Rückblick

Das sind unsere Sportmomente des Jahres 2020

Alle Sorgen sind in diesem Moment vergessen: David Schmidt gratuliert dem Torschützen Arnor Gunnarsson. Archivfoto: Mathias M. Lehmann
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Alle Sorgen sind in diesem Moment vergessen: David Schmidt gratuliert dem Torschützen Arnor Gunnarsson.

Die ST-Sportredaktion schaut auf die Szenen zurück, die sie in den vergangenen 366 Tagen am meisten bewegt haben.

22. Oktober: Der Bergische HC trifft drei Mal in 70 Sekunden und spielt 30:30

Ein Handball-Wunder in schweren Zeiten

Von Thomas Rademacher

Die Corona-Krise macht allen zu schaffen. Die ständige Ungewissheit um die Frage, was als Nächstes passiert, spiegelt sich auch im Sportgeschehen wider. Die Handball-Bundesliga läuft seit Oktober wieder – zunächst in ein paar Hallen noch mit wenigen Zuschauern, inzwischen komplett ohne.

thomas.rademacher@solinger-tageblatt.de

Doch die Qualität der Begegnungen leidet darunter nicht. Die Sportler lassen ihr Herz auf dem Feld. In den 60 Minuten zählt nur eins: das Spiel. So war es auch am 22. Oktober, als der Bergische HC bei der TSV Hannover-Burgdorf antrat.

Dort sahen die Löwen 70 Sekunden vor Schluss wie die klaren Verlierer aus. Die Gastgeber hatten gerade zum 30:27 getroffen, die 1611 Zuschauer feierten bereits. Was dann passierte, wird unvergessen bleiben. Das war nicht einfach nur eine geglückte Aufholjagd. Es war ein Zusammenkommen von unbändigem Willen, einer (zu Recht) fehlenden Bereitschaft, das Spiel als Niederlage zu akzeptieren, wilder Entschlossenheit, individueller Qualität und Glück.

Diese 70 Sekunden sind das Handball-Wunder des Jahres: Zwei Mal fielen die Hannoveraner auf eine Schussfalle des BHC herein, schlossen frei ab, wurden aber durch Torhüter Tomas Mrkva entschärft. Zwei Mal riss Tomas Babak die Verantwortung an sich – zunächst raste er im Vollsprint mit dem Ball über das Feld und verkürzte auf 28:30, danach tanzte er die Abwehr mit einer Körpertäuschung aus und traf zum Anschluss. Und als David Schmidt drei Sekunden vor Schluss den Siebenmeter herausholte, war der Tisch gedeckt für Arnor Gunnarsson: Der Isländer behielt die Nerven und vollstreckte zum nicht mehr für möglich gehaltenen 30:30-Endstand. Der Stein, der dem sonst so abgebrühten Linkshänder in diesen Momenten vom Herzen fiel, war spürbar.

Während die ZAG-Arena in Hannover in eine Art Schockzustand verfiel, jubelten die BHC-Handballer als hätten sie gewonnen. Denn genauso fühlte es sich auch an. Das 30:30 war ein Sieg. Der verrückteste des Jahres in einer so schweren Zeit. Für wenige Momente waren alle Sorgen vergessen. Ich kann mir nur ausmalen, wie die Löwen-Fans, die in dieser Saison noch kein einziges Mal dabei sein durften, vor dem Fernseher gejubelt haben. Solche Momente machen für mich die Magie des Sports aus – deshalb ist dieser meine klare Nummer eins des Jahres.

17. Oktober: Topfavorit unterliegt

Eine HSV-Sternstunde

Von Lutz Clauberg

Als es vor dem ersten Anpfiff in der 2. Handball-Bundesliga der Frauen darum ging, mögliche Aufstiegsaspiranten zu nennen, fiel häufig der Name Zwickau.

Aus HSV-Trainerin Kerstin Reckenthäler bricht es in den Sekunden des wohl sensationellsten Saisonsieges heraus.

Mit drei Siegen, nahezu kompletter Truppe plus einem Blitz-Zugang aus Leverkusen ging es am 17. Oktober in die Klingenhalle. Zum Spitzenspiel beim HSV Solingen-Gräfrath, dem im März aufgrund eines Beschlusses erspart geblieben war, absteigen zu müssen.

Die Solingerinnen hatten sich an den ersten drei Spieltagen mit drei Erfolgen fast schon überragend präsentiert: Es folgte ein Dämpfer am 26. September beim 28:31 in Herrenberg. Drei Wochen später kam Zwickau in die nahezu menschenleere Klingenhalle: ein Geisterspiel, das begeisterte – aus Sicht des HSV, der nach einer zähen ersten Halbzeit einen Gegner zermürbte, der nie seinen Rhythmus fand. Merit Müller war die Glückliche, die in letzter Sekunde das Spielgerät präzise versenkte. Vom Innenpfosten sprang der Ball ins Netz. Es war der Schlusspunkt zum 25:24-Sieg, der den dritten Platz bedeutete.

Dass knapp zwei Monate später der BSV Sachsen Zwickau Dritter ist und Kerstin Reckenthälers großartiger HSV das Handball-Jahr 2020 mit Rang fünf abgeschlossen hat, tut der Sternstunde am 17. Oktober überhaupt keinen Abbruch.

lutz.clauberg @solinger-tageblatt.de

Zu sehr bleibt die Erinnerung an einen grandiosen Auftritt haften – für mich das Spiel des Jahres. Mit Merit Müller als glücklicher Vollstreckerin; mit der mutigen und so selbstbewussten Zweitliga-Top-Torjägerin Vanessa Brandt; mit Torhüterin Lisa Fahnenbrucks überragender Quote; mit Cassandra Nanfacks Einstellung, trotz Bänderriss im Fuß auf die Zähne zu beißen; mit Mandy Reinarz’ Willen, immer alles zu geben und nie aufzustecken; mit den ebenso gestrickten Franziska Penz und Carina Senel.

