Interview

Kerstin Reckenthäler: „Unser Ziel bleibt der Klassenerhalt“

Emotionen am Spielfeldrand: Kerstin Reckenthäler hat von dort aus in dieser Saison viel Gutes beobachtet. Foto: Moritz Alex
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Emotionen am Spielfeldrand: Kerstin Reckenthäler hat von dort aus in dieser Saison viel Gutes beobachtet.

Interview mit Kerstin Reckenthäler, Trainerin des Handball-Frauen-Zweitligisten HSV Solingen-Gräfrath

Im vergangenen Jahr rettete den HSV der Corona-Abbruch vor dem Abstieg in die 3. Liga, jetzt ist es Platz fünf – was sehen Sie als Hauptgründe für den Aufwärtstrend an?
Kerstin Reckenthäler: Erst einmal, dass die Spielerinnen, die in Solingen geblieben waren, eine unglaubliche Weiterentwicklung gemacht haben. Natürlich eine Vanessa Brandt, aber auch eine Carina Senel, die herausragende Saisonleistungen erbracht hat. Dann gibt es weitere positive Charaktere wie Mandy Reinarz, die über Jahre hinweg auf gutem Niveau agiert. Hinzu kamen die Neuen wie Natascha Krückemeier, Cassandra Nanfack, Melina Fabisch oder Luca Tesche. Sie sowie alle anderen sorgen für eine gute sportliche und ebenso menschliche Kombination.
Der Kader wurde zur aktuellen Saison gezielt verstärkt, von wie vielen Volltreffern würden Sie sprechen?
Reckenthäler: Es waren alles Volltreffer in jeder Hinsicht, wir hatten ein gutes Händchen. Als Beispiel kann man Cassandra Nanfack nennen, die mit ihrer Vielseitseitigkeit bei Ausfällen im Kader öfters Lücken auf diversen Positionen geschlossen hat. Auch Lara Karathanassis hat ihre Sache super gemacht, Luca Tesche ist immer besser geworden und hat ihre Qualität unter Beweis gestellt.
Eine Spielerin bedarf der gesonderten Betrachtung – Vanessa Brandt ist erst 21 Jahre alt und mit ihren 189 Saisontreffern sicherlich auch für die 1. Bundesliga interessant. Wie konkret ist diese Gefahr?
Reckenthäler: Ohne die Leistungen anderer oder des Teams zu schmälern, ist Vanessa in der Tat so was wie die Spielerin der Saison. Dies ist nicht nur wegen ihrer Tore so, sondern sie hat auch in der Abwehr beträchtliche Fortschritte gemacht. Und obwohl auch noch weiteres Talent in ihr steckt, sehe ich in den nächsten beiden Jahren keine Gefahr, dass sie uns verlässt. Sie hat sich schließlich bewusst für uns entschieden, weil das Spiel in großen Teilen auf sie zugeschnitten ist. Hinzu kommt das Menschliche, das absolut passt. Aber sicher darf sie in Richtung 1. Liga schauen. Ganz klar: Auch ich sehe eine kommende Erstliga-Spielerin in ihr.
Die Saison 2020/21 wird als zweite Corona-Saison auch bei Ihrem Team in die Historie eingehen. Intensive Testung, Quarantänen, am Anfang zumindest einige, dann gar keine Zuschauer mehr – wie bewerten Sie all dies?
Reckenthäler: Es war und ist eine skurrile Situation. Wir haben ein richtig geiles Jahr, und es kann nicht von den Zuschauern honoriert werden. Auf der anderen Seite können wir außerhalb der Quarantäne jeden Tag in die Halle gehen, was 90 Prozent nicht erlaubt ist. Das ist ein Privileg, von daher bin ich hin- und hergerissen. Und sicher werden wir irgendwann auch wieder vor Zuschauern Handball spielen dürften.
Die gute sportliche Entwicklung ist auch von einer professionellen Struktur abhängig. Wo gab es da Fortschritte, und wo drückt der Schuh?
Reckenthäler: Wir stehen schon noch am Anfang. Mit den physiotherapeutischen und ärztlichen Neuerungen sind wir, was die Professionalisierung angeht, auf dem richtigen Weg. Wir können uns aber auf einigen Gebieten noch besser aufstellen, so besitzt das Athletik-Training bei mir einen großen Fokus. Das Training muss optimal gesteuert werden, denn der Körper ist das große Kapital – wer gesund ist, spielt besser Handball. Im Trainingsprozess muss es mehr Einheiten geben, da kann es auch die vierte und fünfte sein. Die muss ja nicht von einer gestandenen Spielerin wahrgenommen werden, aber die individuelle Arbeit insbesondere mit Talenten ist enorm wichtig. Sicher geht es für den Verein auch darum, sich bei Finanzen und Sponsoren breiter aufzustellen. Für uns ist es schwer, eine richtig gute Spielerin zu uns zu bekommen. Dabei machen wir schon das Beste, was möglich ist. Unser erste Option geht über den eigenen Jugendbereich und darüber, Talente wie jetzt Nele Weyh aus Thüringen nach oben zu bringen. Da sind wir gut unterwegs.

