Olympische Spiele

Kindheitstraum ist die doppelte Kirsche auf der Sahne

Entspannte Gesprächsrunde: In der Bonner Oper standen André Sanità und Richard Hübers Fabian Herzog (v. l.) Rede und Antwort.
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Entspannte Gesprächsrunde: In der Bonner Oper standen André Sanità und Richard Hübers Fabian Herzog (v. l.) Rede und Antwort.

Mit einem Jahr Verspätung finden die Olympischen Spiele vom 23. Juli bis zum 8. August statt – mit zwei Assen aus der Klingenstadt.

Das Gespräch führte Fabian Herzog

Die Location hätte nicht viel besser gewählt sein können. Im Opernhaus der Fechthochburg Bonn veranstaltete der Deutsche Fechter-Bund seine Pressekonferenz im Vorfeld der Olympischen Spiele in Tokio, wo nach dem Tief von 2016 in Rio, als nur vier Sportler die deutschen Farben vertraten, diesmal ein neunköpfiges Team an den Start geht. Darunter mit Richard Hübers (als Teil der Säbel-Mannschaft) und André Sanità (Florett, Einzel und Mannschaft) auch zwei gebürtige Solinger, die ihrer Premiere beim Megaereignis mit riesiger Vorfreude entgegenfiebern.

Tokyo de omedeto to koun!

(Richard Hübers und André Sanità schauen sich nur fragend an)

Das soll so viel wie „Herzlichen Glückwunsch und viel Erfolg in Tokio“ auf Japanisch heißen.

Hübers: Ah, schon wieder etwas gelernt.

Sanità (lacht): Arigato („Vielen Dank“ auf Japanisch, Anmerkung der Redaktion).

Wir machen wahrscheinlich besser auf Deutsch weiter. Sie beide haben sich mit der Qualifikation für Olympia einen Kindheitstraum erfüllt. Wo hat der seinen Ursprung?

Hübers: Ich kann mich dran erinnern, dass ich bei den Spielen 2000 in Sydney zum ersten Mal vor dem Fernseher gesessen habe und total begeistert war. Von der Stimmung und diesem Zusammenkommen internationaler Sportler. Als mir dann Eero Lehmann, der damals mit der Mannschaft Bronze gewonnen hat, bei einer Weihnachtsfeier meines Vereins FC Ratingen davon vorgeschwärmt hat, wusste ich, dass es etwas ganz Besonderes ist.

Sanità: Ich habe Olympia auch im Fernsehen gesehen und meinem Kumpel kurze Zeit später in einer Eisdiele gesagt: Da bin irgendwann mal dabei. Ursprünglich wollte ich es 2012 schaffen, aber das war etwas voreilig. Dann haben wir 2008 im Fechtzentrum bei uns in Bonn ein Public Viewing veranstaltet, als Benni Kleibrink mit dem Florett Olympiasieger geworden ist. Da war mir endgültig klar: Das will ich auch. Ja und jetzt hat es geklappt, was mich überglücklich macht.

Daran sieht man, wie lange Sie schon für diesen Traum gekämpft haben. Wie fühlte es sich dann an, als dieser Realität wurde?

Hübers: Beim Weltcup in Luxemburg im März 2020 haben wir uns mit der Mannschaft qualifiziert. Damit war aber ja noch nicht klar, wer diese dann in Tokio bildet. Ich hatte jedoch immer ein gutes Gefühl. Als dann vom Verband die Nachricht kam und man es Schwarz auf Weiß hatte, dass man dabei ist – da ist eine Last abgefallen. Bei mir hat sich eine riesige Freude breitgemacht. Ich habe sofort mit meinen Eltern in Solingen und mit meiner Freundin telefoniert, weil das einfach ein toller Moment war.

Sanità: Bei uns war es ja so, dass wir uns als Mannschaft beim Weltcup im Februar 2020 in Kairo das Ticket gesichert haben. Ich war dann aber lange unsicher, ob ich auch im Einzel würde starten dürfen. Als dann aber die Nominierung des DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund) bekannt wurde – da kann man erst mal losschreien. Ein absoluter Gänsehaut-Moment war dann bei der Olympia-Einkleidung in Köln vor ein paar Tagen. Aber so ganz realisieren kann man es irgendwie immer noch nicht. Das wird sich sicherlich ändern, wenn wir da sind.

