Handball

Meinungen zur WM gehen auseinander

Die deutsche Nationalmannschaft wohnt während der Vorrunde im Hotel „Marriott Mena House Cairo“. David Schmidt, mit fünf Toren gut ins Turnier gestarteter Rückraum-Linkshänder des Bergischen HC, posiert vor der Kulisse der Pyramiden von Gizeh. Foto: Sascha Klahn
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Die deutsche Nationalmannschaft wohnt während der Vorrunde im Hotel „Marriott Mena House Cairo“. David Schmidt, mit fünf Toren gut ins Turnier gestarteter Rückraum-Linkshänder des Bergischen HC, posiert vor der Kulisse der Pyramiden von Gizeh.

Umfrage unter Solinger Sportlern und Trainern zur Austragung der Handball-Weltmeisterschaft.

Von Fabian Herzog, Timo Lemmer und Jürgen König

Es ist die umstrittenste Handball-Weltmeisterschaft aller Zeiten. Ausgerechnet in Pandemie-Zeiten kommen erstmals 32 Mannschaften zusammen, um den Nachfolger von Dänemark als Titelträger zu ermitteln. Die Spiele finden ohne Zuschauer statt, die Delegationen aller Nationen verleben die Tage in Ägypten in einer Blase. Kann man da noch Begeisterung aufbringen? Wie verfolgen Sport-Fans aus Solingen und der Region die WM? Wir haben nachgefragt.

Kerstin Reckenthäler hofft, dass die Konzepte greifen.

Zu den zahlreichen Fußballern, die auch fern eines Lockdowns intensiv die lokalen Handballer verfolgen, zählen die Trainer André Springob und Nils Esslinger. Beide sind darüber hinaus unheimlich sportbegeistert, so dass auch die großen internationalen Turniere in ihrem Fokus liegen. Dabei hat Esslinger diesmal eine kritische Meinung zum Turnier: „Sobald die Spiele laufen, interessiert mich die WM natürlich. Aber ein wenig fehlt mir schon das Verständnis, wenn ich zum Beispiel von Sander Sagosen lese, wie es vor Ort aussieht, und dass die Hygieneregeln nicht immer eingehalten werden.“ Den Grundschullehrer wurmt dann der Gedanke an die Kinder, „die täglich zu Hause bleiben müssen und ganz harte Zeiten durchleben.“ Springob, selbst Lehrer an der Fals, sieht die Austragung ebenfalls zwiegespalten. Die positive Seite aus seiner Sicht: „Das Turnier bringt etwas Normalität.“

Daniel Konrad spricht sich für die WM aus.

Daniel Konrad ist nicht nur Handballer und Pressesprecher des WMTV, sondern vor allem auch als großer Sportfan bekannt. Logisch, dass er die WM genau beobachtet. „Man ist als Trainer und Spieler ja zum Nichtstun verdammt, also verfolge ich die WM mit großem Interesse“, sagt Konrad, der der Durchführung viel abgewinnen kann. Zum einen aufgrund der notwendigen Zerstreuung. „An der Basis, sprich im Unterbau, würden wir ohne eine WM und ohne Handball-Präsenz große Probleme bekommen.“ Und auch die Ausführung mit 32 Teams freut ihn: „Wir wollen Handball global weiterentwickeln.“

„Generell sehe ich diese Weltmeisterschaft schon kritisch.“
Kerstin Reckenthäler, Trainerin des Frauen-Zweitligisten HSV

Auch der Fußball habe sich vor Jahren für kleine und unterklassige Nationen geöffnet: „Zudem wird das die Integration stärken!“ Das Herz blute dem Sportfan dabei mit Blick auf die Ägypter: „Für sie tut es mir unendlich leid: Eine WM vor der eigenen Haustür und man darf sein Land nicht unterstützen.“ Die Entscheidung, keine Zuschauer zuzulassen, sei aber eben unumgänglich und richtig.

Nils Esslinger denkt auch an die Signalwirkung auf Kinder.