„Wir wissen, dass wir keine Vollprofis sind – Gejammer ist fehl am Platz.“

Kerstin Reckenthäler zu den weiten Touren ohne Übernachtung
Es ist immer noch so, dass Sie zu den Auswärtsspielen nach Flensburg, Leipzig, Zwickau, Freiburg oder auch Berlin morgens mit dem Bus losfahren und nach dem Spiel direkt zurück. Wie schwer wiegt das?
Reckenthäler: Daran wird sich auf kurze Sicht auch nichts ändern, denn wir bleiben natürlich alle berufstätig. Die Arbeitgeber müssten die Spielerinnen bei frühzeitigen Anreisen freistellen, die Übernachtungen kosten Geld. Dass wir morgens um 7 Uhr losfahren und 24 Stunden später wieder daheim sind, ist der sportlichen Leistung sicher nicht sonderlich förderlich, aber wir können damit umgehen. Wir wissen, dass wir keine Vollprofis sind – Gejammer ist fehl am Platz. Zumal wir ja geografisch noch relativ günstig liegen. Also geht es trotz vieler Kilometer in einer Tour, und das eingesparte Geld kann für andere Dinge genutzt werden.
Derzeit erfolgt der personelle Feinschliff für die Spielzeit 2021/22. Wohin kann die Reise gehen?
Reckenthäler: Es ist alles noch schwer einzuschätzen. Wer kommt aus der 1. Liga runter, wer aus der 3. hoch? Und wer bleibt drin? Da ist noch einiges fraglich. Tendenziell sehe ich es so, dass unser Ziel der Klassenerhalt bleibt. Es dürfte super schwer werden, die aktuelle Platzierung zu bestätigen. Also gehen wir erst mal vom Minimalziel aus, wobei wir perspektivisch schon weiter nach oben wollen.
Innerhalb von Solingen macht der Bergische HC, noch in der Oberliga, keinen Hehl aus seinen Bundesliga-Ambitionen. Wie nehmen Sie diese Pläne zur Kenntnis?
Reckenthäler: Die Pläne sind legitim, berühren mich aber nicht wirklich. Noch liegen ein paar Jahre dazwischen. Wenn sich ein Derby anbahnt, würde ich mich mit der Situation beschäftigen.
Die Bundesliga-Männer des BHC suchen noch einen Trainer als Nachfolger des 2022 zu den Rhein-Neckar Löwen wechselnden Sebastian Hinze. Wird man in dieser Liga auch mal eine Frau sehen, vielleicht Kerstin Reckenthäler?
Reckenthäler: Es ist immer noch eine Männer-Domäne. Sogar in den Frauen-Bundesligen. Natürlich würde es mich freuen, wenn Männer im oberen Leistungsbereich von Frauen trainiert würden. Aber darüber mache ich mir keine Gedanken. Für mich persönlich stehen Umfeld, Vereinsphilosophie und meine Aufgabe beim HSV im Fokus.

Kerstin Reckenthäler

Sportliches: Seit Ende Oktober 2018, damals in der 3. Liga, ist die 38-Jährige Trainerin beim HSV Solingen-Gräfrath. Ihr Vertrag läuft bis 2023. Sechs Jahre lang war die gebürtige Koblenzerin zuvor in Diensten bei Bayer Leverkusen, davor feierte die 18-fache Nationalspielerin unter anderem die Deutsche Meisterschaft mit DJK/MJC Trier (2003). Damals stellte sich bei der Linkshänderin ein Knorpelschaden ein, der 2005 zum Ende der aktiven Karriere führte.

Persönliches: Aus einer sehr sportlich orientierten Familie stammend, wurde beruflich aus dem Sport-Diplom das Lehramtsstudium und mittlerweile eine Stelle am Nicolaus-Cusanus-Gymnasium in Bergisch Gladbach, wo sie derzeit die Abiturprüfungen abwickelt. Einen Ortswechsel gab es gerade erst auch, von Leverkusen-Schlebusch ging es nach Langenfeld – gemeinsam mit ihren Hunden Betty und Frida, die sich über den Garten im Dreieck Wohnen, Arbeiten, Handball freuen.

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