Angst vor Giftgasen

Tianjin-Katastrophe: Illegale Machenschaften aufgedeckt

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An der Unglücksstelle im Hafen von Tianjin klafft ein riesiger Krater.

Tianjin - Verstöße gegen die Sicherheit, unerlaubte Transporte von Chemikalien, fragwürdige Genehmigungen. Hinter der Tragödie von Tianjin steckt eine gefährliche Kungelei.

Eine Woche nach der Katastrophe in Tianjin mit 114 Toten enthüllen die Ermittler illegale Machenschaften der Betreiber des explodierten Gefahrgutlagers. Vier Eigentümer und Manager wurden festgenommen. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua beschrieb eine Vetternwirtschaft zwischen gut vernetzten Vertretern des „dubiosen Unternehmens“ Ruihai Logistik und Aufsichtsorganen. Sie berichtete von zweifelhaften Genehmigungen und Verstößen gegen Sicherheitsvorschriften. Die Bergungsarbeiten in dem Trümmergebiet um den riesigen Krater im Hafen der nordchinesischen Stadt kamen derweil nur langsam voran.

Nach anfänglichem Chaos und Beschwichtigungen, die Empörung im Volk ausgelöst hatten, präsentierte die Staatsagentur Xinhua erste Ergebnisse der Ermittlungen. So seien „falsche Eigentumsverhältnisse“ bei dem Betreiber des Lagers festgestellt worden. Hinter Ruihai Logistik stünden der Sohn eines früheren Polizeichefs des Hafens, Dong Shexuan, sowie der Ex-Manager des staatlichen Chemiekonzerns Sinochem, Yu Xuewei, meldete Xinhua. Über Strohmänner hätten sie 45 Prozent und 55 Prozent der Anteile gehalten.

Um die in China „Guanxi“ genannten „guten Beziehungen“ des Sprösslings des 2014 gestorbenen Polizeichefs auszunutzen, hätten sie 2012 die Firma gegründet. Diese Kontakte von Dong Shexuan hätten ihnen auch geholfen, die nötigen Zertifikate der Feuerwehr sowie der Land-, Umwelt- und Sicherheitsbehörden zu bekommen.

„Ich hatte Beziehungen zu Polizei und Feuerwehr“, sagte Dong Shexuan laut Xinhua. Wenn er eine Brandschutzgenehmigung gebraucht habe, sei er nur zur Feuerwehr des Hafenbetreibers Tianjin Port gegangen. „Ich gab ihnen die Unterlagen und hatte schnell ein Gutachten.“ Ob Amtspflichtverletzung oder Bestechung im Spiel gewesen sei, habe Dong Shexuan aber nicht gesagt, schrieb Xinhua.

Zwischen Oktober 2014 und Juni 2015 habe das Unternehmen ohne Erlaubnis Chemikalien transportiert, berichteten die Ermittler laut Xinhua. „Als die erste Erlaubnis ausgelaufen war, haben wir eine Verlängerung beantragt“, sagte Ruihai-Manager Yu Xuewei. „Wir haben den Betrieb nicht eingestellt, weil wir nicht dachten, dass es ein Problem wäre.“ Viele andere Unternehmen arbeiteten auch ohne Lizenz weiter.

Ein weiterer Verstoß gegen Sicherheitsvorschriften war auch die Lage des Gefahrgutlagers. Es war nur 560 Meter von Wohnblocks entfernt, obwohl 1000 Meter vorgeschrieben waren. Die Baugenehmigung sei erteilt worden, nachdem Feuerschutzdokumente „grünes Licht“ gegeben hätten, schilderte Zhu Liming vom Raumnutzungsamt laut Xinhua.

Ruihai-Manager Yu Xuewei räumte laut Xinhua ein, dass ein erster Gutachter die Nähe bemängelt habe, doch hätten sie dann ein anderes Unternehmen beauftragt, das ihnen die nötigen Papiere erstellt habe.

Regen schürt Angst vor giftigen Gasen in

In dem durch Explosionen zerstörten Industriegebiet der chinesischen Hafenstadt Tianjin haben am Dienstag schwere Regenfälle die Angst vor der Verbreitung giftiger Gase geschürt. Der Regen könnte Experten zufolge die giftigen Substanzen aus einem Gefahrgutlager in der Luft und im Boden verbreiten, auch könnte es zu chemischen Reaktionen kommen. In offiziellen Trauerzeremonien wurde der 114 Todesopfer der Katastrophe vor einer Woche gedacht.

Acht von 40 Wasserproben aus dem abgeriegelten Katastrophengebiet wiesen am Montag nach Behördenangaben überhöhte Zyanid-Werte auf. Bei einer Probe wurde sogar das 28,4-fache des empfohlenen Wertes festgestellt, wie Bao Jingling vom Umweltschutzbüro der Stadt sagte. In 21 weiteren Proben wurden Spuren von Zyanid gefunden. Die Behörden verfolgten die Wettervorhersagen der kommenden Tage sehr genau, sagte Bao. Derzeit würden Pläne für die Behandlung von "zehntausenden Tonnen verunreinigten Wassers" im Unglücksgebiet ausgearbeitet.

