Machtübernahme

Taliban kontrollieren Afghanistan: Warum die Armee ohne Widerstand versagt hat

Armee in Afghanistan
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Afghanische Soldaten bei einem Einsatz. (Archivfoto)

Innerhalb weniger Tage übernehmen die Taliban Afghanistan. Wie konnte es dazu kommen? Eine entscheidende Rolle spielt der fehlende Widerstand der Armee.

Kabul – Die schnelle Machtübernahme der Taliban in Afghanistan* hat im Westen für Entsetzen gesorgt. Die afghanische Armee hatte den Kämpfern der Taliban* nur wenig entgegenzusetzen und ergab sich weitestgehend kampflos. Schnell war von mangelnder Kampfmoral der Soldaten die Rede. Aber auch die USA* und ihre Verbündeten haben schwere strategische Fehler beim Aufbau und bei der Unterstützung der Sicherheitskräfte im Land am Hindukusch gemacht.

Das Ziel der USA war es, schlagkräftige Sicherheitskräfte in Afghanistan aufzubauen. Während des 20 Jahre andauernden Konflikts investierte das Land etwa 83 Milliarden US-Dollar in den Aufbau, die Ausbildung und die Ausrüstung der afghanischen Armee. Vorbild waren die eigenen Streitkräfte.

Afghanistan: Strategie der USA nicht an lokale Verhältnisse angepasst

Das hoch-technisierte Militär und die Strukturen passten allerdings nicht zu den lokalen Verhältnissen. Die afghanischen Soldaten – viele von ihnen Analphabeten – hatten nicht die Infrastruktur, um die Technik am Laufen zu halten. In der Praxis führte das zur Abhängigkeit der afghanischen Armee von den westlichen Streitkräften, etwa bei der Luftunterstützung bei Einsätzen, oder den westlichen technischen Fachleuten zur Instandhaltung der Flugzeuge und Kampfhubschrauber.

Die afghanische Armee leistet den Taliban kaum Widerstand.

Die Fähigkeiten der afghanischen Armee seien gnadenlos überschätzt worden, sagt John Sopko, der US-Generalinspekteur für den Wiederaufbau Afghanistans (Sigar). Er ist sich sicher, dass die US-Militärs „wussten, wie schlecht die afghanische Armee war“. Die hochentwickelten Waffensysteme gingen über die Fähigkeiten der Soldaten hinaus, schrieb er in einem Bericht für den US-Kongress.

Scheitern der afghanischen Armee: Zahl der Soldaten war deutlich niedriger als von USA behauptet

Die Anzahl der afghanischen Soldaten wurde ebenfalls überschätzt. Das US-Verteidigungsministerium ging von einer zahlenmäßigen Überlegenheit der afghanischen Armee gegenüber den Taliban aus: 300.000 Angehörige hätten Armee und Polizei, die Taliban sollen 70.000 Kämpfer haben. Die Truppenstärke der afghanischen Armee sei allerdings deutlich geringer gewesen, so die Einschätzung des Anti-Terror-Zentrums der US-Militärakademie von West Point. Demnach waren es 185.000 Soldaten oder Spezialkräfte, der Rest seien Polizisten und anderes Sicherheitspersonal gewesen, hieß es in einer Einschätzung. Hinzu kommt, dass nur 60 % der Soldaten für den Kampf ausgebildet waren. Die Armeestärke soll daher bei 96.000 Personen gelegen haben, so die Analysten von West Point.

Die afghanische Armee hatte außerdem ein Problem mit einer hohen Anzahl von Deserteuren. Jedes Jahr mussten etwa 25 % der Soldaten ersetzt werden. Viele Posten blieben unbesetzt. Außerdem sollen laut Angaben der Neuen Zürcher Zeitung Kommandeure die Zahl ihrer Truppen aufgebläht haben, um den Sold der Deserteure und gefallener Soldaten einzukassieren.

Afghanische Armee: Kaum Gehalt, keine Munition, kein Essen

Eine mögliche Ursache für die vielen Desertionen von der afghanischen Armee war die schlechte Bezahlung der Soldaten. Jahrelang zahlte das Verteidigungsministerium der USA die Gehälter. Nach der Ankündigung des Abzugs der US-Truppen ging die Aufgabe an die Regierung in Kabul über. Der Lohn war niedrig. Viele Soldaten beschwerten sich, dass sie monatelang keinen Lohn erhalten hätten. Hinzu kamen Versorgungsprobleme. Neben militärischer Ausrüstung und Munition fehlte es den afghanischen Soldaten an grundlegenden Dingen, wie beispielsweise Schuhen. Die Streitkräfte fühlten sich im Stich gelassen.

Scheitern der afghanischen Armee: Vom Westen im Stich gelassen

Der Abzug der amerikanischen Soldaten und ihrer Verbündeten sorgte schließlich dafür, dass sich viele Mitglieder der afghanischen Armee zusätzlich im Stich endgültig gelassen fühlten. Die Taliban dagegen feierten das Abkommen und den Abzug der USA als Sieg. Ihre Propaganda sollte zeigen, dass ihr Sieg unvermeidbar sei.

Vor diesem Hintergrund trafen die Taliban Abmachungen zur Übergabe von Provinzen mit Soldaten, Regierungsbeamten und Provinzgouverneuren. Verhandlungen führten schließlich zum Sieg, weniger die militärische Stärke. (Max Schäfer mit AFP) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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