Handball

Aus zwei Kränkelnden wird eben doch ein Gesunder

Sebastian Hinze gehörte zu den Leistungsträgern – sowohl bei der SG als auch später beim BHC. Der Kreisläufer ist dem Club bis heute erhalten geblieben. Seit 2012 ist er Cheftrainer. Foto: Christian Beier
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Sebastian Hinze gehörte zu den Leistungsträgern – sowohl bei der SG als auch später beim BHC. Der Kreisläufer ist dem Club bis heute erhalten geblieben. Seit 2012 ist er Cheftrainer.

Trotz einiger Widerstände wird 2006 der Bergische Handball-Club ins Leben gerufen – unser Blick zurück

Von Thomas Rademacher und Jürgen König

Ein paar Tage vor der offiziellen Präsentation war es dann doch gerüchteweise in die Öffentlichkeit gedrungen, aber insgesamt blieb es ein Meisterstück der geheimen Planung: Am 5. Mai 2006 gab der Bergische Handball-Club 06 bekannt, zur folgenden Saison aus den bisherigen Zweitligisten SG Solingen und LTV Wuppertal die blau-weißen Löwen zu machen. „Die Chemie hat schnell gestimmt“, sagte Manager Stefan Adam zu den vorbereitenden Verhandlungen – unser spannender Blick zurück ins ST-Archiv.

Ein Knackpunkt war die Sportstätte. Sonnborner Bayerhalle vor Klingenhalle lautete der Beschluss, der insbesondere in Solinger Fan-Kreisen für wütende Proteste sorgte. Kurze Zeit später war klar, dass doch etwa ein Drittel der Spiele am Weyersberg ausgetragen würde. Der Etat wurde anfänglich auf 800 000 Euro beziffert, nicht nur aus der Fremde kamen dennoch kritische Stimmen. „Ich bin skeptisch, aus zwei Kränkelnden muss nicht unbedingt ein Gesunder entstehen“, ließ Bob Hanning, Handball-Fachmann mit Vergangenheit in beiden bergischen Großstädten, verlauten. Sportlich war die Zweitliga-Saison an beiden Standorten ein Misserfolg gewesen. Wuppertal stieg als 17. ab, Solingen landete auf einem mageren 14. Rang.

„Spiele, die im vergangenen Jahr von Wuppertal oder Solingen verloren wurden, die gewinnt der Bergische HC in dieser Saison.“

Stefan Adam im Dezember 2006

Der Schritt allerdings war notwendig geworden. Achim Kirschner, der die finanziellen Fäden bei der SG Solingen zog, stand für die Unterdeckung in der Saison 2005/06 persönlich gerade. „100 000 Euro mehr als geplant werde ich aufwenden müssen“, sagte der Unternehmer und beschwichtigte damit auch viele Fans, die die Fusion arg verurteilten. In Wuppertal war die Grundstimmung ähnlich. Stefan Adam wurde beim Bewerben der Fusion ausgebuht.

Letztlich gelang die bergische Verschmelzung auch nur im Profibereich. Der LTV erhielt auf eigenen Wunsch auch keine Anteile an der BHC Marketing GmbH, die bis heute den Spielbetrieb für die Löwen abwickelt, und blieb im Amateurbereich eigenständig. Der BHC-Unterbau kam damit ausschließlich aus Solingen, trug zunächst auch weiterhin den Namen der SG, dann mit dem Zusatz BHC. Erst später firmierten auch die Amateure als Bergischer HC.

Die Solinger Anteile bei der Bildung des Kaders zur Saison 2006/07 waren größer als die aus der Nachbarstadt. Mathias Fuchs, Top-Torjäger und Solinger Eigengewächs, blieb genauso wie Kreisläufer Sebastian Hinze, heute Trainer des BHC, und viele andere Leistungsträger. Aus Wuppertal hinzu kam zum Beispiel Jens Reinarz, der fünf Jahre später den Aufstieg mit dem Club feiern sollte. Auch Alexander Oelze, den der LTV aus Magdeburg bereits verpflichtet hatte, wurde übernommen – und sollte mit einer einjährigen Unterbrechung bis Anfang 2017 bleiben.

26:26 gegen Dormagen lässt BHC auch in den Fanherzen ankommen

Aus Solinger Sicht blieb der neue Trainer auch der alte. Norbert Gregorz leitete die Geschicke des Teams, das am 3. Juli mit der Vorbereitung auf die Zweitliga-Saison begann. Auch Betreuer Siegfried Knapik blieb beim Team, und Jens Scheffler, der bereits 1989 in der August-Dicke-Schule bei den Heimspielen am Mikrofon von Vorgängerverein Sportring gestanden hatte, war weiterhin eine feste Größe. Das Unglaubliche: Beide befinden sich auch 2020 noch in den selben Rollen bei den Löwen.

Gewöhnen mussten sich alle Beteiligten an die neue Spielstätte. Nach dem ersten Test lobte Scheffler: „Ich bin angenehm überrascht, da kann schon gute Stimmung aufkommen.“ Hatte die SG Solingen in der Saison 2005/06 im Schnitt 700 Zuschauer begrüßt, steigerte sich der BHC im ersten Saisonspiel in der Bayerhalle immerhin auf 900.

Mit 181 Toren war Mathias Fuchs erfolgreichster Torjäger der SG Solingen in der Saison 2005/06. Das Eigengewächs blieb auch dem Bergischen HC treu.

Doch nur der sportliche Erfolg würde die Kritiker verstummen lassen. Das war einhellige Meinung bei den Verantwortlichen um Manager Adam. Der Saisonstart gelang: ein 24:24 in Willstätt, ein 29:25 gegen den ThSV Eisenach. Doch der Funke sprang erst durch ein hart erkämpftes 26:26 gegen die hoch favorisierten Dormagener über. Die Partie in Wuppertal ging als Ankunft im Herzen der bergischen Handballfans in die Historie ein. 1650 Zuschauer waren dabei – damals eine tolle Zahl.

Was folgte, war ein unglaublicher Jahres-Endspurt, der die meisten Zweifler tatsächlich verstummen ließ. Die Löwen gewannen sieben Spiele in Folge und krönten ihre Hinrunde durch ein 28:27 bei der TSG Friesenheim. Alexander Oelze war es, der durch einen direkten Freiwurf nach dem Schlusspfiff zum Sieg traf. Adam sagte damals: „Spiele, die im vergangenen Jahr von Wuppertal oder Solingen verloren wurden, die gewinnt der Bergische HC in dieser Saison.“

Der BHC überwinterte als Zweiter, stieg später aber nicht auf. Das große Ziel ließ noch eine Weile auf sich warten. Gregorz musste als Trainer im Dezember 2007 gehen. Ihm folgte Raimo Wilde, der zwei Jahre danach von HaDe Schmitz beerbt wurde. Erst ihm gelang mit dem Team der Sprung nach oben – am 21. Mai 2011 in Aue.

Kontraste

Etat: Mit 800 000 Euro plante der Bergische HC in seiner ersten Saison. In die jüngste Spielzeit gingen die Löwen mit einem Etat von 3,6 Millionen Euro. Geschäftsführer Jörg Föste deutete bereits einen Umsatz von vier Millionen Euro an – dann kam mit dem Abbruch allerdings ein Schlag ins Kontor.

Zuschauer: 1238 Fans kamen in der ersten Saison im Schnitt. 2019/20 sind es mehr als 3000 – ligaweit Platz 14.

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