Welche Bedeutung hat Olympia für Sie?

Richard Hübers (l.) und André Sanità fahren nach Tokio.

Hübers: Für jeden Sportler, mal vielleicht die Fußballer ausgenommen, schweben die Olympischen Spiele über allem. Man misst sich selber daran und wird auch daran gemessen, ob man es dahin geschafft hat oder nicht.

Sanità: Ich glaube auch, dass jeder Sportler, der sich auf einem gewissen Leistungsniveau bewegt, diesen Traum hat. Aber das dann zu schaffen, ist der härtere Schritt. Und da können wir uns drauf freuen und stolz drauf sein.

Um dieses Ziel zu erreichen, mussten Sie in Ihrer Karriere viel investieren und beinahe auf noch mehr verzichten.

Sanità: Mein Vater hat früher immer zu mir gesagt: Geh zu deinem Sport, auch wenn deine Freunde rufen und mit dir spielen wollen. Das war eher das kleinere Problem, man hört ja auf seinen Vater. Aber als Jugendlicher, wenn die Freunde auf Partys gingen – da musste ich oft verzichten. Ich hatte ja quasi auch nie einen freien Tag. Es wurde immer trainiert.

Hübers: Natürlich mussten wir viel für unseren Traum investieren. Mit 15 bei meinen Eltern auszuziehen und ins Sportinternat in Dormagen zu gehen, das war schon hart, ein großes Opfer und eine riesen Entbehrung. Aber ich blicke gerne auf diese Zeit zurück.

Gab es auch mal den Moment, in dem man sich gefragt hat, wofür man das alles investiert?

Sanità: Ja, auf jeden Fall. Es gibt immer mentale Höhen und Tiefen. Ich hatte im Januar wegen der Coronakrise, der hohen Infektionszahlen und der steigenden Ungewissheit so ein Tief. Da hat mich dann meine Frau aufgefangen und gesagt: Olympia wird nicht ausfallen.

Hübers: Für mich waren meine beiden Knieverletzungen inklusive OP solche Momente. Es war ein super harter Kampf, nicht aufzugeben und sich wieder zurückzumelden.

Was wäre denn gewesen, wenn es trotz dieser Entbehrungen nicht geklappt hätte?

Hübers: Wenn ich aufhören würde und hätte es nicht zu Olympia geschafft, würde ich nicht sagen, ich hätte eine schlechte Karriere hingelegt. Aber so ist es jetzt die Kirsche auf der Sahne.

Sanità: Bei mir ist das anders (schmunzelt). Ich wollte meine Karriere nicht ohne Olympische Spiele beenden. Ich habe mir immer gesagt, dass ich gut genug bin, das zu schaffen.

Am Ende haben Sie es ja beide geschafft. Wie waren die Reaktionen darauf?

Hübers: Ich habe unzählige Glückwünsche bekommen. Alle waren sehr stolz und finden das mega klasse. Das hat mich wirklich berührt. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass alle meine Freunde und Bekannten wegen Corona wahnsinnig viel Rücksicht genommen haben. Wenn ich gesagt habe, etwas ist mir wegen einer möglichen Infektion zu heiß, wurde das so akzeptiert und toleriert.

Sanità: Bei meinen Eltern und meiner Schwester sind natürlich ein paar Tränen geflossen. Die ganze Familie ist super stolz. Meine Freunde konnten es teilweise nicht glauben, dass ich es gepackt habe. Alle haben sich tierisch gefreut. Und sogar im Heimatdorf meiner Mutter in Italien wurde ein Zeitungsartikel über mich veröffentlicht.

Kommen wir zu dem, was auf Sie ab dem 23. Juli wartet. Wie groß ist die Anspannung?

Sanità: Ich denke, die kommt erst noch. Aktuell verspüre ich eine unheimliche Motivation und lege im Training immer wieder Extraschichten ein. Um wirklich gut vorbereitet zu sein.

Hübers: Ich bin auch überhaupt noch nicht angespannt. Auch im Team gehen wir relativ locker mit der ganzen Kiste um. Meiner Meinung nach ist man auch schneller wieder draußen, als man gucken kann, wenn man da verkrampft rangeht.