Bao kündigte an, die Luft werde an 18 Testorten untersucht und die Bevölkerung werde bei einer zu hohen Belastung umgehend informiert. Chinesischen Medien zufolge hatte die Firma, die das Gefahrgutlager gepachtet hatte, dort 30 Mal mehr Natriumcyanid gelagert als erlaubt.

Zahl der Toten nach Explosionsunglück in China steigt auf 114

Anwohner zeigen bei einer Demonstration in Tianjin Fotos ihrer beschädigten Wohnungen. Foto: NG Kong/EPA
Anwohner zeigen bei einer Demonstration in Tianjin Fotos ihrer beschädigten Wohnungen. Foto: NG Kong/EPA © Ng Kong
Ausgebrannte Fahrzeuge in der chinesischen Millionenstadt Tianjin. Noch immer sind viele Fragen bezüglich der Katastrophe offen. Foto: Wu Hong
Ausgebrannte Fahrzeuge in der chinesischen Millionenstadt Tianjin. Noch immer sind viele Fragen bezüglich der Katastrophe offen. Foto: Wu Hong © Wu Hong
Ein riesiger Krater umgeben von Zerstörung. Auf dem Hafengelände im Binhai Distrikt der Millionenmetropole waren in der Nacht zum Donnerstag tonnenweise Chemikalien explodiert. Foto: Stringer
Ein riesiger Krater umgeben von Zerstörung. Auf dem Hafengelände im Binhai Distrikt der Millionenmetropole waren in der Nacht zum Donnerstag tonnenweise Chemikalien explodiert. Foto: Stringer © Str
Chinesische Behörden haben eine Evakuierung des Gebiets in einem Umkreis von drei Kilometern um den Unglücksort angeordnet. Die Menschen wurden auch aufgefordert, einen Mundschutz zu tragen. Foto: Wu Hong
Chinesische Behörden haben eine Evakuierung des Gebiets in einem Umkreis von drei Kilometern um den Unglücksort angeordnet. Die Menschen wurden auch aufgefordert, einen Mundschutz zu tragen. Foto: Wu Hong © Wu Hong
Rettungskräfte bergen ein Todesopfer auf dem völlig verwüsteten Hafengelände von Tianjin. Foto: Wu Hong
Rettungskräfte bergen ein Todesopfer auf dem völlig verwüsteten Hafengelände von Tianjin. Foto: Wu Hong © Wu Hong
Nach der Explosion in Tianjin werden noch Dutzende Menschen vermisst. Foto: Wu Hong
Nach der Explosion in Tianjin werden noch Dutzende Menschen vermisst. Foto: Wu Hong © Wu Hong
Einwohner von Tianjin eilten auf die verrauchten Straßen, weil sie sich in ihren Häusern nicht mehr sicher fühlten. Foto: Geno Hu
Einwohner von Tianjin eilten auf die verrauchten Straßen, weil sie sich in ihren Häusern nicht mehr sicher fühlten. Foto: Geno Hu © 
Wie nach einem Bombenangriff: Die erste Detonation erreichte die Stärke von drei Tonnen herkömmlichen Sprengstoffs TNT, während die zweite 21 Tonnen TNT entsprach. Foto: Wu Hong
Wie nach einem Bombenangriff: Die erste Detonation erreichte die Stärke von drei Tonnen herkömmlichen Sprengstoffs TNT, während die zweite 21 Tonnen TNT entsprach. Foto: Wu Hong © Wu Hong
Brennende Container im völlig verwüsteten Hafen der Milionenstadt Tianjin. Foto: Xu Li
Brennende Container im völlig verwüsteten Hafen der Milionenstadt Tianjin. Foto: Xu Li © Xu Li
Nach der ersten Explosion in einem Lagerhaus für gefährliche Güter griff das Feuer auf weitere Gebäude über. Foto: Stringer
Nach der ersten Explosion in einem Lagerhaus für gefährliche Güter griff das Feuer auf weitere Gebäude über. Foto: Stringer © Str
Hier ist keine Scheibe mehr heil: Die Detonationen hatten eine Sprengkraft wie 24 Tonnen TNT. Foto: Wu Hong
Hier ist keine Scheibe mehr heil: Die Detonationen hatten eine Sprengkraft wie 24 Tonnen TNT. Foto: Wu Hong © Wu Hong
Im Umkreis von mehreren Kilometern gingen Fenster zu Bruch. Foto: Wu Hong
Im Umkreis von mehreren Kilometern gingen Fenster zu Bruch. Foto: Wu Hong © Wu Hong
Angehörige getöteter und vermisster Feuerwehrmänner diskutieren auf der Straße mit Polizisten. Foto: NG Kong/EPA
Angehörige getöteter und vermisster Feuerwehrmänner diskutieren auf der Straße mit Polizisten. Foto: NG Kong/EPA © Ng Kong

In dem Lager mit 3000 Tonnen gefährlichen Chemikalien war es am 12. August nach einem Brand zu heftigen Explosionen gekommen, die in einem weiten Umkreis schwere Verwüstungen anrichteten. 65 Menschen wurden nach Angaben des Staatsfernsehens am Mittwoch noch vermisst. Mehr als 670 Verletzte werden im Krankenhaus behandelt. Unter ihnen sind knapp 40 Schwerverletzte. Von den 114 Toten sind 101 identifiziert, darunter 53 Feuerwehrleute und 7 Polizisten.

dpa/afp

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