Handball

HSV-Sternstunde gegen Zwickau

Begeisterung pur: HSV-Trainerin Kerstin Reckenthäler und die komplette Bank jubelt – der Zwickauer Coach kann es nicht fassen. Foto: Moritz Alex
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Begeisterung pur: HSV-Trainerin Kerstin Reckenthäler und die komplette Bank jubelt – der Zwickauer Coach kann es nicht fassen.

Handball, 2. Bundesliga: Spannendes Geisterspiel in der Klingenhalle.

Von Lutz Clauberg

Der HSV Solingen-Gräfrath mischt weiter die 2. Bundesliga auf. Die neueste Erkenntnis: Kerstin Reckenthälers Mini-Kader nimmt es auch mit Titelfavoriten auf. Mit 25:24 (10:12) gewann der neue Tabellendritte gegen den letztjährigen Dritten und haushoch favorisierten BSV Sachsen Zwickau. „Ich bin so froh“, sagte die Trainerin nach der Sternstunde für den Solinger Frauenhandball in der nahezu leeren Klingenhalle – Zuschauer waren nämlich nicht erlaubt.

„Das ist hier kein Wurftraining für Vanessa.“

HSV-Trainerin Kerstin Reckenthäler in der Pause

Merit Müller lochte exakt eine Sekunde vor Spielende ein. Mit einem präzisen Wurf von Rechtsaußen. Der Ball sprang vom Innenpfosten ins Tor. Anschließend: Emotionen pur. „Ich gönne es Merit so“, freute sich Reckenthäler mit der gerade erst 20 Jahre alten Linkshänderin, die einen riesigen Sprung gemacht hat in dieser so erfolgreichen Saison. Wie eigentlich alle: „Letzte Saison hätten wir so ein Spiel verloren“, teilte Linksaußen Franziska Penz ihrer Trainerin mit, die die zündende Idee in der Auszeit 17 Sekunden vor Abpfiff kommunizierte. „Ich dachte mir, dass Zwickau sich auf Vanessa Brandt und Mandy Reinarz konzentrieren wird. Also habe ich entschieden, dass Merit zum Abschluss kommen soll.“ Brandt und Reinarz wurden in der Tat nach Freigabe des Spielgerätes offensiv beackert. Zu dritt – Penz saß eine Zeitstrafe ab – spielten sich Carina Senel, Luca Tesche und Müller den Ball zu. Bis Müller frei war.

Bis zur Pause sah es nicht unbedingt nach dem vierten Sieg im fünften Spiel aus. Der HSV hatte bis dahin im Schnitt knapp 31 Tore pro Partie erzielt. „Zehn Treffer waren ein wenig mager“, erkannte natürlich auch die erfahrene Trainerin. Sie mahnte zum Beispiel bei Mandy Reinarz an, mehr Eigeninitiative zu zeigen. Denn Vanessa Brandt war nahezu Alleinunterhalterin. Reckenthäler in der Pause: „Das ist hier kein Wurftraining für Vanessa.“

Die Top-Torjägerin warf aus allen Lagen, hatte reichlich Mut, auch zum Risiko. Mit viel Selbstbewusstsein ließ sie sich auch von dem einen oder anderen Fehlwurf nicht schocken. Als sie zwischenzeitlich an die kurze Leine genommen wurde, schlug die unglaublich kämpfende Mandy Reinarz zu. Sie ging konsequent in die Lücken, traf zudem auch aus dem Rückraum.

Ein wesentlicher Faktor, dass der HSV eine derartig grandiose zweite Halbzeit (mit 15 Toren) absolvierte, war Cassandra Nanfack. Sie spielte trotz Bänderriss, biss die Zähne zusammen und zog voll durch. Als sie sich Fehler leistete, kam Luca Tesche zurück. Sie war zu Beginn von der Rolle und agierte in der Schlussphase solide. Franziska Penz gelang ein entscheidendes Tor zum 24:23. Ebenfalls wichtig: Lisa Fahnenbruck übernahm den Part von Natascha Krückemeier zwischen den Pfosten mit Wiederanpfiff. Unabhängig davon, dass sie einige schwere Bälle parierte, fing sie einen aus der zweiten Reihe abgefeuerten Wurf – und hatte auch das nötige Glück, als Linksaußen Jenny Choinowski nur den Innenpfosten traf. Zwickau traf die falsche Entscheidung: Der Wechsel von Torhüterin Ela Szott auf Charley Zenner zur zweiten Hälfte fruchtete gar nicht. Szott kam in der 43. Minute zurück – bis dahin hatte der HSV schon reichlich getroffen.

HSV: Krückemeier, Fahnenbruck; Brandt (9), Reinarz (5), Nanfack (4, 1), Penz (3), Müller (3), Senel (1), Tesche, Bongartz, Bohnen

2. Bundesliga

Bilanz: 2011 verlor der HSV im Pokal mit 22:27 gegen Zwickau, mit dem gleichen Ergebnis am 20. Oktober 2019. Am 29. Februar 2020 setzte sich das Team aus Sachsen sogar 38:28 durch. Umso höher ist der aktuelle Sieg zu bewerten.

Programm: Am Samstag (24. Oktober) wird die Partie zwischen dem VfL Waiblingen und dem HSV angepfiffen. „Die sind im Aufwind“, berichtet Trainerin Kerstin Reckenthähler über den Gegner.

Meinung: Nur die Geister schauen zu

Von Thomas Rademacher

thomas.rademacher@solinger-tageblatt.de

Der Geschäftsführer des Bergischen HC, Jörg Föste, ist kein Freund des Wortes „Geisterspiel“. Schließlich werden die Partien der Handball-Bundesliga im Fernsehen übertragen, so dass die Fans zumindest auf dem heimischen Sofa dabei sein können. Föste bevorzugt daher den Begriff „Medienspiel.“

So recht der 59-Jährige damit in der Regel hat, dass das zu Corona-Zeiten in aller Munde befindliche Geisterspiel eigentlich keines ist, so sehr war das Duell des HSV Solingen-Gräfrath gegen den BSV Sachsen Zwickau in der 2. Bundesliga der Frauen eben doch eines. Denn neben ein paar Pressevertretern und Ehrenamtlichen durfte dort nun wirklich niemand zuschauen außer – wenn man denn daran glaubt – ein paar Geistern.

Die sahen übrigens ein schier unglaubliches Spiel, das Publikum mehr als verdient gehabt hätte. Die Situation ist für niemanden zufriedenstellend. Der Mannschaft fehlt die Unterstützung, dem Verein fehlen überlebenswichtige Einnahmen, dem Zuschauerausschluss fehlt der Sinn. Dass Veranstalter von Sportereignissen, die zur Minimierung des Infektionsrisikos auf Hygienekonzepte setzen und Zuschauer sogar mit Maske auf der Tribüne platzieren würden, unter der aktuellen Lage als Erstes leiden müssen, ist schlicht politischer Aktivismus. Und bei einem echten Geisterspiel im Vergleich zum Medienevent noch eine Spur ärgerlicher.

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