrhausens Fahrer Jakob Nix lebt, aber er ist verletzt. Metallsplitter haben ihn im Gesicht getroffen. Er blutet im Gesicht, als ihn Passanten aus dem Fahrzeug-Wrack ziehen. Die Polizei sperrt den Tatort ab. Die Ermittler haben zuerst Sorge, dass sich im Gebüsch eine weitere Bombe befinden könnte, aber dem ist nicht so. Bald treffen Fahnder des Bundeskriminalamtes ein. Bei allen sitzt der Schock tief. Von den Tätern fehlt jede Spur. Lediglich das leere Fluchtfahrzeug, ein weißer Lancia mit gestohlenen Kennzeichen, findet die Polizei am Nachmittag am Ben-Gurion-Ring im Frankfurter Stadtteil Bonames.

Polizisten finden unter dem Zünder der Bombe einen DIN-A4-Zettel. Auf ihm bekennt sich die Rote Armee Fraktion (RAF) zu dem Anschlag. Auf dem Blatt prangt das Erkennungszeichen der linksextremen Terroristen, ein roter Stern mit Maschinenpistole. Außerdem stehen dort die Worte „kommando wolfgang beer“. Er war der Bruder des RAF-Terroristen Henning Beer und neun Jahre zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Einige Tage später gibt es ein weiteres Bekennerschreiben der RAF, in dem steht, die Deutsche Bank habe „ihr netz über ganz westeuropa geworfen und steht an der spitze der faschistischen kapitalstruktur, gegen die sich jeder widerstand durchsetzen muss“.

Die Ermittlungen ergeben, dass die Terroristen für den Anschlag auf Herrhausen eine technisch ausgeklügelte Mord-Maschine konstruiert hatten. Die Attentäter hatten im Seedammweg eine Infrarot-Lichtschranke montiert. Ein Draht führte zu einem Zünder, der eine Sieben-Kilo Bombe scharfmachte. Der Sprengsatz lag auf einem silberfarbenen Jugendfahrrad der Marke „Globus 2000“, das die Terroristen am Straßenrand abgestellt hatten. Bei der Vorbereitung zu ihrer Mordtat hatten die Terroristen sich als Bauarbeiter getarnt und sogar den Bürgersteig aufgemeißelt, um den Draht zu verlegen.

Attentat auf Alfred Herrhausen: RAF installiert Bomben-Konstrukt in Bad Homburg 

Als der Herrhausen-Konvoi dann am Unglückstag durch den Seedammweg fuhr, warteten die Terroristen ab, bis das erste Begleitfahrzeug die Lichtschranke durchfahren hatte. Dann legte einer der Attentäter einen Schalter um. Die Bombe war scharf. Herrhausens Dienstwagen passierte die Lichtschranke und löste den Sprengsatz aus. Eine Art Trichter lenkte den Explosionsdruck direkt auf die rechte Hintertür der Limousine – hinter der Herrhausen saß. Selbst die Panzerung des Wagens konnte ihn nicht retten.

Herrhausens Tod ist bis heute ungesühnt, und mit jedem Tag sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Täter für den Anschlag verantworten müssen. Wer zu dem Terror-Trupp gehörte, haben die Fahnder bis heute nicht herausfinden können, es gibt nicht einmal einen konkreten Verdacht. Augenzeugen sagten aus, sie hätten vor dem Anschlag insgesamt fünf verdächtige Personen in der Nähe des Tatorts gesehen.

Zwei von ihnen sollen als Jogger unterwegs gewesen sein und trugen angeblich Kopfhörer, was darauf hindeutet, dass die Täter per Funk in Kontakt gestanden haben. Immer mal wieder wurde im Zusammenhang mit dem Herrhausen-Mord der Name des RAF-Terroristen Wolfgang Grams genannt. In dem preisgekrönten Dokumentarfilm „Black Box BRD“ stellte der Regisseur Andres Veiel im Jahr 2001 die Lebensläufe von Herrhausen und Grams gegenüber. Grams, der beim tödlichen Anschlag auf den Bankmanager 36 Jahre alt war, gehörte Ende der 80er-Jahre zum militanten Kern der RAF, die sich auf ihre Gründer Andreas Baader und Ulrike Meinhof beriefen.

RAF nach Attentat auf Herrhausen in Bad Homburg: Tat bleibt ungesühnt

Im Gegensatz zu den sogenannten ersten beiden Generationen der Linksterroristen verstand es die späte RAF, sich zu tarnen. Bis heute ist noch nicht mal genau bekannt, wie viel Personen ihr überhaupt angehörten und sich an dem Amoklauf gegen die Bundesrepublik beteiligten. Die meisten RAF-Verbrechen seit 1985 – Morde, Sprengstoffanschläge, Raubüberfälle – sind nie aufgeklärt worden. Einige Täter leben wohl bis heute unbehelligt.

RAF-Terroristen töteten in 28 Jahren insgesamt 34 Menschen. Die Extremisten verstanden sich als Revolutionäre und wollten mit ihrem bewaffneten Kampf den Sturz der Bundesrepublik herbeiführen, die sie für faschistisch hielten. Herrhausen war nicht das letzte Opfer der RAF. Anderthalb Jahre später erschoss ein Scharfschütze den Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder, und im Juni 1993 starb der GSG-9-Beamte Michael Newrzella bei einem Schusswechsel mit zwei RAF-Terroristen auf dem Bahnhof von Bad Kleinen. Den tödlichen Schuss feuerte RAF-Mann Grams ab, bevor er sich selbst erschoss. Im April 1998 erklärte sich die Terrorgruppe für aufgelöst.

Sieben Monate nach dem tragischen 30. November 1989, an dem RAF-Terroristen Alfred Herrhausen ermordeten, detonierte eine ähnliche Sprengfalle in Bonn. Damit wollte die Rote Armee Fraktion den Staatssekretär im Bonner Innenministerium, Hans Neusel, umbringen. Neusel hatte Glück. Weil sein Fahrer Urlaub hatte, saß er selbst am Steuer seines Dienstwagens und nicht wie gewohnt auf dem rechten Rücksitz. Das rettete ihm das Leben.

Von Sven Weidlich

Alfred Herrhausen wird vor 30 Jahren mitten in Bad Homburg von einer Bombe der RAF getötet. Den Zeugen des Attentats haben sich die Erinnerungen eingebrannt.*

Dieser Text ist erstmalig in der Ausgabe der Frankfurter Neuen Presse vom 26. November 2009 erschienen. Zum 30. Todestag am 30. November 2019 Herrhausens hat sie den Artikel aus dem Archiv geholt. Die Frankfurter Neue Presse gehört zum bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerk

*fnp.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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