2020: Lockdown

Die Breite des Sports

Von Jürgen König

Es war kein Spiel, kein Tor, kein Matchball, was mich in den vergangenen Monaten besonders fasziniert hat.

juergen.koenig@solinger-tageblatt.de

Es war vielmehr die Erkenntnis, dass man auch in Zeiten von sportlichen Lockdowns das ganze Jahr über jeden Tag mindestens eine attraktive lokale Sport-Seite machen kann. Natürlich haben dazu eigene Ideen wie jüngst die Adventskalender-Serie beigetragen, aber egal in welchem Format: Solingen hat so unfassbar viele Sportlerinnen und Sportler, und so gut wie hinter jedem dieser Menschen verbirgt sich eine interessante Geschichte. 

Die Breite in unserer Stadt – sowohl im sportlichen Angebot inklusive aufwendiger Sportarten wie Baseball, Eishockey, oder Football als auch die Qualität bis hin zu den BHC-Bundesliga-Handballern als bergischer Leuchtturm – bereitet selbst in diesen schweren Zeiten Freude. Hoffen wir dennoch, dass ich in einem Jahr an dieser Stelle von einem Titelgewinn oder Aufstieg schreiben darf. Die auch während der Lockdowns stets innovativen Sportvereine hätten es verdient.

4. Januar: Das Hallenmasters

Neujahrsempfang wird zum Fußball-Höhepunkt

Von Timo Lemmer

Geahnt hatte es am 4. Januar niemand. Aber mit dem traditionellen Hallenmasters der Britannia, dem Neujahrsempfang der Solinger Fußballer in der Klingenhalle, wurde diesmal kein ereignisreiches Fußballjahr eingeleitet – vielmehr war die Veranstaltung früh im Jahr bereits der Höhepunkt.

Das Hallenmasters der Britannia ist traditionell der Neujahrsempfang des Solinger Fußballs. Der erste Titel wird vergeben.

Kurz darauf folgte der Saisonabbruch, nach einer langen Pause wurde dann die neue Saison aufgenommen – ehe diese auf unbestimmte Zeit unterbrochen werden musste.

Da muten die Bilder vom Jahresanfang mit tollen Toren auf dem Parkett – Grüße an Florian Heuschkel und seine sehenswerten Volleys –, hunderten Fans auf der Tribüne und bier-launigen Gesprächen im Foyer an wie aus einer anderen Zeit. Es war ein herausragendes Masters, das die Stärken des Solinger Fußballs präsentierte: das Miteinander, wenn es denn mal klappt.

In der Klingenhalle funktioniert es immer. Wenn es dann 2022 endlich zur 36. Auflage kommen soll, dann werden einige Sportskameraden der Britannia fehlen.

lokalsport @solinger-tageblatt.de

Gedacht sei vor allem an Hans „Hansel“ Tillmanns: Der hatte in den letzten Jahren zwar nicht mehr als Hallensprecher mitwirken können, am Spielfeldrand aber dennoch launige Kommentare beigesteuert. Das wird fehlen, die Vorfreude auf die nächste Ausgabe aber steigt als Hoffnungsschimmer am Horizont schon jetzt: Hansel hätte das gefallen.

9. März: Kühnhackl und Weishaupt leiten ECB-Training

Eishockey-Legenden setzen sich für den Erhalt der Eissporthalle ein

Von Fabian Herzog

An den Moment, als die Einladung bei uns in der Sportredaktion eintrudelte, kann ich mich noch genau erinnern. Ich dachte: Erich Kühnhackl? Für ein Training zu Besuch in der Solinger Eishalle? Das glaube ich erst, wenn ich es sehe.

Trainer Stephan Aue (l.) und seine U15 freuten sich über den Besuch von zwei der erfolgreichsten deutschen Eishockeyspieler aller Zeiten: Erich Kühnhackl (r.) und Erich Weishaupt.

Also machte ich mich ein paar Wochen später an einem Montagabend auf den Weg zur Birkerstraße. Körperlich zwar nicht ganz auf der Höhe, wollte ich mir den Auftritt des deutschen Eishockeyspielers des vergangenen Jahrhunderts und seines Freundes Erich Weishaupt, ebenfalls eine Nationalmannschaftslegende, aber nicht entgehen lassen.

Die beiden hatten sich zum Ziel genommen, ein Zeichen für den Erhalt der Solinger Eishalle zu setzen – und erreichten dieses auf eindrucksvolle Art und Weise. Kühnhackl und Weishaupt imponierten als – am 9. März und damit kurz vor dem ersten Corona-Lockdown noch möglich – kontaktfreudige Persönlichkeiten.

fabian.herzog@solinger-tageblatt.de

Sie gingen keinem Autogramm-Wunsch aus dem Weg, ließen bereitwillig Erinnerungsfotos mit sich schießen, trainierten nebenbei den Nachwuchs des EC Bergisch Land und standen auch dem einzigen Pressevertreter vor Ort Rede und Antwort. Auskunftsfreudig und sympathisch, ohne jegliche Allüren. Und dabei mit einer klaren Mission. Dem Erhalt des Eissports in der Klingenstadt.

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