Was die deutsche Auswahl betrifft, sind die Solinger Fans zurückhaltend, wenngleich sie sich freuen, dass neue Gesichter alles reinwerfen werden. Das untermauert Springob: „Ein Nachteil ist es nicht, wenn junge Leute, die sich beweisen wollen, dabei sind.“ Und Esslinger findet: „Die deutsche Mannschaft ist schwer einzuschätzen, aber ich denke, die Qualität wird nicht fürs Halbfinale reichen.“ Der TSV-Spielertrainer hat dabei übrigens einen Lieblingsspieler, weil der „absoluten Willen, zu gewinnen“ verkörpert: BHC-Akteur Max Darj, Vize-Kapitän der Schweden. Favoriten seien derweil die üblichen Verdächtigen, meint Konrad: „Aber zur aktuell etwas verrückten Zeit würde ein Überraschungsweltmeister passen.“

Pro und contra – Peter Weckwarth ist hin- und hergerissen.

Als sehr rudimentär bezeichnet Kerstin Reckenthäler ihr Konsum-Verhalten bei der Männer-WM. Soll heißen: Die Trainerin des Frauen-Zweitligisten HSV Solingen-Gräfrath verbringt nicht viel Zeit vor dem Fernseher. Was aber auch damit zu tun hat, dass sie sich in ihrem Job ohnehin mindestens sechs Handballspiele pro Woche anschaut. „Generell sehe ich diese Weltmeisterschaft schon kritisch“, sagt Reckenthäler mit Blick auf Corona. Und hofft darauf, dass das Konzept wie zuletzt bei der EM der Frauen aufgeht.

Als akribischer Fachmann verfolgt natürlich Sebastian Hinze das Geschehen, sind mit David Schmidt, Lukas Stutzke (beide Deutschland), Max Darj (Schweden), Arnor Gunnarsson (Island) und Maciej Majdzinski (Polen) doch gleich fünf seiner Profis von Bundesligist Bergischer HC beteiligt. „Wenn ich nur auf den Handball schaue, ist es interessant wie immer“, erkennt der Trainer mit Freude andere Ideen. Und manche Spiele würden ganz einfach Spaß bereiten – so wie der couragierte Auftritt der Japaner gegen Kroatien, der unentschieden endete.

Ein begeisterter Handball-Fan, ob von HSV-Frauen oder BHC-Männern, ist Peter Weckwarth. Dem Top-Langstreckler fällt es nicht leicht, eine klare Haltung einzunehmen: „Sowohl Befürworter als auch Gegner haben von ihrem Standpunkt aus gesehen gute Argumente, die ich nachvollziehen kann.“ Der Solinger freut sich jedoch für jeden BHC-Spieler, der dabei sein wollte und dürfe – insbesondere für Lukas Stutzke, der mit der Nominierung für seine tolle Entwicklung belohnt werde. Weckwarth: „Aus dieser Sicht betrachtet, hat die WM einen Sinn, denn ein Profisportler lebt und brennt für diese Momente.“

Erwin Reinacher, Trainer bei den Oberliga-Frauen der Bergischen Panther, findet: „Wenn man diese WM infrage stellt, müsste man dies auch mit allem anderen machen. Wie die Fußball- und Handball-Bundesliga.“ Deswegen sei die Austragung der Weltmeisterschaft aus seiner Sicht „trotz Beigeschmack okay“.

Ägypten

Eine große Delegation der WMTV-Handballer ist mittlerweile im Austragungsland der WM angekommen – zumindest virtuell. Seit dem 1. Dezember hatte die Abteilung zum gemeinsamen Sammeln von Lauf-Kilometern aufgerufen, um fiktiv die Distanz von Solingen nach Kairo zurückzulegen. Die 4800 Kilometer waren schnell erreicht, sodass sich die fast 100 WMTVer sogar noch einige Ehrenrunden leisten konnten. Am Ende kamen bemerkenswerte 6400 Kilometer zusammen.

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