Welche Erwartungen haben Sie? Zum Beispiel das Drumherum betreffend.

Hübers: Es ist quasi nichts erlaubt. Wir werden in einer Blase leben und dürfen uns nur an olympischen Stätten bewegen, an denen man zugelassen ist. Also das Olympische Dorf, unsere Wettkampfstätte und, falls wir dafür angefragt werden, das Mediencenter. Und das ist es quasi. Aber grundsätzlich sind wir einfach froh, dass Olympia überhaupt stattfindet. Ich habe auch hundertprozentiges Verständnis, dass die Veranstalter Sorge haben.

Sanità: Ich denke, dass die Emotionen dennoch da sein werden. Es sind trotz allem die Olympischen Spiele. Und meine Erwartungshaltung setzte ich grundsätzlich immer niedrig an und lasse mich dann einfach überraschen.

Und was ist sportlich möglich?

Hübers: Wir sind die Nummer vier der Welt, natürlich macht man sich da gewisse Hoffnung. Aber da hängt viel von der Tagesform ab. Und noch mal zu den besonderen Umständen: Wenn wir Olympiasieger werden, also rein hypothetisch, dann ist es uns völlig egal, ob da Zuschauer sind oder nicht. Ob wir im deutschen Haus gefeiert haben oder nicht. Grundsätzlich wäre es Quatsch, zu sagen, wir gucken einfach mal, wie es läuft. Unser Ziel sollte schon sein, eine Medaille mitzunehmen.

Sanità: Als Mannschaft gehen wir von Position acht ins Rennen, können komplett frei reingehen und einfach gucken, was geht. Wer weiß, vielleicht gibt es ja wieder eine Überraschung. Die Top-Leute haben den Druck, nicht wir. Im Einzel werde ich auf Weltranglistenplatz 66 geführt und kann auch frei drauf los fechten. Wenn ich einen guten Tag habe, kann ich viele schlagen.

Stichwort Corona: Welchen Einfluss nimmt die Pandemie auf die Zeit in Tokio?

Hübers: Vor der Ankunft werden zwei PCR-Tests, 72 und 96 Stunden vorher, gemacht. Am Flughafen dann noch einen Schnelltest, und vor Ort werden wir täglich getestet werden. Außerdem haben wir keinen Kontakt zur Bevölkerung, die Medienvertreter sind wie wir in der Blase. Die Einzigen, die von außen dazukommen, sind die Volunteers. Und die sind streng dazu angehalten, zwei Meter Abstand zu uns zu halten.

Wie ist der genaue Zeitplan der nächsten Wochen?

Hübers: Wir reisen am 17. Juli von Frankfurt aus an und zwei Tage nach unserem Wettkampf am 28. Juli ab 10 Uhr Ortszeit direkt wieder ab. Bedeutet für mich, dass ich am 30. Juli schon wieder nach Hause komme.

Sanità: Unsere Anreise ist identisch. Ich bin im Einzel am 26. Juli (ab 9.25 Uhr Ortszeit) dran, mit der Mannschaft am 1. August ab 9 Uhr Ortszeit. Zurück fliegen wir dann am 3. August.

Dann bleibt uns als Sportredaktion des Solinger Tageblatts ja quasi nur noch eines zu sagen: Tokyo de omedeto to koun!

Hübers: Vielen Dank!

Sanità: Dankeschön!

Zu den Personen

André Sanità

André Sanità hat seine Karriere beim STB begonnen.

Geboren: 28. März 1992 in Solingen.

Wohnort: Bonn-Beuel.

Erster Verein: Solinger TB.

Aktueller Verein: OFC Bonn.

Erfolge: Deutscher Meister 2015 (Team), 2018 (Einzel und Team) und 2019 (Team); EM-Bronze 2016 (Einzel) und -Silber 2019 (Team).

Richard Hübers

Richard Hübers erlernte die Grundlagen beim WMTV und STB.

Geboren: 10. Februar 1993 in Solingen.

Wohnort: Köln.

Erster Verein: WMTV Solingen.

Aktueller Verein: TSV Bayer Dormagen.

Erfolge: Deutscher Meister mit der Mannschaft 2013, 2017 und 2018; Team-Europameister 2015; Gold bei den Militärweltspielen 2019.

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